Schmerlenbach

Behinderte Menschen sind besonders betroffen

Die Corona-Pandemie hat das Leben von Menschen mit Behinderung grundlegend verändert. Ein Besuch in der Behindertenwerkstätte Schmerlenbach zeigt, welche Folgen die neue Situation mit sich bringt.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Das Telefon klingelt öfters, aber ansonsten ist die Lage noch relativ entspannt: Die Werkstätten-Mitarbeiter gehen routiniert ihren Tätigkeiten nach, einige stellen sich in kleinen Grüppchen zum Essen an. Seit dem 16. Dezember hat der zweite Lockdown das Land lahmgelegt. Davon sind auch die Behindertenwerkstätten nicht verschont geblieben. Der Besuch einen Tag vor der Schließung in der Behindertenwerkstätte der Caritas im fränkischen Schmerlenbach zeigt, wie Menschen mit Behinderung von der aktuellen Corona-Krise getroffen werden.

Mehr als eine Arbeitsstätte

Die Einrichtungen des Vereins „Lebenshilfe Werkstätten Schmerlenbach“ sind für die Menschen nicht nur ein Arbeits- oder ein Wohnort: Hier werden sie gefördert, sie schließen Freundschaften, sie bekommen eine Aufgabe. All das hat unter der Corona-Pandemie stark gelitten: Bei den Bewohnern der Wohnheime seien starke Rückgänge bei den sprachlichen Fähigkeiten und in ihrer Bewegungsfähigkeit zu beobachten gewesen; die Risikogruppen, die zuhause isoliert sind, hätten vor allem mit Einsamkeit zu kämpfen, so der Leiter der Werkstätte, Dieter Jakob. Aber nicht nur die Behinderten, sondern vor allem die Betreuer waren und sind in der aktuellen Situation gefordert: längere Arbeitszeiten und ein extrem hoher Organisationsaufwand bei jeder Maßnahme, die neu beschlossen wurde.

Auch der zweite „harte Lockdown“ kommt wieder überraschend: „Wir dachten die ganze Zeit, wir bleiben verschont von den Schließungen“, so der stellvertretende Leiter der Werkstätte in Schmerlenbach, Stefan Volz.

Möglichst selbstständig leben

Neben den vier Wohnheimen und vier Werkstätten des Vereins „Lebenshilfe Werkstätten Schmerlenbach“ gibt es seit einem Jahr eine Tagesförderstätte für Schwerbehinderte. In den verschiedenen Einrichtungen werden aktuell 680 sowohl geistig, als auch körperlich behinderte Menschen betreut. Durch die Arbeit in den Werkstätten und die Förderung in Form von Therapien und Gemeinschaftsprogrammen in den Wohnheimen sollen die in Wohngruppen mit jeweils fünf Personen eingeteilten Betreuten ein möglichst selbstständiges Leben führen können. Da die Einrichtung von der Caritas getragen ist, stehen auch Gottesdienste mit auf dem Programm.

Trotz der ruhigen Atmosphäre sind die Einschnitte des Corona-Virus deutlich zu sehen: Zwischen den Arbeitsplätzen sind Plastikwände aufgebaut, die Arbeitsgruppen werden strikt getrennt, die Turnhalle wurde ebenfalls zu einer Werkstatt umgebaut, um die Abstände besser einhalten zu können – gemeinsam Sport machen geht aktuell sowieso nicht. Die Arbeiter, die sowohl Seifen und Duschgels, als auch viele andere Dinge verpacken, tragen alle Masken an ihren Tischen. Für diejenigen, die neu in die Werkstätten dazukommen, gibt es einen Berufsbildungsbereich: Hier sollen die Menschen mit Behinderung den Umgang mit Arbeit generell lernen.

Lesen Sie auch:

Belastung durch die Pandemie

Spontan soll es noch eine kleine Weihnachtsfeier geben. Eigentlich sollte jede Arbeitsgruppe ihre eigene kleine Weihnachtsfeier veranstalten, aber das musste alles abgesagt werden. „Dieser ständige Wechsel ist sehr schwierig“, meint auch die Leiterin des größten Wohnheims mit 45 Bewohnern, Bärbel Franz. „Es ist jedes Mal ein riesiger Aufwand für die Mitarbeiter, die ganzen Änderungen wieder umzusetzen. Aber auch für die Behinderten ist die Umstellung nicht leicht.“ Der sonst strukturierte Arbeitsalltag gebe den Menschen mit Behinderung Sicherheit und Orientierung, welche nun von heute auf morgen weggebrochen sei. Eine geistig behinderte Frau beispielsweise, deren geistige Entwicklung in etwa auf dem Stand einer Zweijährigen sei, habe, weil sie plötzlich nicht mehr in die Werkstatt durfte und durch die Masken keine Mimik mehr erkannte, selbstverletzendes Verhalten entwickelt und sei extrem aggressiv geworden. „Wie soll man das als Mitarbeiter erklären?“, fragt Franz.

„Das Wichtigste ist, dass wir bisher in keiner Einrichtung einen Corona-Fall hatten. Das ist doch das schönste Geschenk zu Weihnachten – dass wir alle gesund sind.“

Bei allen Schwierigkeiten, die die neue Situation mit sich bringt, gebe es aber auch positive Entwicklungen: Die schwierige Situation habe die Dankbarkeit der Menschen mit Behinderung gegenüber den Betreuern für ihren Einsatz gezeigt. Und auch Bärbel Franz stellt dankbar fest: „Das Wichtigste ist, dass wir bisher in keiner Einrichtung einen Corona-Fall hatten. Das ist doch das schönste Geschenk zu Weihnachten – dass wir alle gesund sind.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Bundestag
Kolumne
Corona 5.0 und Keynes Premium Inhalt
Bis 2040 wird uns das Virus und seine Varianten allemal in heilsamer Beunruhigung begleiten. Nur auf Sicht fahren, hilft da offenkundig nur wenig.
23.02.2021, 11  Uhr
Peter Schallenberg
Themen & Autoren
Veronika Wetzel Arbeitsalltag Arbeitsorte Behinderte Behinderten-Werkstätten Caritas Covid-19-Pandemie Lebenshilfe Lebenshilfe Werkstätten e. V. Schmerlenbach Lockdown Mitarbeiter und Personal Schwerbehinderte Weihnachtsfeiern

Kirche