Der Charakter der Ganzhingabe

Sexualität ist nicht nur biologisch, sondern anthropologisch zu verstehen – Teil XI der „Tagespost“-Serie zu „Familiaris Consortio“. Von Professor Manfred Spieker
Foto: dpa | Die eheliche Liebe „hat etwas Totales an sich“, wusste Papst Johannes Paul II.
Foto: dpa | Die eheliche Liebe „hat etwas Totales an sich“, wusste Papst Johannes Paul II.

Das Apostolische Schreiben „Familiaris Consortio“ von Papst Johannes Paul II. von 1981 ist eine ebenso authentische wie verbindliche Interpretation der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils über Ehe, Familie und geschlechtliche Liebe. In einem Gespräch mit seinem Biografen George Weigel nannte Johannes Paul II. dieses Schreiben eines der wichtigsten Dokumente seines Pontifikats. Es ist eine Verteidigungsrede der geschlechtlichen Liebe, die das nur schwer ausrottbare Vorurteil widerlegt, die katholische Kirche habe etwas gegen die Sexualität, sei prüde und verklemmt und reduziere Sexualität auf die Frage der Empfängnisverhütung.

„Familiaris Consortio“ knüpft an der Botschaft des Konzils von der sittlichen Würde des ehelichen Geschlechtsaktes an und entfaltet die menschliche Sexualität als Sprache des Leibes, in der zum Ausdruck kommt, dass der Mensch, wie Papst Benedikt XVI. in „Caritas in veritate“ schreibt, für das Geschenk geschaffen ist. Vom „Gesetz des unentgeltlichen Schenkens“, das die Beziehungen in Ehe und Familie prägt, spricht auch Johannes Paul II. in „Familiaris Consortio“. Das Konzil hatte in „Gaudium et spes“ festgehalten, dass die Liebe zwischen Mann und Frau nicht nur etwas Biologisches ist, sondern das Wohl der ganzen Person umgreift, dass sie dem Geschlechtsakt als einem leib-seelischen Akt eine eigene Würde verleiht, ja „Menschliches und Göttliches in sich eint“. Im Geschlechtsakt, wenn er human vollzogen wird, bringen die Eheleute jenes gegenseitige Übereignetsein zum Ausdruck und vertiefen es gleichzeitig, durch das sie sich „gegenseitig in Freude und Dankbarkeit reich machen“.

In „Familiaris Consortio“ zeigt Johannes Paul II., dass alle Fragen der Sexualität nicht nur biologische, sondern anthropologische Fragen sind. Dies war bereits der Ansatz der Enzyklika „Humanae vitae“ von Paul VI. (1968), die von Johannes Paul II. in „Familiaris Consortio“ und später im Katechismus von 1993 wie auch von Papst Benedikt XVI. wiederholt bestätigt wurde. Zur gleichen Zeit, in der „Familiaris Consortio“ entsteht, entwickelt Johannes Paul II. in den Ansprachen seiner Generalaudienzen zwischen 1979 und 1984 die Theologie des Leibes. In ihr zeigt er, dass die Fragen der Sexualität auch eine theologische Dimension haben. Die Tatsache, dass sich auch die Theologie mit dem Leib beschäftigt, dürfe niemanden wundern, der um das Geheimnis und die Wirklichkeit der Inkarnation weiß. Dadurch, dass das Wort Gottes Fleisch wurde, sei der Leib zum Gegenstand der Theologie geworden. Damit ist auch die Sexualität ein Gegenstand kirchlicher Verkündigung.

Sexualität ist ein personales Geschehen

Aber kaum ein Thema kirchlicher Verkündigung unterliegt so vielen Verzerrungen und Missverständnissen wie die Sexualität. Benedikt XVI. greift diese Missverständnisse gleich zu Beginn seiner Enzyklika über die Liebe „Deus caritas est“ (2005) auf, wenn er fragt: „Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben? Stellt sie nicht gerade da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren lässt?“ In seiner Antwort zeigt Benedikt XVI., dass die Kirche „nicht dem Eros als solchen eine Absage erteilt, sondern seiner zerstörerischen Entstellung den Kampf ansagt“, dass der Eros mithin der Reinigung und der Verbindung mit der Agape bedarf, um dem Menschen nicht nur den Genuss eines Augenblicks, sondern einen gewissen Vorgeschmack von jener Seligkeit zu schenken, auf die unser ganzes Sein wartet.

