Abschied vom Wachstums-Wahn

Meinhard Miegel will Wohlstand neu definieren und fordert den Aufbruch in die Bedürfnislosigkeit – Nur das sichert Zukunft und kann die Gesellschaft sogar

glücklicher machen – Doch es eilt: Wenn nicht bald ein Bewusstseinswandel einsetzt, ist es zu spät – Wegweisung am Rande des Abgrunds Von FRiedrich Graf von Westphalen

„Exit, Wohlstand ohne Wachstum“ heißt es, das neue Buch von Meinhard Miegel. Dieses ungemein wichtige Buch des renommierten Sozialwissenschaftlers ist zur rechten Zeit geschrieben. Denn nach wie vor beherrschen unbeirrte Wachstumsparolen die politische Debatte, obwohl die Krise inzwischen nicht nur Unternehmen und Banken, sondern auch Staaten zusehends in die Knie zwingt. Der seit Jahrzehnten von Gesellschaft und Politik genährte Wachstumswahn erweist sich nahezu als Religionsersatz, hat inzwischen ein fast schon metaphysisch zu nennendes Fundament erhalten und ist damit unanfechtbar. Doch es gilt – und das ist eine der Kernthesen von Miegels Buch – Bilanz zu ziehen, innezuhalten und die entscheidenden Fragen zu stellen, die Umdenken bewirken sollen: Abschied von der Philosophie des unbegrenzten und unendlichen Wachstums.

Die Zufriedenheit der Bürger steigt keineswegs

Die erste Kernthese von Miegel lautet: Wachstum und gesteigerter Wohlstand fördern keineswegs die Zufriedenheit des Bürgers. Denn 1970 waren immerhin 70 Prozent der Bevölkerung mit dem damals Erreichten zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Auch wenn jetzt annähernd doppelt soviel erwirtschaftet wird wie vor 40 Jahren – die Zufriedenheit ist nicht gestiegen. Und dies wird auch nicht anders, wenn man hinzunimmt, dass das verfügbare Einkommen heute um 75 Prozent höher liegt als damals. Diese Zahlen brechen die als zwingend erachtete Spirale von Wohlstandsmehrung und Glück auf das Nachhaltigste.

Mehr noch: In Preisen von 2009 berechnet erwirtschaftete im Jahr 1970 der durchschnittliche Bürger ein Brutto-Inlandsprodukt, welches bei 16 000 Euro lag, bei einem verfügbaren monatlichen Einkommen von rund 900 Euro. Wichtig in der Skala der Zufriedenheit ist dem Bürger vor allem die Pflege von Freundschaften (87 Prozent), ein intaktes Familienleben (73 Prozent) und auch dies: weniger Stress im Beruf und Spaß haben. Ein höheres Einkommen steht nur an 15. und damit an letzter Stelle der Rangliste (42 Prozent). Denn wenn – wie heute – das durchschnittliche jährliche Einkommen bei etwa 30 000 Euro liegt, dann führt ein Zuwachs an materiellen Gütern bei den meisten Menschen nur noch zu einer geringen, bei der Mehrzahl zu keiner Steigerung von Lebensglück und Zufriedenheit.

Eine weitere Kernthese von Miegel: Wachsender Wohlstand beseitigt nicht das Risiko der Armut. Denn in wohlhabenden Ländern ist es nach seinen Berechnungen so, dass nur eine gleichmäßige Verteilung der erwirtschafteten Güter- und Dienstmengen dazu führt, dass Armut nachhaltig beseitigt wird, nicht aber durch ihre Vermehrung. Denn Armut ist im Wesentlichen eine Frage der Definition: Für gewöhnlich gilt derjenige als arm, der nicht über mindestens 50 oder 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt. Aus dieser Sicht beleuchtet klingt es überraschend, dass heute die Ärmsten in Deutschland die gleiche Kaufkraft haben wie der durchschnittliche Arbeitnehmerhaushalt in den sechziger Jahren. Doch das entscheidende Merkmal ist eben, dass bei uns die Armen unter sehr Reichen arm sind. Es ist, so Miegel, eine „Statusarmut“, unter der die Armen – mit Recht und guten Gründen – leiden. Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts ändert daran nichts. Die Debatte um Hartz IV belegt es.

