Eine Chance für Haiti

11,5 Milliarden Dollar braucht Präsident Préval für den Aufbau des Karibikstaats

Wenn ein Politiker vor dem Hintergrund einer schweren Katastrophe von seinen Träumen spricht, statt von konkreten Schritten gegen die schlimmste Not, klingt das irritierend und unangemessen. So jedenfalls äußerte sich René Préval, der Präsident von Haiti, am Mittwoch in New York auf der internationalen Geberkonferenz für Haiti . „Wir teilen denselben Traum“, sagte Préval. Bis 2030 solle Haiti kein Entwicklungsland mehr sein, sondern eine blühende Volkswirtschaft.

Derzeit liegt Haiti in Trümmern. Seit dem Erdbeben am 12. Januar 2010 sind 1,3 Millionen Menschen obdachlos, vierzig Prozent davon verfügten vergangene Woche nicht einmal über ausreichenden Regenschutz. Zwar hat die internationale Hilfe Seuchen verhindern können. Bei starken Regenfällen könnte sich die Lage der Erdbebenopfer aber weiter verschlimmern. Allein in Port-au-Prince sollen sieben Camps mit über 45 000 Menschen von Überschwemmungen und Erdrutschen bedroht sein. Die Wirtschaft liegt darnieder, die Aussaatzeit steht bevor, aber vielen Bauern fehlt Geld für den Ankauf von Saatgut. Derzeit beraten Experten der Vereinten Nationen darüber, wie ein Teil der Obdachlosen außerhalb der überfüllten Hauptstadt auf dem Land angesiedelt werden kann. Dafür müsste die Regierung aber Land bereitstellen. Bei dem Wiederaufbau von Slumvierteln müssen zudem Eigentumsfragen geklärt werden. Denn die Bewohner haben meist keine Besitztitel auf den Grund, auf dem ihre Hütten stehen.

Milliardenschäden nach dem Beben

Bei dem schweren Erdbeben von der Stärke 7,0 am 12. Januar kamen etwa 223 000 Menschen ums Leben, 311 000 wurden verletzt. Noch höher dürfte die tatsächliche Zahl sein: Immer noch liegen unzählige Leichen unter den Trümmern. Statistiker berechnen den wirtschaftlichen Schaden auf 7,9 Milliarden US-Dollar, das übertrifft das Bruttosozialprodukt Haitis. Für den Wiederaufbau will die Regierung in den nächsten achtzehn Monaten etwa 3,8 Milliarden Dollar investieren. Dafür braucht sie internationale Hilfe. Am Donnerstagmorgen konnte Haiti mit 9.8 Milliarden Dollar Hilfen rechnen. Diese Summe ergibt sich aus Zusagen von 59 Ländern und Institutionen. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren 11,5 Milliarden US-Dollar in den „Aktionsplan für den nationalen Wiederaufbau“ fließen.

Das Programm stellte Edmund Mulet, Interimschef der UN-Mission in Haiti, am Vorabend der internationalen Geberkonferenz vor. Es gehe darum, „Krankenhäuser, Schulen, Straßen und Häfen wieder aufzubauen“, aber auch Haiti „auf den Weg des Wachstums und der Modernisierung zu bringen.“ Die Prioritäten ihres Plans hatte die haitianische Regierung vor zwei Wochen auf einer Vorkonferenz in der benachbarten Dominikanischen Republik vorgestellt. Neben Schulen und Kliniken soll das zerstörte Regierungsviertel wiederaufgebaut werden. Derzeit tagt die Regierung in einer Polizeikaserne in der Nähe des Flughafens. Dass die Regierung ihr Regierungsviertel ausgerechnet dort wieder aufbauen will, wo die schwersten Zerstörungen erfolgten, wird in Haiti kritisiert. Erdbebenspezialisten und Architekten raten dazu, die Hauptstadt komplett zu verlegen. Für Missmut hat auch der Ausschluss eines Teils der Öffentlichkeit von Vorbereitungen zum New Yorker Gipfel gesorgt: Regierung und internationale Geber hätten den 250 Seiten dicken Wiederaufbauplan unter sich ausgehandelt, ohne die Bevölkerung zu fragen. Das bemängelt auch das Hilfswerk Misereor. „Man kann nicht von einer wirklichen Teilhabe der haitianischen Gesellschaft beim Wiederaufbau sprechen“, sagte Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Auch die Details des Wiederaufbauplans trafen auf der Geberkonferenz nicht bloß auf Zustimmung. „Das ist ein bisschen naiv“, sagte nach Informationen der Wiener „Presse“ der Entwicklungsökonom Arvind Subramanian vom „Petersen Institute“ in Washington. „Man kann zwar die zerstörte Infrastruktur wieder aufbauen, aber weit wichtiger sind funktionierende Institutionen“. Schon vor der Katastrophe sei die Polizei extrem korrupt und das Bildungswesen so schlecht wie in kaum einem anderen Land gewesen. Auf dem Korruptionsindex von „Transparency International“ rangierte Haiti vor dem Beben auf Platz 168 der hundertachtzig untersuchten Staaten.