Die eheliche Liebe erfasst die ganze Person

In „Familiaris Consortio“ entfaltet Johannes Paul II. die Linien einer menschenwürdigen Sexualität. Er zeigt, dass die Erotik nur dann einen Vorgeschmack von jener Seligkeit zu schenken vermag, auf die unser ganzes Sein wartet, wenn sie nicht nur als ein biologisches, sondern auch als ein personales Geschehen begriffen wird: „Als Geist im Fleisch, das heißt als Seele, die sich im Leib ausdrückt, und als Leib, der von einem unsterblichen Geist durchlebt wird, ist der Mensch in dieser geeinten Ganzheit zur Liebe berufen. Die Liebe schließt auch den menschlichen Leib ein, und der Leib nimmt an der geistigen Liebe teil... Infolgedessen ist die Sexualität, in welcher sich Mann und Frau durch die den Eheleuten eigenen Akte einander schenken, keineswegs etwas rein Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person... Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten. Die leibliche Ganzhingabe wäre eine Lüge, wenn sie nicht Zeichen und Frucht personaler Ganzhingabe wäre, welche die ganze Person, auch in ihrer zeitlichen Dimension, miteinschließt. Die Ganzheit, wie sie die eheliche Liebe verlangt, entspricht auch den Forderungen, wie sie sich aus einer verantwortlichen Fruchtbarkeit ergeben. Auf die Zeugung eines Menschen hingeordnet, überragt diese ihrer Natur nach die rein biologische Sphäre und berührt ein Gefüge von personalen Werten, deren harmonische Entfaltung den dauernden, einträchtigen Beitrag beider Eltern verlangt.“

Die Ehe ist ein Sakrament, das aus zwei Leibern „ein Fleisch“ macht. Die Leiber der Eheleute selbst sind die Materie des Sakraments. Das Wort des Apostels Paulus in 1 Korinther 6,20 „Verherrlicht also Gott in eurem Leibe“ gilt auch für den ehelichen Geschlechtsverkehr. Er ist eine Gabe Gottes, eine besondere Form personaler Freundschaft, in der sich Mann und Frau „erkennen“, sinnenhaft und geistig zugleich.

Die eheliche Liebe hat deshalb, schreibt Johannes Paul II. in „Familiaris Consortio“, „etwas Totales an sich, das alle Dimensionen der Person umfasst; sie betrifft Leib und Instinkt, die Kraft des Gefühls und der Affektivität, das Verlangen von Geist und Willen; sie ist auf eine zutiefst personale Einheit hingeordnet, die über das leibliche Einswerden hinaus dazu hinführt, ein Herz und eine Seele zu werden; sie fordert Unauflöslichkeit und Treue in der endgültigen gegenseitigen Hingabe und ist offen für die Fruchtbarkeit“.

Knapp und einprägsam hat Johannes Paul II. das ein Jahr zuvor in Köln in einer Predigt zum Thema Ehe und Familie ausgedrückt: „Man kann nicht nur auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.“

In diese anthropologische Perspektive der ehelichen Liebe sind die verantwortliche Elternschaft und die Empfängnisregelung integriert. Bei der Entscheidung zwischen der natürlichen Empfängnisregelung und der chemischen Empfängnisverhütung handelt es sich nicht in erster Linie um eine Methodenfrage, sondern um eine Frage des Menschenbildes. Paul VI. hatte in „Humanae vitae“ bereits darauf hingewiesen, dass die Entscheidung zwischen der Berücksichtigung empfängnisfreier Zeiten und der chemischen Empfängnisverhütung durch die Manipulation des Körpers der Frau „zwei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen“ zum Gegenstand habe. Diese Entscheidung lasse sich deshalb nicht auf die Methodenfrage reduzieren.

In diesen unterschiedlichen Verhaltensweisen spiegeln sich, schreibt Johannes Paul II. in „Familiaris Consortio“ anthropologische und moralische Differenzen, die größer und tiefer sind, „als man gewöhnlich meint“ und die mit „zwei sich gegenseitig ausschließenden Vorstellungen von Person und menschlicher Sexualität verknüpft“ sind. Wenn die Ehegatten durch die chemische Empfängnisverhütung die „beiden Sinngehalte, die der Schöpfergott dem Wesen von Mann und Frau und der Dynamik ihrer sexuellen Vereinigung eingeschrieben hat, auseinanderreißen, liefern sie den Plan Gottes ihrer Willkür aus; sie ,manipulieren‘ und erniedrigen die menschliche Sexualität – und damit sich und den Ehepartner –, weil sie ihr den Charakter der Ganzhingabe nehmen“.

