Bildung ist mehr als Aneignen von Wissen

Wertevermittlung für junge Menschen wird immer wichtiger. Von Reinhard Nixdorf

Bildung in aller Munde: Deutschland soll zur „Bildungsrepublik“ werden, verkündeten Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder 2008 beim Dresdner Bildungsgipfel. Denn in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland sorgt allein die gute Ausbildung seiner Bürger für Wohlstand und Erfolg. Damit verbindet sich die Hoffnung auf Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe: „Wohlstand für alle heißt heute Bildung für alle“, aktualisierte die Kanzlerin Ludwig Erhards Programm der Sozialen Marktwirtschaft. Fast scheint es, „als sei die platonische Idee eines Aufstiegs zum Guten in die politische Rhetorik und die gesellschaftliche Stimmungslage zurückgekehrt,“, bemerkt Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München in seinem Aufsatz „Der weite Weg in die Bildungsrepublik“, der in der von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentrale Mönchengladbach herausgegebenen Reihe „Kirche und Gesellschaft“ vor kurzem erschienen ist.

Aber der Weg zur Bildungsrepublik ist steinig. Das belegt nicht nur der „PISA-Schock“, der drastisch das Bewusstsein vermeintlich überlegener Bildungsstandards erschüttert hat. Vieles ist seither in Bewegung gekommen, aber über das OECD-Mittelfeld ist Deutschland nicht hinausgekommen. Zudem entscheidet hierzulande die soziale Herkunft mehr als in anderen Ländern über den Bildungsweg, der aufgrund der geringen Durchlässigkeit unseres Schulsystems schon früh festgeschrieben wird. Die Zahl der Schulabbrecher ist hoch, bis heute gibt es kein schlüssiges Konzept gegen die Verschwendung von Begabungen aufgrund sozialer Ungleichheit. Und: Bildungsnotstand wird als Erziehungsnotstand wahrgenommen. Medien haben einen großen, oft verhängnisvollen Einfluss auf das Lernverhalten der Jugendlichen. Wo Eltern versagen, geht die Forderung an die Schulen, Erziehungsaufgaben übernehmen.

Aber kann die Schule dieses Defizit schließen? Allein mit Faktenvermittlung sicherlich nicht. „Die Fülle an Einzelwissen, das an Schule und Hochschule teilweise vermittelt wird oder werden soll, führt pädagogisch in eine Sackgasse, wenn die dazugehörige Orientierung fehlt“, schreibt Markus Vogt. „Bildung meint die Einheit von Wollen, Wissen und Können.“ Werteerziehung wird immer wichtiger. Denn: „Wir haben einen gesteigerten Moralbedarf durch mehr Freiheit und weniger soziale Kontrolle“, schreibt Markus Vogt. „Daher muss der Einzelne deutlicher wissen, was er will und was er nicht will und er muss vermehrt individuell entscheiden, ob eine Handlung verantwortbar ist.“

An Imperativen fehlt es nicht, wohl aber an der Reflexion über die Möglichkeiten moralischer Lernprozesse, stellt Vogt fest und fordert: „Bildung sollte auf eine Zusammenführung von Grundlagen-, Orientierungs- und Handlungswissen angelegt sein.“ Lernprozesse sollten an die Lebenswelt der Lernenden gebunden sein.

So gesehen kann die Schule bei der Bildung junger Menschen nur ein Teil eines Prägungsprozesses sein, der die Familie und das gesellschaftliche Umfeld einbezieht. Was anderswo verpasst wurde, etwa in der frühkindlichen Prägung oder in den Lebensbedingungen der Familie, kann die Schule nicht zurechtrücken. „Wenn ein Fünfzehnjähriger in Deutschland durchschnittlich vier bis fünf Stunden am Tag Fernsehen schaut oder Computer spielt, hat auch die beste Schule kaum eine Chance, die damit verbundenen Defizite auszugleichen und aufzuholen“, schreibt Markus Vogt und rät zu Geduld: „Pädagogik funktioniert nicht nach dem Modell des Machens, das unsere Gesellschaft dominiert, sondern nach dem Modell des Wachsen-Lassens und Entdecken-Lassens: der Lehrer ist Gärtner, nicht Macher; er ist nicht ein Homo faber, sondern ein Homo horticus.“

Zur vor drei Jahren von Bund und Ländern ausgerufenen „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ zieht Vogt eine gemischte Bilanz: Nach wie vor gibt es zu wenig Betreuungsplätze für Kleinkinder, mit sieben Prozent ist die Schulabbrecherquote immer noch hoch, die öffentlichen Bildungsausgaben liegen immer noch unter den internationalen Standards. Der Umbau der Universität im Zeichen der Stärkung ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit birgt für Vogt die Gefahr, dass die Hochschulen nur als Produktionsstätten beschleunigter Wissensaneignung gelten. Bildung aber, betont Vogt, „wird flach, wenn man sie externen Zwecken und dem Diktat zählbarer Erfolgsprodukte unterwirft.“

Markus Vogt, Der weite Weg in die Bildungsrepublik. Anmerkungen zu Aspekten der Wertevermittlung. Kirche und Gesellschaft Nr. 386. Herausgegeben von der katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach.

Themen & Autoren

Kirche