Der Aufschwung ist noch sehr fragil

Umfrage zeigt: Wirtschaft ist verhalten optimistisch – doch die Konjunktur geht am Arbeitsmarkt vorbei

So leicht lässt sich unsere Bundeskanzlerin nicht erschüttern. Deutschland werde „stärker aus der Krise hervorgehen“, als es hineingegangen sei, versicherte sie erst kürzlich den Bürgern. Bis dieses Ziel erreicht ist, dürfte einige Zeit ins Land gehen: Frühestens 2012 werden die Deutschen wieder das Wohlstandsniveau vor der Krise erreicht haben, befürchten Wirtschaftsforscher. Zwar haben die staatlichen Stützungsmilliarden und die von den Zentralbanken ausgelöste Geldflut das Horrorszenario von sieben Prozent Minuswachstum und fünf Millionen Arbeitslosen verhindert. Doch gibt es keinen Anlass anzunehmen, die Weltwirtschaftskrise sei überstanden: Zwar fassen viele Branchen wieder Mut – doch für viele Arbeitnehmer ist das nur ein schwacher Trost.

Nur die Lederbranche will im kommenden Jahr neue Jobs schaffen. Das geht aus der aktuellen Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor, die, wie jedes Jahr, ein Bild von der Stimmung und den Aussichten in den einzelnen Branchen zeichnet: Herrschte dort im vergangenen Jahr fast durchwegs Pessimismus – 41 von 43 befragten Wirtschaftsverbänden bezeichneten die Stimmung in ihrer Sparte schlechter als beim vorherigen Jahreswechsel – gehen diesmal immerhin 27 von 44 befragten Verbänden von einer besseren Stimmung aus. Sieben Branchen bezeichnen die Stimmung als unverändert, zehn der diesmal 44 befragten Verbände halten die Lage für noch ungünstiger als vor einem Jahr. So erwartet die Branche Schiffbau und Meerestechnik „wesentlich niedrigere Geschäftsergebnisse als 2009“. Überdurchschnittlich schlecht sind die Stimmung und die Geschäftsaussichten auch in der Druckindustrie, im Einzelhandel und im Gastgewerbe.

Die verhaltene Stimmungsaufhellung bei der Mehrzahl der befragten Wirtschaftsverbände setzt sich in den Branchen-Erwartungen für das kommende Jahr fort. Die Hälfte der Wirtschaftsverbände rechnet mit besseren Geschäften als 2009. „Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise ist nach wie vor nicht überwunden und wird auch im nächsten Jahr einige Branchen noch hart treffen. Doch insgesamt scheint das Gröbste überstanden und die meisten Branchen sehen wieder einen Aufwärtstrend“, lautet das Fazit von Professor Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Vielen Arbeitnehmern nützt die Zuversicht ihrer Arbeitgeber herzlich wenig. Denn jetzt werden in vielen Branchen die Maßnahmen und Entscheidungen gefällt, die bislang dank Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit hinausgezögert werden konnten. Viele Unternehmen werden im kommenden Jahr immer mehr Mitarbeiter entlassen und Stellen abbauen. Siebenundzwanzig Branchen – und damit die Mehrheit der 44 befragten Wirtschaftsverbände, „halten einen Arbeitsplatzabbau in ihren Unternehmen für unvermeidbar“, heißt es in der Umfrage des Kölner Wirtschaftsinstituts. Betroffen sind vor allem die Beschäftigten der Industrie und des Verarbeitenden Gewerbes. Stellenweise werden die Entlassungen fortgesetzt, die schon 2009 begonnen haben. In diesem Jahr hat etwa der Maschinen- und Anlagenbau, mit über 900 000 Beschäftigten größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland, seine Beschäftigtenzahl um 60 000 Arbeitnehmer verringert. Da der Maschinen- und Anlagenbau nach eigenen Angaben „so schnell nicht auf das alte Produktionsniveau zurückkehrt“, werde sich der Arbeitsplatzabbau in der Branche 2010 fortsetzen, so die Umfrage des Instituts.

