Die Mutter aller Probleme

Die demografische Krise fordert Staat und Kirche heraus: Ein Parlamentarischer Abend der Kirchen im Potsdamer Landtag mit dem Berliner Kardinal Woelki. Von Katrin Krips-Schmidt

Seit Jahrzehnten verzeichnet die Bundesrepublik eine viel zu niedrige Geburtenrate, der eine stetige Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung ihrer Bürger gegenübersteht: Der demographische Wandel ist schon lange im vollen Gange und scheint kaum noch aufzuhalten zu sein.

Welche Auswirkungen es für die deutsche Bevölkerung und insbesondere auch für die katholische und die evangelische Kirche mit sich bringt, wenn nur noch 1,4 Kinder pro Frau geboren werden, darüber reflektierte am Mittwochabend der Erzbischof von Berlin, Kardinal Rainer Maria Woelki, unter dem Motto „Demografischer Wandel: Herausforderung für Staat und Kirche“ vor den Abgeordneten des Brandenburger Landtags und Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche – als Auftakt zum „Parlamentarischen Abend der Kirchen“, zu dem der Beauftragte der Evangelischen Kirche bei den Ländern Berlin und Brandenburg sowie das Katholische Büro Berlin-Brandenburg in die Kantine des Potsdamer Landtags geladen hatten. Im Anschluss an Woelkis Rede bot sich den Teilnehmern der Veranstaltung noch die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch.

Anhand des 2011 erschienenen Demografieberichts der Bundesregierung skizzierte der Berliner Oberhirte in seiner Ansprache die gegenwärtige Krise und brachte sie auf den Punkt: „Der Geburtenrückgang steht am Anfang aller Probleme. Deutschland schrumpft, altert und wird bunter.“ Damit meinte er, dass eine immer größere Anzahl von jungen Menschen sich um eine steigende Anzahl Älterer kümmern müsse, die Jungen müssten vermehrt starke Belastungen finanzieller Art auf sich nehmen. Denn, so der Kardinal: „Eine Altengesellschaft erfordert von den Erwerbsfähigen mehr Solidarität mit den Älteren; und zwar nicht nur bei der Rentenversicherung, sondern auch bei der Krankenversorgung und der Pflege. Der Aufwand für die Krankenversorgung nimmt im Alter sprunghaft zu: Die durchschnittlichen Krankheitskosten eines über 65-Jährigen übersteigen die eines 15–30-Jährigen um mehr als Fünffache.“

Welche Maßnahmen eignen sich nun besonders, sich der Herausforderung der Bevölkerungsentwicklung zu stellen, um ein „ausbalanciertes Verhältnis zwischen den Generationen“ zu erreichen? Was ist zum Beispiel vom einstigen „Hoffnungsträger Migration“ geblieben? Nach von Kardinal Woelki zitierten Studien der Vereinten Nationen müssten bis zum Jahr 2050 188 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern, um die derzeitige demografische Situation wieder auf den Stand des Jahres 2000 zu bringen. Eine Utopie – jedenfalls in einer solchen Dimension –, bereitet doch schon die Integration von Zuwanderern Schwierigkeiten, die sich bisher nur in einem zweistelligen Millionenbereich bewegten.

Wenn Migration nicht die Antwort auf den demographischen Wandel sein kann, was dann? Das Geheimrezept hat auch Kardinal Woelki nicht parat, dennoch plädierte er für den Ausbau von staatlichen Leistungen für Familien: „Nur eine aktive Familienpolitik bietet den Hauch einer Chance, die Möglichkeit der Trendwende offenzuhalten.“

Nicht nur für die Gesellschaft allgemein, auch für die Kirche haben diese Entwicklungen Konsequenzen. In den kommenden Jahren werden die Gemeinden bis 2030 – so Woelki – 25 bis 30 Prozent ihrer Gläubigen verlieren, was zu den Strukturveränderungen führen wird, die bereits von dem von ihm eingeleiteten Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ thematisiert werden. Gerade das bedingt ein Eintreten für die Caritas in den Gemeinden. Um die Menschen in Kontakt zu bringen, Verantwortung für Alte und Kranke zu übernehmen, wird die Pfarrcaritas wieder verstärkt ins Bewusstsein der Menschen rücken.

Und auch das Geistliche muss beim Thema „demografischer Wandel“ in den Blick genommen werden. Der Berliner Kardinal mahnte unter anderem einen Einsatz der Kirche gegenüber den Befürwortern der Euthanasie wie auch eine stärkere Ausrichtung auf eine eschatologische Theologie hin an, die darauf verweist, dass wir letztlich über den Tod hinaus eine Zukunft haben.

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