Der Soziallehre verpflichtet

Christliche Gewerkschaften feiern den 50. Jahrestag ihrer Neugründung nach dem Krieg

„Warum ausgerechnet christliche Gewerkschaften?“ – die Frage taucht auf dem Titelblatt eines Flyers der Christlichen Gewerkschaft Postservice und Telekommunikation (CGPT) auf. Es folgen einige Antworten: „Wir sind nicht: ein Ersatz für die Kirchen. Diese haben eindeutig andere Aufgaben. Wir sind auch kein Anhängsel einer bestimmten Partei. Wir sind unabhängig und beurteilen politische Parteien nach ihren Leistungen im Sinne unserer Zielsetzung.“ Das „C“ der Christlichen Gewerkschaften sei „kein Eigenlob, sondern Programm!“ Christliche Gewerkschafter seien überzeugt, dass auch in „unserer sich verändernden Arbeitswelt nur dann menschenwürdige Lösungen möglich sind, wenn sich gewerkschaftliche Politik am christlichen Menschenbild orientiert.“

Christliche Gewerkschaften haben in Deutschland eine über hundertjährige Tradition: Gegründet in den Kämpfen um die Arbeitnehmerrechte im Kaiserreich, dann eine Blütezeit während der Weimarer Republik (1933 zählten die Christlichen Gewerkschaften in Deutschland rund 1,2 Millionen Mitglieder) – es folgte das vollständige Verbot im Dritten Reich.

Vor 50 Jahren der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg: Am 27. Juni 1959 wurde der Christliche Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB) neu gegründet. In Ostdeutschland begann der Neuaufbau erst 1989 – also vor zwanzig Jahren. Den 50. Jahrestag seiner Neugründung nach dem Krieg feiert der CGB am Montag (29. Juni) mit einem Festakt in der Landesvertretung des Saarlandes in Berlin. Festredner wird Ministerpräsident Peter Müller sein.

Im Christlichen Gewerkschaftsbund sind heute 15 Einzelgewerkschaften organisiert – aus den Bereichen Landwirtschaft, Hotel und Gastronomie, Bergbau und Industrie, Medien und Telekommunikation. Auch der „Verband katholischer deutscher Lehrerinnen“ (VkdL)) gehört zum Dachverband des Christlichen Gewerkschaftsbundes. Bundesweit gibt es über 300 000 Mitglieder.

Der CGB versteht sich als freiwilliger Zusammenschluss eigenständiger Gewerkschaften und Berufsverbände. „Diese bekennen sich zur Koalitionsfreiheit nach Artikel 9 Abs. 3 GG und damit zum Gewerkschaftspluralismus“, heißt es in den Leitsätzen. Die Christlichen Gewerkschaften bejahen das Modell der Sozialen Marktwirtschaft als gesellschaftliches und wirtschaftliches Ordnungsprinzip und fühlen sich den Grundsätzen der christlichen Soziallehre verpflichtet. Personalität, Solidarität und Subsidiarität – die noch heute leitenden Prinzipien.

Geprägt wurden die Christlichen Gewerkschaften einst durch Persönlichkeiten wie Bischof Ketteler, Adolf Kolping und Heinrich Wichern. Auf diese Tradition blickt der CGB heute mit Stolz. Auch die Zeit des Dritten Reiches, als viele christliche Gewerkschafter in den Widerstand gingen, ins Gefängnis kamen, hat das Selbstverständnis des Verbandes bis heute geprägt: sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen, unabhängig von Parteien bleiben – für den CBG ein Grundgesetz.

