Wirecard

„Das System wollte betrogen werden“

Der Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal hat im Bundestag seine Arbeit aufgenommen. Ein Interview mit dem Finanzmarkt-Experten Felix Holtermann.

Kanzlerin Merkel muss im Wirecard-Ausschuss aussagen
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde als Zeugin vor den Untersuchungsausschuss des Bundestages geladen. Foto: dpa
FELIX HOELTERMANN, 17.5.2017
Felix Holtermann. Foto: Frank Beer

Herr Holtermann, „Geniale Betrüger“ heißt Ihr Buch zum Skandal, steht der Titel für heimliche Bewunderung?

Der Titel ist zugegebenermaßen prägnant gewählt. Was damit zum Ausdruck gebracht werden soll, ist allerdings nicht Bewunderung für die Täter. Anerkennen muss man jedoch, dass bei Wirecard etwas Außergewöhnliches passiert ist. Schließlich ist bislang noch nie ein DAX-Konzern innerhalb von sieben Tagen und sieben Nächten untergegangen. Ein Prozess, der bei anderen Unternehmen Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch genommen hat, hat sich hier in kürzester Zeit abgespielt. Dass ein Unternehmen am 18. Juni verkündet, dass ein Viertel der Bilanzsumme fehlt, und bereits am 25. Juni Insolvenz anmeldet, ist in unserem System so nicht vorgesehen.

Was genau war genial?

Die Hintermänner bei Wirecard agierten auf zwei Ebenen genial. Die eine davon ist die Außendarstellung. Dort hat das Unternehmen sehr erfolgreich mit einer deutschen Sehnsucht gespielt, auch einer deutschen Angst. Deutschland gilt als ein Land der Old Economy, das den Anschluss an die digitale Moderne des Silicon Valley verpasst hat. Dann tritt mit Wirecard auf einmal ein deutsches Unternehmen auf den Plan, das sagt, wir haben das Bezahlen von morgen verstanden. Verheißungen wie „wir arbeiten mit künstlicher Intelligenz, wir machen Blockchain“ haben die Träume von Großinvestoren und Kleinanlegern beflügelt. Die zweite Ebene war die Genialität nach innen. Wirecard hat nach der Auffassung vieler Finanzexperten etwas Einzigartiges erreicht: eine Art „Bilanzbetrug 2.0“. Bilanzbetrug an sich ist nichts Neues. Viele Betrüger arbeiten mit Scheingeschäften, verbuchen Scheinumsätze und -gewinne. Am Ende fließt dafür jedoch kein reales Geld, es fehlt das Cash in der Kasse. Wirecard ist es gelungen, mit dem Plazet von Wirtschaftsprüfern, sogar Cash zu fälschen: Aus unsicheren Forderungen wurden solche generiert, hinter denen eine vermeintliche Cashposition stand.

Wie funktionierte das Geschäftsmodell?

Spannend daran ist, dass es nicht nur eine Wirecard gab, sondern gleich drei. Die erste ist die „saubere Wirecard“, das Unternehmen fürs Schaufenster mit prominenten Kunden wie ALDI oder der Österreichischen Bundesbahn. Diese Wirecard hat man gerne auf den Bilanzpressekonferenzen gezeigt. Hier war das Geschäft real. Auch bei der zweiten, der „schmutzigen“ Wirecard, gab es wirkliches Geschäft, reale Transaktionen, allerdings mit problematischen Kunden. Dort sammelten sich unter anderem Unternehmen, die zu Beginn der Jahrtausendwende dringend Zahlungsabwicklung benötigten, weil die klassischen Banken nicht gerne mit ihnen zusammenarbeiteten. Dazu gehörten die Porno- und die Glücksspielbranche. Für sie wird Wirecard in einem großen Ausmaß zum Dienstleister. Das war jedoch nicht nur moralisch fragwürdig, Wirecard ermöglichte auch illegale Geschäfte. So war zum Beispiel die Zahlungsabwicklung für Onlinepoker ab Ende der 2000er-Jahre in den USA illegal, Wirecard war dennoch in diesem Segment aktiv. Gleiches gilt für die Abwicklung der Finanzströme betrügerischer Anlageunternehmen. Insoweit ermöglichte Wirecard hier in großem Umfang Geldwäsche. Die dritte Ebene ist die „fiktive Wirecard“. Vorwiegend aus Asien kommen die fantastischen Steigerungsquoten bei Umsatz und Gewinn von 30 Prozent und mehr, über deren Erfindung der Konzern schließlich stürzt. In meinem Buch zeige ich auf, dass diese drei Bereiche nicht getrennt voneinander gesehen werden können. Jeder einzelne funktioniert ohne die anderen nicht.

