Die Atomkraft verliert ihren Schrecken

Hohe Ölpreise und der Klimaschutz machen Kernkraftwerke wieder salonfähig – nur Deutschland sperrt sich

Köln (DT) Frankreich tut es, Finnland tut es, Amerika tut es, Großbritannien tut es: Während in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie längst beschlossene Sache ist, haben vergleichbare Industrienationen weder große politische noch ideologische oder ökologische Vorbehalte gegen den Bau neuer Atomkraftwerke. Ganz im Gegenteil: Atomkraft gilt heute als saubere und sichere Energiequelle.

„Die Regierung ist überzeugt, dass Atomkraftwerke im künftigen Energiemix eine Rolle spielen sollten, zusammen mit weiteren Energiequellen mit geringem Kohlenstoff-Ausstoß.“ Mit diesen Worten kündigte der britische Wirtschaftsminister John Hutton vor kurzem vor dem Parlament in London die Pläne der Brown-Regierung an, neue Atomkraftwerke zu bauen.

Großbritannien plant zwanzig neue Anlagen

Derzeit sind auf der Insel neunzehn Reaktoren am Netz, die rund ein Fünftel des britischen Stromverbrauchs decken. Weil sie jedoch technisch veraltet sind, sollen sie allesamt bis zum Jahr 2035 abgeschaltet und durch zwanzig neue ersetzt werden. Premierminister Gordon Brown rechtfertigt das Vorhaben nicht nur mit steigenden Ölpreisen und größerer Sicherheit in der Energieversorgung, sondern auch damit, dass Großbritannien nur mit Hilfe der Nuklearenergie in der Lage sei, die anvisierten Klimaschutzziele zu erreichen.

Im Prinzip könnten Angela Merkel und Michael Glos die britische Diagnose eins zu eins übernehmen. Die permanent steigenden Energiepreise machen Deutschland genauso zu schaffen wie Großbritannien; auch hierzulande stehen ehrgeizige Klimaschutzziele auf der Agenda. Und was die Abhängigkeit der Energieversorgung vom Ausland angeht, ist die Bundesrepublik sogar noch anfälliger als das Vereinigte Königreich – beim Mineralöl beträgt der Importanteil 97 Prozent, beim Gas 83 Prozent und bei der Steinkohle 61 Prozent. Lediglich bei der Braunkohle und den erneuerbaren Energien, so der Statusbericht zur Energieversorgung für Deutschland, greift die Bundesrepublik „vollständig auf einheimische Energieproduktion zurück“.

Die Abhängigkeit von ausländischen Energielieferungen wird weiter wachsen. Denn allein bis zum Jahr 2020 soll der globale Energiebedarf um ein Drittel steigen – und weil mit China und Indien die beiden einwohnerstärksten Länder der Welt einen immer größeren Teil der fossilen Energie-träger für sich beanspruchen, wird der Verteilungskampf um die endlichen Ressourcen Öl und Gas mit jedem Jahr härter. Und teurer. Steigt der Preis für ein Barrel Öl um einen Dollar, treibt dies die deutsche Öl- und Gasrechnung um eine Milliarde Euro pro Jahr in die Höhe.

Während Großbritannien und Deutschland – zusammen mit vielen anderen Ländern – bei der Diagnose der Energieprobleme noch in einem Boot sitzen, schlagen sie bei der Therapie völlig unterschiedliche Kurse ein. Zwar setzt das Ausland nicht nur, aber eben auch auf die Kernenergie, die Bundesrepublik dagegen hat sich Ende der neunziger Jahre den kompletten Ausstieg aus der Atomenergie verordnet.

Laut dem Atomgesetz von Rot-Grün sollen die siebzehn deutschen Kernkraftwerke allesamt ersatzlos abgeschaltet werden. Den Anfang macht im nächsten Jahr das seit 1974 laufende Biblis A, und mit Neckar-westheim 2 soll im Jahr 2022 das letzte Atomkraftwerk in Deutschland seine Leistung für immer auf Null herunterfahren.

