Die Würde im Mittelpunkt

Misereor-Mitarbeiter Benjamin Luig über das Weltsozialforum in Tunis. Von Clemens Mann
Foto: Archiv | Benjamin Luig ist als Beobachter für das katholische Hilfswerk Misereor auf dem Weltsozialforum in Tunis.
Foto: Archiv | Benjamin Luig ist als Beobachter für das katholische Hilfswerk Misereor auf dem Weltsozialforum in Tunis.
Herr Luig, am Samstag endet das Weltsozialforum in Tunis. Mit welchen Erwartungen sind Sie zu dem Forum gekommen?

Ich habe einen starken Austausch erwartet, der in der Größe und auch in der Zusammensetzung einmalig ist. Es sind viele Organisationen vor Ort. Etwa 3 000 Organisationen haben teilgenommen, darunter Frauengruppen, Jugendverbände, Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, Bauernorganisationen und NGOs. Diese Plattform, die sich hier bietet, ist eine hervorragende Möglichkeit, sich auszutauschen, gemeinsam zu den Themen, die in unterschiedlichen Regionen der Welt die Menschen bewegen.

Es haben sich überwiegend alternative und linke politische Gruppierungen sowie Globalisierungsgegner in Tunis getroffen. Weshalb ist das Treffen für eine kirchliche Entwicklungshilfeorganisation interessant?

Das übergeordnete Thema des Weltsozialforums in Tunis war das Recht aller Menschen, in Würde zu leben. Das ist auch ein Anliegen von Misereor. Wir setzen uns für Menschen ein, die in ihrer Gesellschaft marginalisiert werden, verarmt und an den Rand gedrängt sind. Was Sie als politische Gruppierungen bezeichnen, kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Es reicht von der Friedrich-Ebert-Stiftung bis zu den tunesischen Müttern der im Mittelmeer ertrunkenen Migranten, die öffentliche Aufklärung einfordern. Wir treffen hier auf viele Partner und potenzielle Partner, mit denen wir eine globalisierungskritische Position teilen. Wir streiten nicht gegen die Globalisierung, aber für eine andere, gerechtere Globalisierung.

In Deutschland sind linke Gruppierungen oft sehr kirchenkritisch. Wird man als kirchliche Entwicklungshilfeorganisation überhaupt ernst genommen?

Absolut. Es gibt von Seiten sozialer Bewegungen oft ein großes Vertrauen in kirchliche Akteure. Das liegt zum einen daran, dass wir bewusst mit kleinen Organisationen, mit Bauernbewegungen, auch mit Kooperativen zusammenarbeiten – oft auf Augenhöhe. Ich habe außerdem den Eindruck, dass in vielen Regionen der Welt, so auch hier, ein aufgeklärtes Christentum als starke politische Kraft geschätzt wird. Ich erinnere mich daran, dass es vor zwei Jahren beim Weltsozialforum in Dakar zum Beispiel aufsehenerregende Veranstaltungen mit islamischen und katholischen Theologen gab. Diese haben über die Demokratisierung Afrikas, über Sicherheit und Frieden, diskutiert. Das hat viele Leute angezogen und waren mit die spannendsten Veranstaltungen.

Welche Themen hat das Weltsozialforum in Tunis noch diskutiert?

Der Fokus lag in diesem Jahr besonders auf dem arabischen Frühling und der Demokratisierung in arabischen Ländern: Was bedeutet dieser Frühling für die Welt? Welche Hoffnungen gibt es? Welche Widersprüche? Kleinfischer aus Tunesien berichteten mir, dass sie sich erst seit 2011 richtig organisieren können. Andererseits fehlt im Moment die staatliche Autorität, die verhindert, dass größere Fischcrawler ihnen auf dem Meer die Netze zerstören, mit denen sie nah an ihre Boote heranfahren. Darüber hinaus gibt es natürlich noch andere Themen, die stark mit der Region zusammenhängen: Beispielsweise das Thema Migration, das Recht auf Bewegungsfreiheit für Migranten. Viele Menschen aus Afrika wollen nach Europa gelangen. Die EU kämpft dagegen aber an. Oder die stark steigenden beziehungsweise schwankenden Lebensmittel- und Grundnahrungsmittelpreise. Das ist ebenfalls ein wichtiges Thema.

Inwiefern spielt die zurückliegende Finanzkrise eine Rolle bei dem Treffen?

Sie war stark im Fokus. Sowohl in ihren Folgewirkungen auf die Euro-Zone, als auch in ihren Auswirkungen auf andere Sektoren. Nicht zuletzt durch Finanzspekulationen nimmt der Druck auf Ressourcen, wie Agrarland, zu. In den Diskussionen zur Finanzkrise zeigen sich aber auch die Grenzen des aktuellen Forums. Zu strategischen Überlegungen, welche Reaktionen man etwa von den Staaten fordert, kam es nur begrenzt.

Hat die Wirtschaftskrise zu einer Verschärfung der Situation, beispielsweise bei Migration, beigetragen?

Auf jeden Fall. Und auf unterschiedliche Art und Weise. In den letzten Jahren sind viele Ressourcen knapper geworden, zum Beispiel eine Ressource wie Wasser. Das spürt man in der Region sehr stark. Das wiederum setzt landwirtschaftliche Produktionssysteme unter Druck und führt zu Migration. Es gibt enge Zusammenhänge. Nicht nur in Nordafrika, sondern zum Beispiel auch in Südostasien oder in Lateinamerika, wo viele Partner von uns zunehmend in Landkonflikte verwickelt werden.

Parallel zum Weltsozialforum trafen sich die BRICS-Staaten, der Zusammenschluss der aufstrebenden Schwellenländer China, Brasilien, Russland, Indien und Südafrika, in Durban. Unter anderem wollen sie eine eigene Entwicklungsbank gründen und damit die Abhängigkeit von den Industriestaaten reduzieren. Ist das ein Thema in Tunis?

Zu diesem Thema habe ich auf dem Weltsozialforum nichts gehört, durchaus aber zu anderen aktuellen politischen Initiativen, etwa viele kritische Stimmen zu der sogenannten „G8 New Alliance for Food Security and Nutrition“. Diese will den Hunger in Afrika über Investitionen von großen europäischen und US-amerikanischen Konzernen des Agri-Business bekämpfen.

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