Doch auch in der Bauwirtschaft wird es zu Entlassungen kommen. Um drei Prozent wird sich die Zahl der 690 000 im Bauhandwerk beschäftigten Arbeitnehmer verringern, erwartet der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Der Grund: Die Firmen rechnen damit, dass die Auswirkungen des staatlichen Konjunkturprogramms auf kommunaler Ebene nicht so hoch ausfallen wie erhofft. Sie können damit die Rückgänge in den Sparten Wirtschafts- und Wohnungsbau nicht ausgleichen. Auch die Speditionswirtschaft will Stellen einsparen. Denn „Verkehr ist eine abgeleitete Nachfrage“, heißt es in der Umfrage. „Wenn weniger produziert wird, gibt es auch weniger zu transportieren. Und wenn die Bestellungen im Handel stocken, bleiben die Transportaufträge aus.“ Auch Banken und Versicherungen, von der Krise arg in Mitleidenschaft gezogen, wollen rationalisieren.

Sechzehn Branchen wollen dagegen ihre Beschäftigtenzahl stabil halten. Dazu gehört auch die Automobilindustrie. Ihr Optimismus gründet sich nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) auf das zu erwartende Wachstum in den Schwellenländern. Doch auch der absehbare Fachkräftemangel bewirkt, dass viele Firmen dieser Branche ihre Beschäftigten halten wollen. Wenn jedoch „Leih- und Zeitarbeitnehmer in die Betrachtung mit einfließen, dann ist allerdings mit einem Abbau der Beschäftigten zu rechnen“, heißt es in der Umfrage des Instituts dazu. Die einzige Branche, die die Zahl ihrer Beschäftigten erhöhen will, ist die Lederindustrie. Diese Branche profitiert von der Erholung in der PKW-Premiumklasse.

Der verhaltene Optimismus vieler Branchen lässt sich auch an der Investitionsneigung ablesen: Nur neun Wirtschaftszweige, darunter Automobilindustrie, Gummiverarbeitung, Finanzbranche und Informationswirtschaft, wollen im kommenden Jahr mehr investieren. Vor einem Jahr zählte das IW lediglich zwei Branchen, die der Krise trotzen wollten. Vierundzwanzig Wirtschaftsverbände geben an, das – niedrige – Investitionsniveau dieses Jahres auch 2010 beizubehalten, elf Branchen, wie die Bauindustrie, das Handwerk und der Einzelhandel, wollen weniger in ihr Geschäft investieren. Der Grund ist einleuchtend: Aufgrund der schlechten Auftragslage werden die Kapazitäten nicht genug ausgelastet, Teile der Maschinenparks sind eingemottet, da rechnen sich keine Neuinvestitionen.

Die Lage hat sich also stabilisiert. Doch die Bestandsaufnahme ist bestürzend: 2009 war das Jahr der großen spektakulären Pleiten, 350 000 Stellen gingen verloren, Tausende werden folgen. Die Konjunkturprognosen für 2010 bewegen sich zwischen einem und zwei Prozent. Doch am Arbeitsmarkt wird dieser Aufschwung wenig ausrichten, zumal sich dort erst jetzt die Wirtschaftskrise auswirkt: Um 400 000 wird die Arbeitslosenzahl im kommenden Jahr voraussichtlich zunehmen. Von der Binnennachfrage werden wenig Impulse für die Konjunktur ausgehen: Die Verbraucher, die 2009 mit ihren Ausgaben die Lage stabilisierten, werden sich 2010 zurückhalten. Zumal die verfügbaren Einkommen sinken werden, da Lohnsteigerungen wohl eine Seltenheit bleiben.

In dieser Situation liegt alle Hoffnung auf dem Export. „Zieht die internationale Konjunktur schneller und deutlicher an als bisher erwartet, kann auch die exportorientierte Wirtschaft stärker punkten“, sagt denn auch Institutsdirektor Professor Michael Hüther. Bleibt zu hoffen, dass der gröbste Teil der Weltwirtschaftskrise überstanden ist. Vielleicht kommt es aber doch noch zu Rückschlägen. Das lässt sich aufgrund der nach wie vor geringen Transparenz der internationalen Finanzmärkte nicht ausschließen.

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