Die Rolle der Ethik in der Medizin

Was ist medizinisch machbar, wo verlaufen die ethischen Grenzen – Auftakt-Vortrag der Ringvorlesung „Menschenrechte und Medizin“ in Fulda. Von Maximilian Lutz
Foto: dpa | In einer Wirtschaftsordnung, die den „freien Markt“ kritiklos favorisiere, so der Medizinethiker Axel W.
Foto: dpa | In einer Wirtschaftsordnung, die den „freien Markt“ kritiklos favorisiere, so der Medizinethiker Axel W.

Eines der zahlreichen Zitate, die Axel W. Bauer während seines Vortrags anführte, brachte die ethische Problematik, mit der sich die heutige Medizin konfrontiert sieht, besonders treffend zum Ausdruck: „Gesundheit ist ein hohes Gut, aber sie ist keine Ware – Ärzte sind keine Anbieter, Patienten keine Kunden. Die medizinische Versorgung darf nicht auf eine Dienstleistung reduziert werden.“ Diese mahnenden Worte äußerte der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2004 während des Deutschen Ärztetages in Bremen. Doch leider wandele sich die Medizin von einer karitativen sozialen Institution zu einer profitorientierten Wachstumsbranche, die Konsum fördernd und am Kunden orientiert arbeite, stellte Bauer fest.

Sein Vortrag mit dem Titel „Der Standort des Menschen in der Medizin – zwischen medizinischer Machbarkeit und ethischen Grenzen“ bildete kürzlich den Auftakt zu der im Bonifatiushaus Fulda stattfindenden Ringvorlesung „Menschenrechte und Medizin“. Schirmherr der Veranstaltungsreihe ist der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen.

Bauer, Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und von 2008 bis 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat, lieferte eine Einführung auf historischer, philosophischer und ethischer Grundlage in die Thematik, mit der sich die folgenden Vorträge im Bonifatiushaus Fulda noch bis Juni nächsten Jahres beschäftigen werden.

Um einer Antwort auf die Grundfrage der medizinischen Anthropologie „Was ist der Mensch“ näherzukommen, beleuchtete Bauer zunächst den normativen Hintergrund der beiden einander konträr gegenüberstehenden Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“. Dabei erklärte er, dass die Phänomene „gesund“ und „krank“ keine natürlichen Eigenschaften des menschlichen Körpers beschrieben, sondern vielmehr soziale Tatsachen repräsentierten, die erst durch eine jeweils zeitgebundene Zuschreibung entstünden. „Die Gesundheit wurde stets als ein Idealzustand beschrieben, der in Gänze nur schwer erreicht werden konnte. Bei Gesundheit und Krankheit handelt es sich um normative Konstrukte und damit um dem historischen Wandel zugängliche soziale Tatsachen.“

Basierend auf dieser Erkenntnis skizzierte der Medizinethiker nahezu 2 500 Jahre Medizinhistorie, indem er schilderte, wie man Gesundheit und Krankheit in vergangenen Epochen betrachtete. „Die Medizin der Antike und des Mittelalters eröffnete mit dem Begriff der ,Neutralitas‘ einen weiten Raum zwischen den beiden Extremen ,gesund‘ und ,krank‘, in dem sich der tatsächliche körperliche und seelische Zustand des Menschen bewegte.“ Im 17. Jahrhundert begann jedoch eine Periode des Umbruchs in der Medizin. So betrachtete zunächst der Physikalismus den Menschen nur als eine physikalisch-chemische Maschine, während die Anhänger des Vitalismus im frühen 19. Jahrhundert der Lebenskraft eine zentrale Rolle zusprachen, führte Bauer weiter aus.

Der nächste Umbruch in der medizinischen Wissenschaft sollte sich um das Jahr 1850 vollziehen und wirkt noch bis heute prägend. In dieser Zeit wird die Medizin zu einer angewandten Naturwissenschaft und legt damit den Grundstein für eine auf Beobachten, Messen und Zählen ausgerichtete, quantitative Definition von Gesundheit und Krankheit. „Die naturwissenschaftliche Medizin agiert primär krankheitsbezogen, wobei die zunehmenden Möglichkeiten der Erkennung genetischer Krankheitsdispositionen heute dazu führen, dass immer mehr Menschen ärztlichen Beistand suchen, obwohl sie gar nicht von Symptomen betroffen sind“, sagte Bauer.