Die Natürliche Empfängnisregelung, in der die Eheleute die empfängnisfreien Zeiten beachten, beinhaltet dagegen „ein Annehmen der Zeiten der Person, der Frau, und damit auch ein Annehmen des Dialoges, der gegenseitigen Achtung, der gemeinsamen Verantwortung, der Selbstbeherrschung. Die Zeiten und den Dialog annehmen heißt, den zugleich geistigen und körperlichen Charakter der ehelichen Vereinigung anerkennen und die personale Liebe in ihrem Treueanspruch leben. In diesem Zusammenhang macht das Ehepaar die Erfahrung, dass die eheliche Vereinigung um jene Werte der Zärtlichkeit und der Affektivität bereichert wird, die die Seele der menschlichen Geschlechtlichkeit bilden, auch in ihrer leiblichen Dimension. Auf diese Weise wird die Sexualität in ihrer echt- und vollmenschlichen Dimension geachtet und gefördert, sie wird nicht ,benutzt‘ wie ein Gegenstand, was die personale Einheit von Leib und Seele auflösen und so die Schöpfung Gottes in ihrer intimsten Verflechtung von Natur und Person verletzen würde.“

Die Eheleute werden Mitarbeiter des Schöpfers

Papst Benedikt XVI. bestätigte diese ebenso anthropologische wie theologische Perspektive in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag von „Humanae vitae“ 2008: „Keine mechanische Technik kann den gegenseitigen Liebesakt der beiden Eheleute ersetzen, der Zeichen eines größeren Geheimnisses ist, durch das sie als Protagonisten an der Schöpfung beteiligt sind.“

Auch der Katechismus greift diese ganzheitliche Sicht der Sexualität auf: „Während die geschlechtliche Vereinigung ihrer ganzen Natur nach ein vorbehaltloses gegenseitiges Sich-Schenken der Gatten zum Ausdruck bringt, wird sie durch die Empfängnisverhütung zu einer objektiv widersprüchlichen Gebärde, zu einem Sich-nicht-ganz-Schenken. So kommt zur aktiven Zurückweisung der Offenheit für das Leben auch eine Verfälschung der inneren Wahrheit ehelicher Liebe, die ja zur Hingabe in personaler Ganzheit berufen ist. Dieser anthropologische und moralische Unterschied zwischen der Empfängnisverhütung und der Zuflucht zu den natürlichen Fruchtbarkeitszyklen ist mit zwei sich ausschließenden Vorstellungen von Person und menschlicher Sexualität verknüpft.“ In der Enzyklika „Evangelium vitae“ (1995) setzt Johannes Paul II. die anthropologische Betrachtung der Sexualität fort und verknüpft sie mit einer theologischen. Er preist die Fortpflanzung als Kooperation der Eheleute mit dem Schöpfer. Die Zeugung eines Kindes durch das vollkommene Sich-Schenken von Mann und Frau im ehelichen Liebesakt sei „ein zutiefst menschliches und in hohem Maße religiöses Ereignis, insofern sie die Ehegatten, die ,ein Fleisch‘ werden (Gen 2,24), und zugleich Gott selbst beteiligt, der dabei gegenwärtig ist“. Das Kind bringe „ein besonderes Abbild Gottes in die Welt: in die Biologie der Zeugung ist die Genealogie der Person eingeschrieben“. In der menschlichen Fortpflanzung sei „Gott selber in einer anderen Weise gegenwärtig als bei jeder anderen Zeugung ,auf Erden‘. Denn nur von Gott kann jenes ,Abbild und jene Ähnlichkeit‘ stammen, die dem Menschen wesenseigen ist, wie es bei der Schöpfung geschehen ist. Die Zeugung ist die Fortführung der Schöpfung.“

Sexualität ist, wie alles Menschliche, aber auch anfällig für die Sünde, für Egoismus, Willkür und Missbrauch. Gerade die anthropologische und theologische Perspektive schärft den Blick für die möglichen Deformationen. Das Hohelied von der geschlechtlichen Liebe hält „Familiaris Consortio“ nicht davon ab, auch daran zu erinnern und einmal mehr „Humanae vitae“ zu zitieren: Wenn sich die Eheleute in Sünde verstricken sollten, „so seien sie nicht entmutigt, sondern mögen in Demut und Beharrlichkeit ihre Zuflucht zur Barmherzigkeit Gottes nehmen, die sich ihnen im Bußsakrament öffnet“. Die Kirche wird nicht müde, ihnen, aber auch den Jugendlichen, auf dem Weg zu einer menschenwürdigen Sexualität und zum Gelingen des ehelichen Lebens zu helfen. Dass die Botschaft von „Familiaris Consortio“ auch für Jugendliche verständlich vermittelt werden kann, hat Dominik Schwaderlapp mit seinem ,Kurs in Sachen Liebe‘ „Für immer Ja“ (München 2007) gezeigt.

Auftrag der Kirche ist es, das Evangelium des Lebens zu verkünden. „Familiaris Consortio“ ist ein Pfeiler dieser Verkündigung.

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