Kolumne

Dialog oder Gewalt?

Wenn Papst Franziskus in "Fratelli tutti" von Geschwisterlichkeit spricht, geht ihm nicht um faule Kompromisse, sondern um die gemeinsame Suche nach Wahrheit angesichts multikultureller Differenzen.

Papst Franziskus in Assisi
Papst Franziskus sucht, wie hier in Assisi, den friedlichen Dialog mit anderen Religionen. Foto: Pietro Crocchioni (ANSA)
Thomas Rusche
Der Autor ist Unternehmer und lehrt Wirtschaftsethik an der Universität Siegen, der Hochschule für Philosophie München u... Foto: Privat

Corona geißelt die Welt und zeigt uns, wie sehr wir miteinander verbunden sind. Papst Franziskus bringt es in seiner neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ auf den Punkt: Wir sind alle Geschwister. Wie kann diese weltweite Geschwisterlichkeit gelingen?

Wer kein Einzelkind ist, weiß es aus Erfahrung: Geschwister haben ihren eigenen Kopf und oftmals ganz unterschiedliche Ansichten und Interessen. Inspiriert von Martin Luther King, Desmond Tutu und Mahatma Gandhi ruft der Heilige Vater gemeinsam mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb zur sozialen Freundschaft auf, die sich aus der universalen Liebe zu allen Menschen speist, seien sie uns nah oder fern. Wie können wir eine solche Freundschaft trotz aller Unterschiede zwischen Menschen, Kulturen und Religionen pflegen und im Alltag leben, der oftmals durch eine schamlose Aggressivität geprägt ist, wie uns die jüngsten Ereignisse auf dem Capitol in Washington vor Augen führen?

Der Papst empfiehlt den Dialog

Ganz pragmatisch empfiehlt Franziskus den Dialog, dem er in „Fratelli tutti“ ein ganzes Kapitel widmet. Um es gleich vorweg zu sagen: Es geht ihm nicht um faule Kompromisse, sondern um das Streben nach Konsens und die gemeinsame Suche nach Wahrheit gerade angesichts multikultureller Differenzen in unserer Weltgesellschaft. Wenn ich ein kontroverses Thema im Dialog klären will, muss ich zunächst meine eigene Position durchdenken und dafür verständlich und widerspruchsfrei, das heißt sinnvoll argumentieren können. Nur wenn ich als glaubwürdiger Diskurspartner das, was ich sage, auch so meine und wahrhaftig bin, kann ich mit dem anderen überprüfen, wer argumentativ richtig liegt, welche Übereinstimmungen es gibt und wo ein Dissens besteht. Diese ethischen Diskursvoraussetzungen gelten natürlich wechselseitig für alle Gesprächsteilnehmer.

Filterblasen meiden

Ein jeder ist gefordert, sich bestmöglich in den anderen hineinzuversetzen und dabei die Perspektiven zu tauschen. Dies setzt voraus, dass ich selbstreferenzielle Filterblasen meide und auch mit denen spreche, die mir fremd sind und meinem Standpunkt ablehnend gegenüberstehen.

Dialogbereitschaft ist eine Frage der Haltung. Und der moralphilosophischen Einsicht. Erkenne ich als unhintergehbare Diskursvoraussetzung die Würde eines jeden Menschen an, unabhängig von race, class, age and gender? Verzichte ich auf repressive Machtausübung, subtile Mikroaggression und strukturelle Gewalt gegen Menschen anderer religiöser, kultureller und politischer Überzeugungen? Gebe ich in meinem Leben dem aufmerksamen Zuhören Zeit und Raum, oder bin ich nur ein Lautsprecher meiner eigenen Interessen und Meinungen?

Eine offene Welt denken

Ziehe ich das Schwadronieren am Stammtisch und im Internet vor, oder schaffe ich in Kirche und Familie, am Arbeitsplatz und im Freundeskreis die Voraussetzungen für einen fruchtbaren Austausch von rationalen Argumenten? Franziskus fordert uns auf, eine offene Welt zu denken und im Dialog miteinander zu gestalten: Argumentiere sinnvoll, sei glaubwürdig, strebe nach Konsens und verbessere die Dialogchancen aller Menschen.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Zentralstelle in Mönchengladbach.

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