Die Suppe auslöffeln

Der Sparkurs des neuen Vorstandschefs der Deutschen Bank wird Tausende den Job kosten. Mitarbeiter bluten für Fehler des früheren Top-Managements. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Tief in der Krise: Die Deutsche Bank.
Foto: dpa | Tief in der Krise: Die Deutsche Bank.

Die Börse fällte am Donnerstag ein fast vernichtendes Urteil: Um zeitweise sieben Prozent rutschte der Kurs der Deutschen Bank ab, nachdem der neue Co-Chef John Cryan am Morgen vor Journalisten den Abbau von neuntausend Stellen und die Streichung der Dividende für zwei Jahre angekündigt hatte. 145 Jahre nach seiner Gründung steht das größte deutsche Geldinstitut alles andere als gut da: Windige Geschäfte mit US-Hypotheken, manipulierte Referenz-Zinssätze, Umsatzsteuerbetrug mit CO2-Zertifikaten: die Deutsche Bank hat in den vergangenen Jahren kaum einen Skandal ausgelassen. Seit 2012 haben die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten das Unternehmen 11,2 Milliarden Euro gekostet. Nun ist John Cryan als harter Sanierer angetreten. Er hat große Teile des Topmanagements ausgewechselt und die offenbar sehr optimistisch ausgestaltete Bilanzierung so umgekrempelt, dass für das dritte Quartal 2015 ein Verlust von sechs Milliarden Euro zum Vorschein kam.

Entsprechend zeichnete er ein ziemlich marodes Bild seines Unternehmens: Überalterte IT-Systeme, unübersichtliche Personalstrukturen, unzureichende Kontrollmechanismen, zu hohe Risiken, inakzeptabel hohe Kosten – viel Gutes hatte Cryan nicht über seine Bank zu sagen. Gleichwohl will er das Unternehmen wieder in die Gewinnzone bringen. ,,Die Deutsche Bank hat kein Strategieproblem“, sagte er. „Wir wissen sehr genau, wohin wir wollen. Jedoch hat die Deutsche Bank seit vielen Jahren ein gravierendes Problem, diese Strategie auch umzusetzen.“

Vorerst soll ein Sparplan helfen. Neben der Dividende sollen auch zweihundert Bankfilialen gestrichen werden. Auch das Investmentbanking soll schrumpfen. Ein Job im größten deutschen Geldinstitut galt lange Zeit als sichere Bank. Freundlich aber knallhart machte Cryan am Donnerstag klar, dass diese Zeiten endgültig vorbei sind. Zu den angekündigten neuntausend Stellen, die weltweit gestrichen werden sollen, kommen weitere sechstausend Mitarbeiter bei externen Dienstleistern. In Deutschland wird der Stellenabbau mit viertausend Stellen besonders hart ausfallen: Jeder achte Arbeitsplatz wird wegfallen. Tausende Beschäftigte und ihre Familien werden damit Opfer der Fehler von Ackermann, Jain, Fitschen und Co. Entsprechend äußerte sich der Betriebsrat der Deutschen Bank: Ihm dränge sich der Eindruck auf, ,,dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen das Top-Management früherer Jahre mit Schadensersatzzahlungen und Abschreibungen in schwindelerregender Höhe eingebrockt hat.“

Aber gesundschrumpfen kann sich die Deutsche Bank nur, wenn sich mittelfristig wieder Erfolge einstellen. Sparen allein genügt nicht. Auf einer kleineren Geschäftsbasis müssen auch hochwertigere, stärkere Erträge erzielt werden. Die Kosten zu senken, ist nur eine Aufgabe des neuen Chefs. Gleichzeitig gilt es, der Deutschen Bank neue Ertragsquellen zu erschließen, und das in einem Umfeld, in dem die Trauben nicht mehr niedrig hängen. Das betrifft das Investmentbanking, aber genauso das Geschäft mit privaten Kunden. Zu Zeiten von Josef Ackermann hieß es noch, wenn alles gut laufe, sei die Bank für einen Jahresgewinn von zehn Milliarden Euro vor Steuer gut. Von dieser Marke ist die Deutsche Bank für lange Zeit weit entfernt.

Cryan selbst sieht erst 2018 Licht am Ende des Tunnels: ,,Wir gehen nicht davon aus, dass 2016 und 2017 starke Jahre werden“, warnte er. So wie sich Volkswagen vor kurzem von seinem Ziel des größten Autobauers verabschiedet hat, so hat sich auch die Deutsche Bank von ihren Ambitionen verabschiedet. Jetzt geht es nur noch ums Überleben. Eines ist klar: Die Deutsche Bank ist ein Sanierungsfall. Und für ihren neuen Chef haben die Sanierungsarbeiten gerade erst begonnen.

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