Den Wandel gestalten

Demografische Entwicklung zwingt zum Handeln – Gemeinsames Forum der Kommende Dortmund und des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU) zur „Rente mit 67“. Von Anja Kordik
Foto: dpa | Sorgte für zahlreiche Proteste: Die Rente mit 67. Schuld trägt der demografische Wandel in Deutschland.
Foto: dpa | Sorgte für zahlreiche Proteste: Die Rente mit 67. Schuld trägt der demografische Wandel in Deutschland.

„Gut arbeiten bis 67?“ – zu einem Wirtschaftsforum über die Auswirkungen des demografischen Wandels und die notwendige Anpassung des Rentenalters lud das katholische Sozialinstitut Kommende zusammen mit dem Bund Katholischer Unternehmer (BKU) in die Handwerkskammer Dortmund ein. Referenten waren der SPD-Politiker Franz Müntefering, ehemals Bundesarbeitsminister (2005 bis 2007), und Andreas Storm, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Das Wirtschaftsforum des katholischen Sozialinstituts zu einem Thema von hoher sozialer Brisanz fiel in zeitliche Nähe eines für die katholische Soziallehre bedeutsamen Jahrestages: Fast auf den Tag genau vor 120 Jahren, am 15. Mai 1891, veröffentlichte Papst Leo XIII. seine Enzyklika „Rerum novarum“, die als epochal und „Mutter aller Sozialenzykliken“ gilt. Ausführlich ging der Papst auf die Frage der Arbeit ein, betonte einerseits die Pflicht des Arbeitnehmers, seine geschlossenen Verträge einzuhalten und dem Arbeitgeber mit seiner Arbeit zu dienen, umgekehrt aber auch die Pflicht des Unternehmers, die Würde des Arbeitnehmers zu achten und Rücksicht zu nehmen auf dessen Wohlergehen, Alter und Geschlecht. Aufgabe des Staates sei, für den Schutz der Menschenwürde und die Überwachung der Arbeitsverhältnisse Sorge zu tragen. In dieser Tradition von „Rerum novarum“ wurde die katholische Soziallehre in den nachfolgenden Sozialenzykliken – angefangen bei Pius XI. über Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. bis zu Benedikt XVI. („Caritas in veritate“, 2009) weiterentwickelt.

Die Arbeitswelt hat sich seit den Zeiten von „Rerum novarum“ fundamental verändert. Insbesondere der demografische Wandel belastet Arbeitswelt und Gesellschaft. Er stellt den Sozialstaat vor Herausforderungen bisher nie gekannten Ausmaßes, hob Franz Müntefering hervor: „Die gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland ist ja relativ jung, wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Damals war das Risiko für die Rentenversicherer noch relativ gering: Um 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 50 Jahren. Und noch im Jahr 1960 waren nur 11 Prozent der Menschen in Deutschland älter als 64.“ Heute hätten sich die demografischen Verhältnisse verkehrt, so der SPD-Politiker: „Die gute Nachricht ist: Wir werden immer älter. Damit wächst aber auch der Anteil der Menschen im Rentenalter, während gleichzeitig die Geburtenraten anhaltend niedrig bleibet und die Zahl der nachwachsenden Erwerbstätigen sinkt. Pro Jahr kommen immer mehr Menschen ins Rentenalter als gleichzeitig Junge die Schule verlassen und für den Arbeitsmarkt bereitstehen.“ Zudem werde der tatsächliche Eintritt ins Berufsleben durch längere Ausbildungszeiten weiter hinausgeschoben. Nüchtern stellte Müntefering fest, diese Entwicklung werde langfristig dazu führen, dass „es zu massiven Komplikationen bei der Finanzierbarkeit unseres Rentensystems kommt.“

