Die Wachstumslüge entlarven

Wofür rackern wir uns ab? Wer gewinnt, wer verliert und was bleibt? Von Friedrich Von Westpahlen
Foto: Symboldpa | Wenn Wachstum in der Wirtschaft zur Ideologie wird, bleibt am Ende der Mensch auf der Strecke.
Foto: Symboldpa | Wenn Wachstum in der Wirtschaft zur Ideologie wird, bleibt am Ende der Mensch auf der Strecke.

Nicht erst seit dem Ausbruch der Finanz- und Eurokrise haben die Prognosen der Wirtschaftswissenschaftler auf die Politik einen unglaublich großen Einfluss. Ihr Grundakkord ist jedoch immer der gleiche: Gefragt und gefordert wird eine Politik, welche Wachstum und nochmals Wachstum generiert, welche die Zahl der Arbeitslosen senkt und den Konsum – vor allem die Binnennachfrage – ankurbelt. Darin liegt offenbar der „Sinn“ des Wirtschaftens. Doch es ist auffallend: Stellt man die Forderungen nach immer mehr Konsum, Wachstum und damit auch nach Wohlstand – kurz: nach einem Anstieg des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) – in eine enge Korrelation zu den Grunddaten, welche sich auf privates Glück, auf Wohlergehen und auch auf Wohlfühlen der Menschen – kurz: auf ein lebenswertes Leben, auf eine „work-life-balance“ – beziehen, dann klafft seit Jahrzehnten eine große Lücke.

Die Schattenseiten werden mehr und mehr bewusst

Denn immer mehr Menschen wird bewusst, dass die Daten des Wirtschaftens, des Geldes und die des Wohlstandes und vor allem des wachsenden verfügbaren Einkommen nicht alles sind. Die Schattenseiten dieser Entwicklung treten ja mehr und mehr in das Bewusstsein der Menschen: Die Wirtschaft – nicht nur hierzulande, sondern im Weltmaßstab – wächst, weil sich die Staaten immer weiter verschulden, weil sie den eigenen, gegenwärtig zu genießenden Wohlstand mehren und den nachwachsenden Generationen Gebirge von Schulden überlassen, die praktisch nicht mehr abgetragen werden können. Mehr noch: Diesen Wohlstand genießen wir, indem wir die Ressourcen des Planeten in einem Maß verbrauchen, das unsere Kinder, Enkel und Urenkel vor ein Dilemma stellen wird. Derweil werden die Reichen immer reicher; die „Gerechtigkeitslücke“ wird größer, die Armen haben kaum noch eine hinreichende Chance.

Dieser Zusammenhang zwischen Wachstum und den nachteiligen Folgen des Wachstums ist durchaus bekannt. Es ist indessen das große Verdienst des „Denkwerks Zukunft“ (Verfasser: Stefanie Wahl/Karsten Gödderz) einen umfassenden Bericht für das Jahr 2011 vorgelegt zu haben, der versucht, die Messwerte des Wohlstands nicht mehr nur am Wachsen oder Stagnieren des BIP festzumachen. Vielmehr stellt er eine enge Korrelation zwischen vier Faktoren her, die als entscheidend angesehen werden, um den „wirklichen“ Zuwachs an Wohlstand in einer Gesellschaft, auch vor allem am Wohlergehen des Einzelnen, zu messen: Dem „pro-Kopf-BIP“ (ein Faktor des liberalen, des freien Marktes), der Einkommensungleichheit (ein Faktor fundamentaler Gerechtigkeit), der Schuldenquote und dem „ökologischen Fußabdruck“ (beides Faktoren fehlender Solidarität und des blinden Egoismus), verstanden als nachhaltige Messgröße im Vergleich zur gegenwärtig (noch) verfügbaren Biokapazität der Erde.

