Lebensschutz

Die Angst vor der Schwangerschaft

20 Jahre VitaL: Die Schwangerenberatung stellt die Frau in den Mittelpunkt, ohne das Kind zu vergessen, sagt die Gründerin, Alexandra Maria Linder im Interview mit der Tagespost.
Alexandra Maria Linder
| Alexandra Maria Linder, Gründerin von VitaL.

Frau Linder, Teilnehmer des jährlichen „Marsches für das Leben“ kennen Sie als resolute Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht (BVL). Kaum einer weiß, dass Sie zusammen mit anderen vor zwanzig Jahren die Schwangerenberatung VitaL gegründet haben. Was hat Sie und Ihre Mitstreiter damals zu diesem Schritt bewogen?

Die Erfahrung und Überlegung, dass Frauen im Schwangerschaftskonflikt ein Beratungsgespräch brauchen, wenn sie in den Konflikt geraten, und nicht, wenn eine Beratungsstelle öffnet. Wir waren die ersten, die eine solche Notrufzentrale eingerichtet haben. Außerdem bieten wir eine unabhängige Beratung an, die die Frau mit ihrer Lebenssituation in den Mittelpunkt stellt, ohne das Kind zu vergessen. Ein weiteres Motiv war die Möglichkeit und der Nachweis, dass man Frauen im Schwangerschaftskonflikt ohne staatlich ungute Verstrickung erreichen kann.

Das VitaL-Notruftelefon ist rund um die Uhr besetzt. Wie muss man sich das vorstellen? Nachts um drei klingelt das Telefon ... dann hebt wer ab?

Wir haben zurzeit über zwanzig Beraterinnen, die sich den ehrenamtlich organisierten Dienst teilen. Für Verwaltung und Organisation haben wir aktuell drei Mitarbeiterinnen, die zum Beispiel Statistiken erstellen oder die zentrale Rufnummer auf die jeweilige diensthabende Beraterin umschalten. Die Stundenzahl und Verteilung ist ganz individuell. Unser Ziel ist es, so viele Beraterinnen zu haben, dass niemand überlastet wird.

Wie qualifizieren Sie die Beraterinnen? Und was müssen die mitbringen? Frauen helfen und das Leben ungeborener Kinder retten zu wollen, wird wohl nicht reichen, oder doch?

Eine wichtige Voraussetzung! Außerdem natürlich die respektvolle Haltung gegenüber allen Anrufern. Eine gewisse Lebenserfahrung und Reife sind wichtig, Berufserfahrungen im pädagogischen, Beratungs- oder sozialen Bereich nützlich. Wir bieten eine solide Ausbildung. Fachlich beinhaltet sie zum Beispiel Rechtslage, Hilfsmöglichkeiten, die vorgeburtliche Entwicklung oder Abtreibungsmethoden. Die besondere Lage von Frauen mit muslimischem Hintergrund und der weibliche Zyklus sind ebenfalls Themen. Junge Frauen haben oft Angst, schwanger zu sein. Neben Klärung und Beruhigung kann man die Gespräche nutzen, um über verantwortungsvolle Sexualität und Schwangerschaft zu sprechen. Besonders wichtig ist die praktische Ausbildung mit Kommunikationsgrundlagen sowie mündlicher und schriftlicher Gesprächsführung, die wir mit regelmäßigen Übungen ergänzen.

Wie werden Ihre Beraterinnen eigentlich damit fertig, wenn Frauen sich – trotz aller Bemühungen – für eine Abtreibung entscheiden? Oder kriegen die das gar nicht mit?

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Da wir oft eine Art „Auffangbecken“ mit Weitervermittlung an kompetente Stellen vor Ort sind, erhalten wir nicht so viele Rückmeldungen. Manche Frauen begleiten wir selbst, mit meist positivem Ausgang. Nach einem einmaligen Beratungsgespräch können wir eine Tendenz erkennen, kennen aber nicht das Resultat. Es rufen viele Frauen an, die klar sagen, dass sie abtreiben wollen. Diese einmalige Gesprächs-Chance ist natürlich anspruchsvoller als bei Stellen, wo es weniger um Abtreibung als um Hilfe geht. Wir haben sehr viele dieser Gespräche und viele ambivalente Frauen. Ich bewundere unsere Beraterinnen dafür, wie engagiert sie die Anrufe nutzen, um zu erfahren, warum die Frauen die Abtreibung wollen, über welche Möglichkeiten sie noch nicht nachdenken konnten, welche Hilfen und Alternativen ihnen vielleicht noch nicht angeboten wurden. Und ja, einige Frauen verweigern ein Gespräch und teilen mit, dass sie auf jeden Fall abtreiben. Manche übrigens melden sich danach erneut und brauchen Beratung nach Abtreibung. Wer sich so für Frauen und Kinder engagiert und die Folgen aus Erfahrung kennt, kommt natürlich schwer mit einer Abtreibungsentscheidung zurecht. Deshalb bieten wir persönliche Gespräche, Supervision, Austausch und Psychohygiene an.

Wenn Sie vergangenen zwanzig Jahre einmal Revue passieren lassen. Was waren im Rückblick die wichtigsten Weichenstellungen?

Jeder Frau jederzeit Beratung und Hilfe anzubieten. Ein Netzwerk aus Beraterinnen, lokalen Unterstützungsmöglichkeiten, medizinischen Fachleuten und vielem mehr, mit dem man auch jenseits der Beratung Gutes bewirken kann. Und, mir persönlich wichtig: dass die Lebensrechtsbewegung bei aller bioethischen Theorie nah an den Menschen bleibt und hilft, weiß, worum es geht, und nicht, wie manche Parteien oder Organisationen, in einer ideologischen Blase lebt und die Lebenswirklichkeit der Betroffenen nicht kennt oder ignoriert.

Zum VitaL-Jubiläum planen Sie ein neues Beratungsangebot, das sich an Frauen richtet, die abgetrieben haben. Warum?

Immer mehr Frauen rufen nach Abtreibung an. Es geht ihnen schlecht, sie sehen, dass es keine hilfreiche Entscheidung war, sie ein Kind verloren haben, falsch oder unvollständig beraten wurden. Sie brauchen spezifische Unterstützung. Es ist wichtig, auch ihnen eine entsprechende Beratungsmöglichkeit anzubieten.

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