War das System von Beginn an auf kriminelle Abschöpfung ausgerichtet oder hat es sich entwickelt?

Das kann man, da die gerichtlichen Verfahren noch ausstehen, sicherlich nicht abschließend beurteilen. Auf der Basis der bisherigen Erkenntnisse würde ich allerdings sagen, dass Wirecard sich zumindest von Anfang an oft dafür entschieden hat, den krummen statt den geraden Weg zu gehen. Das ist letztlich auch das, was den Konzern groß gemacht hat. Von Geschäften mit Hochrisikokunden ging es hinein in die Geldwäsche und letztlich von dort in den Bilanzbetrug.

Lag der radikale Absturz am zu schnellen und zu riskanten Wachstum oder an dubiosen Partnern und Praktiken?

Wie immer in solchen Fällen ist das Endergebnis nicht monokausal erklärbar. Klar ist: Das System Wirecard wäre ohne die systematischen Schwächen des deutschen Finanzplatzes nicht möglich gewesen. Deutschland gilt nach der Einschätzung der EU-Kommission als das Geldwäscheparadies Europas. Die Geldwäscheaufsicht FIU ist nach Auffassung vieler Experten inkompetent und unterbesetzt. Die meisten Geldwäscheverdachtsanzeigen werden dort unbearbeitet abgeheftet.

Auch bei der Finanzaufsicht BaFin hat die Regulierung versagt. Schließlich gab es bis in höchste politische Kreise Lobbyarbeit für Wirecard. Hier standen viele ehemalige Ministerpräsidenten und andere Spitzenpolitiker auf der Payroll des Unternehmens. Wirecard hat in zwei Jahrzehnten erfolgreich eine Art Wagenburg zum Schutz um sich herum errichtet.

Ist der Finanzplatz Deutschland noch eine Spielwiese für Finanzhasardeure?

Es gibt zumindest erste zaghafte Ansätze einer Verbesserung. So soll das System der Bilanzprüfung verändert werden. Die BaFin soll erweiterte Zugriffsrechte bekommen. Bei der Aufsicht über die Wirtschaftsprüfer selbst, der APAS, fehlt es noch an zielführenden Schritten. Beim Thema Geldwäsche sieht man allerdings praktisch keine Fortschritte. Ein zweiter Fall Wirecard ist also nicht auszuschließen, zumal die kriminelle Energie grenzenlos zu sein scheint. Aber wir sollten möglichst viel dafür tun, dass sich so ein Skandal nicht noch einmal wiederholen kann.

War es leicht, Aufsichtsgremien und Wirtschaftsprüfer zu täuschen?

Einer der zentralen Fehler ist hier sicherlich im Bereich der Wirtschaftsprüfung passiert. Die Prüfer von EY sahen sich bereits 2015/2016 mit dem Problem konfrontiert, dass schon damals in der Bilanz eine sehr hohe Forderungsposition von 250 Millionen Euro gegen die Drittpartner in Asien bestand. Laut Insidern hatte EY mit dieser zunehmend Bauchschmerzen, weil sie nur schwer zu überprüfen war. Die unsichere Forderungsposition wurde in der Folge in der Bilanz umgewandelt – und zwar in eine sehr viel härtere Position, in Cash. Dieses Geld floss jedoch nicht von Asien nach Aschheim, sondern wurde angeblich auf Treuhandkonten geparkt. Am Ende erwiesen sich diese als leer. Auch das Handeln des damaligen Aufsichtsrats ist höchst fragwürdig: Er hat binnen kürzester Zeit „wackelige“ Bilanzen durchgewunken, laut Insidern, ohne sich in ausreichendem Maß mit den Prüfberichten zu befassen. EY berichtete sogar von „Zweifeln an der Integrität des Managements“, dem ist der Aufsichtsrat nicht mit der notwendigen Konsequenz nachgegangen. Wie diese Warnsignale übersehen werden konnten, ist schlechterdings nicht nachvollziehbar. Über Jahre hinweg gab es aus dem Aufsichtsrat kaum kritische Fragen im Hinblick auf das Handeln des Vorstands, wie interne Protokolle zeigen.

Ist der Skandal ein Symptom für die Krise unseres gesamten Finanzsystems?

Wirecard hat ein System betrogen, das betrogen werden wollte. Das ist eine Erkenntnis, die ich in meinem Buch beschreibe. Der Fall zeigt die Defekte unseres Finanzsystems glasklar auf. Das gilt für die nationale wie für die weltweite Perspektive.

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