Man kann diese Korrelation auch als Maßeinheit für personale und auch gesellschaftliche Verantwortung einordnen oder – wirtschaftlich gesprochen – als Parameter für die Nachhaltigkeit einer prosperierenden Entwicklung von Staat und Gesellschaft bewerten. Die Einkommensungleichheit spiegelt dabei vor allem die gesellschaftliche Ausgrenzung wider, die sich aus den Attributen „reich“ und „arm“ (und dem entsprechenden Verhalten der Beteiligten) unschwer ablesen lässt. Denn – und darüber kann ernsthaft nicht mehr gestritten werden – wenn die Reichen immer reicher werden, dann schwindet der gesellschaftliche Zusammenhalt, das gegenseitige Vertrauen, dann zerfleddern Rücksichtnahme und auch Hilfsbereitschaft, weil sich beide Gruppen mehr und mehr in sich selbst verschließen. Nach der Studie des „Denkwerks Zukunft“ verfügten die wirtschaftlich Reichen (20 Prozent der Einkommensbezieher) 2012 immerhin über ein Einkommen, das 4,3 mal so hoch war wie das von 20 Prozent der wirtschaftlich Schwächsten. Allerdings ist das eine gewisse Verbesserung, weil die gleiche Messzahl im Jahr 2011 und 2010 jeweils bei 4,5 lag (Quelle Eurostat).

Doch liegt diese Quote in Spanien bei 7,2 und in Griechenland bei knapp unter dieser Marke. Im Vereinigten Königreich und Italien bei etwas unter 6. Auf einen Blick beweisen diese Zahlen, dass dort soziale Spannungen die Gesellschaft beherrschen und dass die Politik in diesen Ländern nachhaltig – gerade angesichts der noch nicht bewältigten Krise – aufgerufen ist, nicht die Reichen weiter zu schonen, sondern den Reichtum durch eine markante Anhebung der Besteuerung und einer rigorosen Eintreibung der Steuern nachhaltig zu beschneiden. Denn ist es ja leider so, dass in diesen Ländern die negativen Folgen der Finanz- und Schuldenkrise im Übermaß den ohnedies schwachen, weil armen Teilen der Bevölkerung auferlegt worden sind.

Doch unter dem Gesichtswinkel der „Gerechtigkeitslücke“ wird sich die Forderung, die Reichen nicht mehr zu schonen, auch bald in Deutschland stellen, wenn man bedenkt, dass sich seit 2001 der Einkommensabstand zwischen dem reichsten Fünftel und dem ärmsten immerhin um mindestens 15 Prozent erhöht hat. Diese eklatanten Einkommensunterschiede werden seit 1998 in Deutschland, so die Berechnungen des „Denkwerks Zukunft“, durch zwei Faktoren beeinflusst: Innerhalb der EU hat Deutschland im Jahr 2011 mit einer Quote von knapp 19 Prozent einen der größten Niedriglohnsektoren. Dieses Defizit moniert ja seit langem die „Linke“ immer wieder lautstark. Offen ist allerdings jetzt die Frage, wie sich dieser Sektor entwickelt, wenn die Gesetze über den Mindestlohn Realität werden.

Als weiterer Faktor, der den hohen Einkommensabstand ausmacht, ist zu nennen, dass verschiedene Berufsgruppen seit 1998 hohe Einkommenszuwächse zu verzeichnen hatten, sodass dann die von ihnen angelegten Vermögen wiederum beträchtliche Erträge – trotz der Krise – abgeworfen haben. 2001 bezogen in Deutschland nur rund 17 Prozent einen Niedriglohn. Der Fußabdruck der Hartz-IV-Reformen ist deutlich sichtbar.

