Kolumne

„C“ wie christliches Chaos

Der Sozialstaat wird mit seinen alten Taktiken der neuen Pandemie nicht mehr Herr, beschreibt unser Kolumnist.

MPK
Die Empfehlungen der Ministerpräsidentenkonferenz an die Kirchen machen deutlich, dass vom „C“ der C-Partei nicht mehr viel übrig ist. Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa)
„C“ wie christliches Chaos
Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach und Inhaber des ... Foto: KNA

Um gleich mit der verärgerten Tür ins Haus zu poltern: Wenn der Kanzlerin aus der CDU und den Ministerpräsidenten zur Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht viel mehr einfällt, als in den ersten drei Tagen der Karwoche und vor Ostern die Lebensmitteleinkäufe zu erlauben und für die Zeit danach die Kirchen zu bitten, auf Gottesdienste zu verzichten, dann fehlt dem wohlwollenden Betrachter der aktuellen politischen Szene jedes Verständnis. Das hohe „C“ der beiden christlichen Parteien scheint vollends zum Chaos verkommen zu sein; von aktiver Eindämmung der Pandemie ist nichts zu sehen.

Ein aktiver Sozialstaat

Dabei geht es gar nicht in erster Linie um die ärgerliche (und vermutlich unnötige) Zumutung an die Kirchen, auf Gottesdienste zu verzichten; hier sind beste Hygienekonzepte ja ausgearbeitet und bewährt und die Bitte um Verzicht ein einziger skandalöser Beweis der Hilflosigkeit der Politik. Nein, es geht nicht zuerst um Kirchen und Gottesdienste, sondern um nichts weniger als um das Konzept eines aktiven und strategisch vorgehenden Sozialstaates! Warum wird beharrlich auf die Hilfe der Hausärzte beim Impfen verzichtet, wo diese über jedwede Expertise verfügen, und werden stattdessen unausgelastete Impfzentren teuer errichtet? Warum ist nicht längst genügend Impfstoff besorgt? Warum wird nicht konsequent und ständig für Corona-Tests in Schulen und Kitas gesorgt? Warum verzögert sich die Ausstattung der Schulen mit modernen Entlüftungsgeräten? Und wenn auf eine drohende Überlastung der Intensivstationen hingewiesen wird: Warum hört man nichts über den notwendigen Ausbau von Intensivstationen und die beschleunigte Ausbildung und Einstellung von Pflegekräften? Und ist eigentlich noch die Rede von gerechter und ausreichender Bezahlung der Menschen, die in klinischer und sozialer Pflege arbeiten?

Zerbröselnder Sozialstaat

All das und noch vieles mehr sind sehr wichtige Fragen eines Sozialstaates, der mit den alten Taktiken der neuen Pandemie nicht mehr Herr wird. Und das erbittert das geneigte Wählervolk zunehmend: der Eindruck, es gäbe statt vorausschauender innovativer Strategie nur kleinkrämerische Videokonferenztaktik. Wenn das einhergeht mit offenkundigem Desinteresse der angeblich christlichen Politiker am christlichen Markenzeichen, nämlich Sakramente und Liebe zum schwächsten Mitmenschen, dann beginnt unser ursprünglich christlich motivierter und fundierter Sozialstaat schnell und leise zu zerbröseln!

Auch bei irgendwann beschleunigtem Impfschutz wird uns die Herausforderung durch die Pandemie noch lange begleiten. Nur hasenfüßig und inkonsequent und undurchschaubar zu reagieren, statt präventiv zu regieren, ist dabei zu wenig.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

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