Ob diese Strategie der Weisheit letzter Schluss ist, darf jenseits aller ideologischen Vorbehalte zumindest bezweifelt werden. Denn selbst wenn man voraussetzt, dass Deutschlands Stromverbrauch – wie von Experten prognostiziert – in den kommenden Jahrzehnten mehr oder weniger auf derzeitigem Niveau verharrt, drängt sich die Frage auf, aus welchen Quellen er gedeckt werden soll.

Noch mehr Öl- und Gas-Importe dürften schon angesichts der knappen Ressourcen und der steigenden Nachfrage aus Indien und China kaum möglich sein – ganz zu schweigen davon, dass die vermehrte Verfeuerung fossiler Brennstoffe jeder Minderung von Treibhausgas-Emissionen Hohn spricht.

Der Kohlendioxid-Ausstoß ist es auch, der den Bau von weiteren Kohlekraftwerken fragwürdig erscheinen lässt. Während der Klimakonferenz auf Bali stellte Yvo de Boer, Chef des Klimasekretariats der Vereinten Nationen, die alles andere als rhetorisch gemeinte Frage, wie Deutschland das Ziel erreichen will, seinen Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um vierzig Prozent zu senken, wenn gleichzeitig fünfundzwanzig neue Kohlekraftwerke gebaut werden sollen.

In der Tat: Zwar sind die geplanten Kohlekraftwerke auf dem neusten Stand der Technik, dennoch wird Deutschland mit ihnen auch weiterhin zu den zehn größten CO2-Emittenten der Welt gehören.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sieht das offenbar ähnlich. Er rechnet damit, dass sich der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen bei weiteren Investitionen in Kohle, Öl und Gas nicht wie geplant bis zum Jahr 2050 halbiert, sondern umgekehrt um fünfzig Prozent erhöht. Nach derzeitigem Stand der Klimawissenschaft bedeutet das nichts Gutes. Die angestrebte Reduzierung der Emissionen um fünfzig Prozent ist nicht etwa irgendeine gegriffene Zahl, sondern absolut nötig, um die globale Erwärmung unter dem kritischen Wert von zwei Grad zu halten. Gelingt dies nicht, prognostizieren Wissenschaftler „schwere negative Folgen“ für die Ökosysteme und die Menschen.

Erneuerbare Energien sind keine Alternative

Bleiben die erneuerbaren Energien: Natürlich wäre es ideal, wenn Wind, Wasser und Sonne möglichst komplett an die Stelle von Öl, Gas und Kernenergie treten würden. Tatsächlich aber liefern erneuerbare Energien bislang nur zwölf Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland. Zwar soll ihr Anteil bis 2020 auf zwanzig Prozent steigen, die angestrebten fünfzig Prozent aber lassen wohl weitere dreißig Jahre auf sich warten.

Was also tun? Pragmatiker wie Jürgen Thumann raten zu Realismus. Deutschland allein könne das Klima nicht retten, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Solange die großen Emittenten Vereinigten Staaten, China und Indien nicht eingebunden seien und erneuerbare Energien nicht ausreichend zur Verfügung stünden, solle Deutschland deshalb jedes sichere Kernkraftwerk um bis zu zwanzig Jahre länger laufen lassen, als es das Atomgesetz derzeit vorsieht. „Warum auch nicht?“, sagt Thumann, schließlich „zählen unsere Anlagen zu den sichersten und leistungsfähigsten der Welt“.

Auch wenn es viele Skeptiker nicht wahr-haben wollen: Thumann steht mit seiner Meinung längst nicht mehr allein. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sprachen sich nur drei Prozent der Bundesbürger für den Bau weiterer Atommeiler aus – heute stimmen laut der Umfrage „Perspektive Deutschland“ immerhin schon 42 Prozent der Deutschen der Aussage zu, die Kernkraft sei ein sinnvoller Energieträger und solle auch künftig genutzt und gefördert werden.

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