Gemessen am – trotz schwindender Mitgliederzahlen – noch immer mächtigen DGB ist er ein zahlenmäßig kleiner Verband. Zahlen sagen jedoch nichts über die tatsächliche Wirkung eines Verbandes. Diese Ansicht vertritt Ulrich Bösl, Bundesvorsitzender der Christlichen Gewerkschaft Postservice und Telekommunikation (CGPT). Er betont: „Wir haben viele Möglichkeiten, die Arbeitswelt mitzugestalten. So hat der CGB Einfluss in vielen Betrieben und Personalräten: Wir stellen Aufsichtsratsmitglieder in Unternehmen. Vertreter in den Selbstverwaltungsorganen der Sozialversicherungen und viele ehrenamtliche Richter im Arbeits- und Disziplinarrecht.“

Auch als Tarifpartner seien die Christlichen Gewerkschaften erfolgreich, sagt Bösl. Der CGPT sei zum Beispiel an der Aushandlung des Postmindestlohns beteiligt gewesen. Gleiches gelte für die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) beim Wach- und Sicherheitsgewerbe. Mit eigenen Tarifwerken hätten christliche Gewerkschafter die Tariflandschaft stark beeinflusst.

Der Neuaufbau in Ostdeutschland gelang nach 1989 nur mühsam, ist noch immer nicht abgeschlossen. Immerhin verfügt der CGB inzwischen in einigen Regionen – in Thüringen und Sachsen und rund um Berlin – über gute und starke Strukturen. Insgesamt aber muss der Christliche Gewerkschaftsbund feststellen, dass die aus DDR-Zeiten überkommene Idee der Einheitsgewerkschaft im Osten Deutschlands resistent ist. „Der einstige Freie Gewerkschaftsbund aus DDR-Zeiten hat eigentlich nur das ,F‘ aus seinem Namen gestrichen und ist dann mit dem DGB in der alten Bundesrepublik fusioniert“, urteilt Ulrich Bösl. „Wir gehen da – als christlich orientierte Richtungsgewerkschaften – sicherlich keinen leichten Weg.“

Von Anfang an – schon bei der Gründung im Kaiserreich vor mehr als hundert Jahren – arbeiteten katholische und evangelische Christen innerhalb der christlichen Gewerkschaften zusammen. Die C-Gewerkschaften waren also eine der ersten großen ökumenischen Bewegungen Deutschlands. Im Übrigen steht der CGB von seinem Selbstverständnis als einer freien, politisch unabhängigen Organisation nicht nur Christen offen: Es überrascht zunächst, dass auch Ungetaufte und Menschen moslemischen Glaubens Mitglieder sind, sofern sie die christlich-soziale Ordnung als gemeinsames Wertefundament respektieren. CGPT-Vorsitzender Bösl erklärt, es gäbe keine Probleme mit der Integration von Nichtchristen. „Wir haben den Menschen in seiner ganzen Würde im Blick, begegnen ihm mit Respekt und Achtung. Gerade wer klare Wertmaßstäbe hat, verabscheut Ausgrenzungen!“

Wie positionieren sich die christlichen Gewerkschaften angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise? Auch der CGB hat keine Patentrezepte für die Zukunft – das ist eine einfache, aber doch klare Erkenntnis am 50. Jahrestag. „Als christlich-sozial engagierte Menschen wollen wir uns auch in Krisenzeiten dafür einsetzen, den Einzelnen mehr zu stärken, damit er sein Leben selbstbestimmt gestalten kann“, betont Ulrich Bösl. „Das fängt mit besseren Bildungs- und Ausbildungschancen an, für die sich der CGB einsetzt.“ Da, wo ein Mensch nicht mehr imstande sei, für sich selbst und seine Angehörigen zu sorgen – infolge von Krankheit oder Arbeitslosigkeit – habe er das unbedingte Recht auf Solidarität und Hilfe durch Staat und Gesellschaft. „Mehr Eigenverantwortung und weniger Staat machen den Menschen freier und unser Land zukunftsfähiger. Ohne Solidarität aber werden wir niemals auskommen!“

Der Christliche Gewerkschaftsbund versteht sich heute als christlich-soziale Wertegemeinschaft. Sein Motto: Blickpunkt Mensch. Die Idee einer Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft bleibt für den CGB verbindlich. Gerade durch seine spezifisch christliche Prägung, glaubt Ulrich Bösl, seien die Zukunftsaussichten für Christliche Gewerkschaften positiv. „Wir kommen auch angesichts der heutigen Strukturveränderungen ohne Klassenkampf und Neidparolen aus. Die christliche Soziallehre ist und bleibt unser Fundament!“

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