An dieser Stelle gerieten medizinische Machbarkeit und ethische Vertretbarkeit miteinander in Konflikt, so Bauer. Die Schlagworte, die er nannte, lauteten prädiktive Medizin, gesundheitliches Enhancement und Suizidassistenz. Die Medizin der Zukunft werde sich nicht mehr nur mit denjenigen Menschen beschäftigen, die als Patienten zum Arzt kommen, sondern auch mit potenziell Kranken, die Krankheitsanlagen in sich tragen. „Im Sinne der prädiktiven Medizin dürfte es keinen Bürger mehr geben, der noch als gesund wird gelten können, jeder Untersuchte wird zu einem potenziellen Patienten.“ Darüber hinaus seien heute nicht mehr individuelle Normen von Ärzten und Patienten für die Vorstellung einer perfekten Gesundheit maßgebend, sondern das Erreichen eines optimierten Zustandes, eben jenem gesundheitlichen „Enhancement“, wodurch die „Berufs-, Liebes- und Lebenschancen der Menschen verbessert werden sollen.“

Mit der Streitfrage der Suizidassistenz sprach Bauer wohl das am kontroversesten diskutierte Thema der heutigen Medizin an. Der Mediziner, der jegliche Form der Beihilfe zum Suizid entschieden ablehnt, führte mehrere Argumente ins Feld, weshalb die Assistenz zur Selbsttötung nicht zu befürworten sei. „Man gewinnt den Eindruck, dass Selbstbestimmung in der Medizin zu identifizieren sei mit einem moralischen Recht auf den selbst bestimmten Todeszeitpunkt. Eine solche Verkürzung der Selbstbestimmung auf Suizidassistenz und in der logischen Konsequenz auf Tötung mit und ohne Verlangen käme einer Pervertierung dieses Begriffs gleich.“ Darüber hinaus befänden sich die meisten Menschen, die eine Suizidbegleitung wünschen, in einer Phase schwerer Depression. Der Begriff „Freitod“ klänge deshalb schon aus diesem Grund geradezu absurd. Zuletzt führt Bauer den Zuhörern noch die völlig neuartige Ambivalenz vor Augen, die Suizidassistenz mit sich brächte: „Es wäre ein Novum in der Geschichte der Medizin, ein bewusster Bruch mit der seit 2 400 Jahren gepflegten Tradition des Hippokratischen Eides, der jede Beteiligung an der Tötung oder Selbsttötung eines Patienten kategorisch ausschließt.“

Axel W. Bauer trug einige Argumente vor, die dafür sprechen, dass die heutige Medizin ethische und moralische Normen mehr und mehr missachte. Der „gute“ Arzt des 21. Jahrhunderts verfüge zwar dank des Grundgesetzes und dessen aktueller Interpretation über ein umfangreiches Reservoir an offiziellen Leit- und Richtlinien. Doch könne ihn dies nicht vor den inneren Konflikten im Hinblick auf sein ärztliches Selbstverständnis bewahren. Trotz des Dilemmas, in dem sich der Beruf des Mediziners für Bauer befindet, schloss er seinen Vortrag mit vorsichtigem Optimismus: „Der Arzt der Gegenwart fühlt sich als Akteur im Gesundheitswesen zwischen Patienten, Kollegen, Krankenversicherungen und Politik oftmals tief verunsichert. Vielleicht sind es aber gerade diese Unsicherheit und diese Suche nach neuer Identität, die ihn schließlich zu einem besseren Arzt reifen lassen können.“

Informationen zu den weiteren Vorträgen im Rahmen der Ringvorlesung „Menschenrechte und Medizin“ unter www.bonifatiushaus.de

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