Müntefering plädierte für eine veränderte gesamtgesellschaftliche Konzeption, denn um die gesellschaftliche Ordnung und den gesellschaftlichen Frieden langfristig zu erhalten, dürfe nicht nur die Frage der Alterssicherung im Vordergrund stehen: „Wir brauchen eine geordnete Zuwanderung, um einer drohenden Welle des Fachkräftemangels vorzubeugen. Das Thema Migration und Integration wird eines der gesellschaftlichen Schlüsselthemen der Zukunft sein. Gleichzeitig müssen wir mehr als bisher in die Bildung junger Menschen investieren, um ihre Chancen auf einem sich ständig verändernden und immer höhere Ansprüche stellenden Arbeitsmarkt sicherzustellen.“

Staatssekretär Storm machte deutlich, dass der demografische Wandel nicht nur Deutschland, sondern alle europäischen Länder erfasst hat. Als Beispiel nannte er Griechenland, wo sich der Anteil der Ausgaben für Renten in den nächsten 20 Jahren verdreifachen werde – gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes. Daher sei in nahezu allen Staaten Europas in den vergangenen Monaten die Lebensarbeitszeit verlängert worden. Oder es stünde eine Anhebung des Renteneinstiegsalters an. „Der wesentliche Unterschied zu unserem Ansatz besteht darin: Wir haben in Deutschland einen langsamen, gleitenden Einstieg in die längere Lebensarbeitszeit, der 2012 beginnt und erst 2069 mit dem Erreichen der Altersgrenze 67 beendet ist. Es gibt also eine allmähliche moderate Veränderung, und wir haben Zeit, uns darauf einzustellen. Die meisten Länder entscheiden sich für sehr abrupte Veränderungen, dass sie etwa schon ab 2015 das Rentenalter um ein volles Jahr anheben.“ Ein Sonderfall, so der Staatssekretär, sei Frankreich. „Dort wird jetzt das Rentenalter auf 62 Jahre angehoben. Damit haben die Franzosen noch immer ein wesentlich niedrigeres Einstiegsalter als alle europäischen Nachbarn. In Großbritannien, Italien und Spanien liegt das Renteneinstiegsalter bisher wie bei uns bei 65. Die Briten diskutieren zur Zeit aber sogar schon über die Rente mit 70.“

Wichtig sei, dass in allen europäischen Ländern ein Umdenken nicht nur in der Politik, sondern auch in den Unternehmen stattfinde. Wissenschaftliche Beobachtungen würden zeigen, dass Unternehmenserfolge durchaus auch mit älteren Belegschaften zu erzielen seien. „Eine generelle Abnahme der Leistungsfähigkeit und Produktivität mit zunehmendem Alter lässt sich jedenfalls nicht feststellen. Ein 29–Jähriger wird in der Regel schneller Entscheidungen treffen als ein 59-Jähriger, aber die Entscheidung des Älteren hat mehr Bestand, weil Erfahrungswissen einfließt, dass ein junger in der Regel noch nicht abrufen kann.“ Storm nannte positive Beispiele gelungener Integration älterer Arbeitnehmer in die Unternehmensabläufe, unter anderem bereits den für die Chemie-Branche vereinbarten „Demografie-Vertrag“. „Diese Vereinbarung ist vorbildlich, da die Chemie-Industrie zu einem frühen Zeitpunkt die Frage angegangen ist, was können die Sozialpartner gemeinsam tun, wenn es darum geht, sich auf die Auswirkungen der demografischen Entwicklung in der Branche einzustellen?“ Wesentlich sei es, nicht nur große Industrieunternehmen, sondern auch kleine Handwerksbetriebe im Blick zu haben, betonte Storm. Nur, wenn es gelingt, auch für kleine Handwerksbetriebe tragfähige Lösungen zu finden, die zeigen, wie sich der Einsatz älterer Arbeitnehmer für alle Beteiligten positiv auswirkt, werden wir in Zukunft Menschen davon überzeugen, dass eine längere Lebensarbeitszeit keine Belastung, sondern ein Gewinn ist.“

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