Diese Zahlen haben eine direkte Relation zu der auch vom „Denkwerk Zukunft“ gemessenen Größe, nämlich wie viele sich in einem Land aus der Gesellschaft „ausgeschlossen“ fühlen. In Deutschland sind es neun Prozent, was in etwa der Durchschnittszahl für die EU (10,5 Prozent) entspricht. Das ist schon eine krasse Zahl, wenn man bedenkt, dass in der EU die Niederlande, Finnland und Slowenien eine Vergleichszahl nennen, die etwa bei vier Prozent liegt. Das „reiche“ Luxemburg kommt hingegen auf einen Wert von sagenhaften 20 Prozent, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen. In Spanien und Italien, die ja beide unter einer hohen Arbeitslosigkeit der Jugend leiden, bewährend sich offenbar noch die traditionellen Familienbande; hier trifft die „Ausgrenzung“ vor allem die 35–49-Jährigen. Und von Portugal werden konstant in den letzten Jahren 10 Prozent genannt.

Ausgrenzung zersetzt Vertrauen und Solidarität

Einkommensunterschiede und gesellschaftliche Ausgrenzung zehren an dem Reservoir an Solidarität und Mitmenschlichkeit. Sie nagen Tag für Tag an dem Vorschuss an Vertrauen und gegenseitiger Rücksichtnahme, die eine Gesellschaft prägen und lebenswert machen. Sie untergraben vor allem den Gemeinsinn, das Verantwortungsbewusstsein für die Gestaltung der künftigen Gesellschaft. Beides – Einkommensunterschied und Ausgrenzung - machen viele, sehr viele Menschen krank, krank wegen Gier auf der einen Seite, krank wegen Depression und Frustration, doch nichts leisten zu können, auf der anderen Seite. Indessen kann der Einzelne an der einen oder auch anderen Stelle sicherlich noch immer einiges, auch Merkliches bewirken, welches die Wunden der Armen und der vom Wohlstand Zurückgelassenen heilen hilft.

Doch nimmt man diese Zahlen ins Verhältnis zu denen, die den „ökologischen Fußabdruck“ einer Wirtschaft spiegeln, dann sind die Möglichkeiten des Einzelnen kaum noch gegeben. Denn gemessen an der Biokapazität der globalen Ressourcen/pro Kopf verbrauchte Deutschland im Jahr 2009 das 2,5fache. Das entspricht freilich dem Durchschnitt in der EU, was die Sache nicht bessert. Von 2001 an gerechnet ist dies lediglich ein Zuwachs von nur einem Prozent, was – so das „Denkwerk Zukunft“ – auf einen „deutlich effizienteren Ressourceneinsatz“ schließen lässt. Nach wie vor aber – und das ist die verheerende Botschaft – zehrt Deutschland an den immer knapper werdenden Ressourcen der vorhandenen Biokapazität der Erde.

Beängstigend, wenn auch nicht neu, sind die Zahlen, die den staatlichen „Schuldenberg“ ausweisen: Die Schuldenquote liegt in der EU im Schnitt bei 85 Prozent des BIP. Man wird im Ergebnis der Schlussfolgerung des „Denkwerks Zukunft“ kaum widersprechen können: Der durchaus als „hervorragend“ zu bezeichnende Wohlstand Deutschlands ist „in großen Teilen auf Raubbau an der Natur, Mensch und Zukunft“ gegründet. Mehr noch: Die „Tragfähigkeitsgrenzen der Erde“ werden „noch immer deutlich“ überschritten. Das ist ein Signal zum Umdenken.

Hier ist auch die katholische Soziallehre fefordert, die Lehre von Personalität, Solidarität und Gerechtigkeit – system- und sachgerecht – immer neu vorzutragen. Denn die hier diskutierten Zahlen zeigen, dass es den Menschen hierzulande seit 2001 nicht besser, sondern – trotz aller bis zur Erschöpfung vorangetriebenen Anstrengungen nach wirtschaftlichem Wohlstand – schlechter geht: Sie belegen vor allem aber auch, dass die Politik mehr in den Blick nehmen muss als nur die Wachstumsraten des BIP. In diesem Diskurs kann und muss die katholische Soziallehre ihren Part selbstbewusst spielen.

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