Die wohl entscheidende Kernthese von Miegel: Wachstum verursacht Kosten, die bislang in die Soll- und Habenrechnungen des rigiden und ungehinderten Wachstumsdenkens der Politik, aber auch der Wirtschaft nicht oder nur ungenügend eingestellt worden sind. Die Erde aber ist erschöpflich und sie ist schon weitgehend erschöpft. Die Rohstoffe und die immer knapper werdenden Ressourcen sind die Achillesferse der Industriestaaten. Es gibt eben keine nachwachsenden Metalle, keine regenerierbaren Ölquellen und auch keine sich selbst füllenden Kohleflöze, und die abgeholzten Tropenwälder wachsen nur spärlich nach. Klimaerwärmung, Ozonlöcher, Wüsten, CO-2-Emissionen, abschmelzende Polkappen, Überbevölkerung, Zivilisationskrankheiten, Überalterung der Industriestaaten – das sind weitere Stichworte. Auf die hinter dieser Ressourcenvernichtung stehende Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität hinzuweisen belegt nicht, dass Miegel etwa zu den zu spät gekommenen Verfechtern der Thesen des „Club of Rome“ zählt. Vielmehr erweist sich hier, wie sehr er mit Blick auf die Zukunft erstaunliche Kenntnisse der Wirtschaftswissenschaften und der Ökologie zusammenführt.

Solche Verbindungslinien in einer Kosten-Nutzen-Rechnung als Konsequenz der Wachstumshysterie aufzuzeigen, ist das Entscheidende dieses Buches. Es gilt nämlich, wie es Miegel zu Recht sagt, künftig in Salden zu denken, weil Wachstum und unbedenkliche Mehrung des Wohlstands seinen je eigenen Preis hat. Bis zum Jahr 2050 rechnet er mit etwa 200 Millionen Klimaflüchtlingen als Konsequenz der Luftveränderung. Nicht viel anderes gilt beim Verbrauch des Wassers: Im 20. Jahrhundert vervierfachte sich nach seinen Berechnungen die Zahl der Menschen, der Wasserverbrauch aber verzehnfachte sich. Zwei Milliarden Menschen leiden bereits jetzt an chronischem Wassermangel. In 15 Jahren, so wird geschätzt, leiden 1,8 Milliarden nicht nur an chronischem, sondern sogar an akutem Wassermangel. Verschmutztes Wasser gehört heute weltweit betrachtet bereits zu den Hauptursachen von Krankheiten und frühzeitigem Tod.

Wissenschaftler, so führt Miegel aus, haben berechnet, dass eine Ausdehnung der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen nicht mehr möglich ist. Indessen verbraucht der Mensch heute annähernd ein Drittel mehr an biologischen Ressourcen, als die Erde unbeschadet verkraften kann. Armut und Hunger steigen. Derweilen zwei Fünftel der Menschheit keine hinreichende Nahrungsgrundlage haben, ist gut ein Viertel übergewichtig und fettleibig, stellt Miegel fest.

Wachstum des Wohlstandes – das bedeutet, worauf Miegel und auch Biedenkopf schon seit Jahrzehnten aufmerksam gemacht haben – Schrumpfen der Bevölkerung. Das dahinter sich entwickelnde Psychogramm der Gesellschaft deutet darauf hin: Ich habe deswegen keine Kinder, weil ich keinen geeigneten Partner gefunden habe, ich habe deswegen keine Kinder, weil ich auch ohne Kinder – allein und mit Freunden – zufrieden bin. Doch bedeutet der Verzicht auf Kinder eben auch, dass sie die Konsummöglichkeiten und die Karrierechancen beeinträchtigen. Erkennbar, dass diese Spirale weder allein durch Geld noch durch die Politik durchbrochen werden kann.

Vertrauensverlust in der Burn-out-Gesellschaft

Das fehlende Vertrauen der Menschen zueinander und untereinander – so Miegel – ist der Schlüssel, um diese Entwicklung, die keineswegs erstrebenswert ist, zu verstehen. Scheidungswaisen in einer Größenordnung von 150 000 im Jahr und mehr belegen die Folgen. Doch in einer Bilanz sind dann auch die psychischen und die sozialen Folgen einzustellen, einschließlich des extrem hohen Risikos der Armut, das die Alleinerziehenden besonders hart trifft. In armen Gesellschaften haben die Eltern keine anderen Optionen; sie sind auf Kinder angewiesen. Alternative Lebensentwürfe, wie sie eine Wohlstandsgesellschaft bereithält, sind nicht vorhanden. Bei uns, so Miegel, sind Kinder oft Konkurrenten im Kampf um eine bessere Wohnung, ein schöneres Auto oder auch schlicht im bis zum Burn-out gesteigerten Bemühen, die Karriereleiter nach oben zu schaffen. Kinder aber brauchen Zeit, viel Zeit, Liebe und Zuwendung, Verlässlichkeit, Ruhe und Rituale – das sind alles Signaturen, welche eine auf Mehrung des Wohlstandes fixierte Gesellschaft nicht großzügig bereithält.

