Die Kolumne: Abel und die Marktwirtschaft

Von Peter Schallenberg
Foto: Archiv | Professor Peter Schallenberg.
Foto: Archiv | Professor Peter Schallenberg.

Die blutigen Aufstände in Tunesien und Ägypten in diesen Tagen haben nicht nur eine echte Demokratie, sondern auch eine funktionierende Marktwirtschaft zum Ziel. Tausende Jugendliche sind ohne Bildung und Arbeit, Grundnahrungsmittel zum Teil unerschwinglich teuer, von Sozialversicherungen ganz zu schweigen. Und es ist kein Zufall, dass es dort an beidem mangelt, an Demokratie und Marktwirtschaft, denn beide sind zwei Seiten der einen Medaille, die den Namen „Menschenrechte“ trägt. Zugespitzt könnte man sagen: Wenn Demokratie nach einem berühmten Wort Ernst Jüngers der Zustand ist, in der jeder jedem eine Frage stellen darf, dann ist Marktwirtschaft entsprechend dazu der Zustand, in der jeder jedem ein (moralisch einwandfreies) Angebot machen und seinerseits auf Nachfrage hoffen darf.

Aber, und das hat bereits der Altmeister der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland betont, es gibt ein Leben und Handeln „jenseits von Angebot und Nachfrage“: Das Leben in Ehe und Familie und Freundschaft, das dem Staat und der Wirtschaft vorgelagert ist und dessen Keimzelle und eigentliches Ziel bildet. So ergibt sich die eigentümlich doppelte Sicht der christlichen Sozialethik auf Staat und Gesellschaft, ja auf den Menschen. Dieser ist nämlich wirklich „Bürger zweier Welten“ (R. Spaemann): Bestimmt für die Ewigkeit und jetzt lebend in der Zeit, berufen zur Liebe und handelnd in Gerechtigkeit. Kein Widerspruch, sondern ein Spannungsverhältnis: Die Welt soll verwandelt werden auf dem Weg zur Ewigkeit Gottes und zwar mit den einigermaßen hilflos anmutenden Mitteln von irdischer Gerechtigkeit, von gerechten Strukturen in Staat und Wirtschaft. Ordo-Liberalismus nannte das die Freiburger Schule, die das Konzept einer Sozialen Marktwirtschaft entwickelte, das die deutsche Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg prägte und prägt: Der Freiheit des Menschen in Politik und Wirtschaft wird ein Ordnungsrahmen gegeben, damit Gerechtigkeit wirklich auf Dauer ein (wenn auch fernes) Echo der Liebe bleibt, von der jeder Mensch lebt, und nicht unter der Hand zum Recht des jeweils Stärkeren verkommt. Was also ist das Fundament und der letzte Sinn unserer Wirtschafts- und Sozialordnung? Noch grundsätzlicher gefragt: Warum gibt es überhaupt solche Ordnungen (wie Demokratie und Soziale Marktwirtschaft) und was sollen sie bewirken?

Die Antwort aus Sicht der katholischen Soziallehre ist sehr einfach: Systeme und Institutionen, seien sie theologischer Art (sichtbare Kirche in sichtbaren Sakramenten) oder weltlicher Art (Staat und Gesetze mit sichtbarer Gewaltenteilung) wollen in abendländischer Tradition nichts anderes, als die menschliche Person fördern auf dem Weg ihrer unverwechselbaren Berufung, nämlich: Liebe zu empfangen und Liebe zu schenken. Alles dient aus dieser umfassenden christlichen Sicht einem letzten Ziel.

Die Berufung des Menschen aus Sicht der Theologie ist es nicht, materielle Quantitäten aufzuhäufen, sondern geistige Qualitäten zu erfahren und zu verschenken. Von diesen Qualitäten ist Liebe (wahre Liebe, nicht einfach geschickt verschleierte Tauschgerechtigkeit, die sich frech als Liebe herumposaunt) die höchste, zu der ein Mensch fähig ist. Daher unterstreicht die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. „Caritas in veritate“: „Liebe in der Wahrheit ist das Prinzip, um das die Soziallehre der Kirche kreist“, und die viel beschworene soziale Gerechtigkeit ist die erste und notwendige, wenn auch keineswegs hinreichende Stufe der außerparadiesisch immer nur mangelhaft vorhandenen Liebe: „Ich kann dem anderen nicht von dem, was mein ist, schenken, ohne ihm an erster Stelle das gegeben zu haben, was ihm rechtmäßig zusteht“ (Nr. 6).

Damit ist klar herausgestellt: Erst müssen die grundlegenden Rechte des Menschen erfüllt werden, dann aber muss sich der Blick auf das wahrhaft gute Leben, das mehr als nur Gerechtigkeit anstrebt, richten. Es ist die erste und vornehmste Aufgabe des Rechtsstaates, der zugleich Sozialstaat ist: Sorge zu tragen, dass kein Mensch unter die Räuber falle, halbtot im Straßengraben der Entfremdung und der Konsumgier liege und verzweifelt auf den barmherzigen Samariter warten muss. Denn schon einmal lag jemand tot neben dem, der eigentlich sein Bruder sein sollte: Abel, der von Kain aus Neid und Gier nach Anerkennung getötet wurde.

Damals wurde der Mensch dem Menschen zum Wolf. Deswegen wurde Gott Mensch, dass der Mensch dem Menschen wieder zum Freund werden könne – und sei es auf dem Weg der Sozialen Marktwirtschaft, in der man nicht einfach Konkurrent, sondern Partner ist. Oder wie es der Hebräerbrief unwiederholbar prägnant auf den Punkt bringt: „Ihr seid hingetreten zum Berg Zion, zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.“ Dass jemand sein Leben für mich gibt, statt meines zu fordern, dass jemand mit mir befreundet sein möchte und nicht einfach mich als unliebsamen Konkurrenten am Markt auszuschalten sucht – das ist paradoxerweise der letzte Sinn der Sozialen Marktwirtschaft und der Demokratie!

Professor Peter Schallenberg ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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