„Wir können das Land nicht neu erfinden“

Auch der Politologe Günther Maihold warnte gegenüber dem Deutschlandradio: „Wir können das Land nicht neu erfinden, sondern wir müssen einen Weg herstellen, in dem es gelingt, den Wiederaufbau der physischen Infrastruktur und den Staatsaufbau aneinanderzukoppeln.“ Jetzt irgendwelche weiße Elefanten mit schönen Krankenhäusern und Schulen in die Landschaft zu stellen, ohne dass diese Infrastruktur auch kompetent gemanagt werden kann, helfe niemandem weiter. „Das kann bedeuten, dass der Wiederaufbau langsamer wird, weil die staatlichen Strukturen ebenfalls wachsen müssen. Wir haben es mit einem gescheiterten Staat zu tun, und dementsprechend müssen wir langsamer verfahren.“

Ein „Zurück“ zur Lage vor dem Erdbeben würde bedeuten, dass Haiti das Armenhaus Amerikas bleibt, Lebenserwartung, Unterernährung und Analphabetenrate auf dem Niveau des südlichen Afrikas verharren und die Regierenden nicht einmal die dringendsten Aufgaben der Daseinsvorsorge regeln. Tatsächlich gestand auch Haitis Botschafter in Deutschland, Jean Robert Saget, kürzlich offen ein, dass seine Regierung zu Beginn des internationalen Hilfseinsatzes nur zugeschaut habe.

Die Bevölkerung Haitis traut ihrer Regierung nicht viel zu. In einer von der Hilfsorganisation „Oxfam“ vorgenommenen Umfrage bewerteten nur dreizehn Prozent die Reaktion der Behörden auf das Erdbeben als gut oder sehr gut. Werte über fünfzig Prozent erzielten hingegen ausländische Regierungen und Hilfsorganisationen. Kein Wunder, dass immer mehr Bürger ein ausländisches Protektorat für Haiti fordern, wahlweise unter Führung der Vereinigten Staaten oder der Vereinten Nationen. Dies aber lehnen Regierung und internationale Geber einhellig ab. Und doch will man die Verwaltung der zu erwartenden Milliarden nicht alleine der Regierung Haitis überlassen. Deshalb gehört zu den Plänen der Konferenz auch die Gründung einer Agentur, die sich aus Vertretern der Regierung und der Geldgeber zusammensetzt und die den Mittelstrom koordinieren, überwachen und darüber berichten soll. Auch wenn das Geld für den Wiederaufbau von außen kommen wird, verwendet werden soll es im „Bares für Arbeit-Programm“ der Vereinten Nationen. Denn: „Die Haitianer erklären uns sehr deutlich, dass sie auf eigenen Füßen stehen und mit eigenen Händen ihr Land wieder aufbauen möchten. Es muss das erklärte Ziel der Konferenz in New York sein, ihnen dies zu ermöglichen“, sagte Marcel Stoessel von der Hilfsorganisationen Oxfam. „Die Haitianer erwarten keine milden Gaben; sie möchten Arbeit, Bildung für ihre Kinder und ein Dach über dem Kopf.“

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