Gegenüber all diesen Miseren, den Einbrüchen in die überkommenen Strukturen der Familie, wird immer wieder die Hilfe des Staates eingefordert. Doch wenn es etwa darum geht, Lesen zu erlernen oder auch selbstständig zu lernen, zu singen, zu musizieren, zu debattieren oder auch nur Sport zu treiben – dann kann der Staat kaum helfen. Jeder vierte Schulabgänger ist, wie Miegel nachweist, nicht ausbildungsfähig. Staat und Gesellschaft scheinen überfordert. Die Menschen bleiben auf der Strecke. Der Berufsalltag ist stressig, der zu hoher Mobilität gezwungene Arbeitnehmer reagiert mit Lustlosigkeit und freut sich auf den Feierabend und vor allem aufs Wochenende. Depressionen sind oft die Folge, Alkoholkonsum, Drogen und auch Psychopharmaka. Der technische Fortschritt erzeugt seine eigenen Belastungen, die als Stress, Hektik, Lärm bekannt und gefürchtet sind.

Denn – so die Summe Miegels – materielle Wohlstandsmehrung ist Wirtschaftswachstum abzüglich aller Kosten, welche es in der belebten oder der unbelebten Natur verursacht. Bezogen auf die Bilanz eines Jahres ermittelt Miegel, dass im Weltmaßstab die erneuerbaren Ressourcen bereits im September aufgebraucht sind. Die restlichen fünf Monate wirtschaftet der Weltbürger auf Kosten der Erde und künftiger Generationen. Jedes Jahr liegt dieser Tag jedoch früher. Ein Gleichgewicht bestand noch in den 1980er Jahren.

Die Krise lehrt uns uneinholbar: Es gibt künftig kein Mehr, zumal die Schwellenländer sich anschicken, ihren erhöhten Anteil an den nicht erneuerbaren Ressourcen einzufordern. Die große Sause ist vorbei. Dahinter steht auch ein nicht gelöster Konflikt, den Miegel als einen nicht entschiedenen und auch kaum kurzfristig zu entscheidenden Kampf zwischen einer Verteilungsgerechtigkeit und einer Leistungsgerechtigkeit umschreibt.

Wohlstand, so folgert Miegel, heißt daher nicht mehr, noch immer mehr zu haben, sondern „wenig zu benötigen“. Denn wenn der Mensch das Nötige hat, dann verzichtet er auf nichts, hat aber Zeit und Kraft für anderes, „Aufbruch in die Welt materieller Bedürfnislosigkeit“. Doch eine Steigerung der Umverteilung von reich auf arm ist nach Miegel jedenfalls insoweit keine Option, als der überwiegende Teil des Reichtums immer in Produktivkapital gebunden und nicht frei – liquide – verfügbar ist und somit nicht zum Transfer taugt. Den Hebel für die Politik – für ein allgemeines Umdenken – sieht Miegel daher vor allem in der Antwort auf ethische Fragen.

An erster Stelle steht die: Wie kann eine stagnierende Gesellschaft mit sinkendem materiellen Wohlstand das Anwachsen der Armut verhindern? Die Wohlhabenden sind gefordert, einen gemeinwohlverträglichen Lebensstil beispielhaft zu erproben und auch vorzuleben, schreibt Miegel. Bescheidung also ist angesagt. Doch auch die Preise müssen sich künftig an der Knappheit ausrichten, fordert Miegel: Menschliche Arbeit ist überbezahlt, Rohstoffe haben keinen gerechten, ihrer Begrenztheit entsprechenden Preis. Die Politik muss Anreize schaffen, auch insoweit, als künftig der Einzelne im Lauf seines Berufslebens zwischen beruflicher Selbstständigkeit und dem Status als Arbeitnehmer wird bereitwillig wechseln können und auch müssen. Und dabei werden vor allem einfache, vor allem menschennahe Dienstleistungen mehr und mehr gefragt werden.

Ein Sozialstaat wie bisher ist nicht mehr finanzierbar

Den Sozialstaat in seiner gegenwärtigen Gestalt wird es künftig nicht mehr geben. Er ist nicht mehr finanzierbar. Das Fundament des Sozialstaats ist Expansion. Doch die ist nicht mehr in Sicht. Notwendigerweise wird es daher zu einer steuerfinanzierten Grundversorgung im Alter und im Krankheitsfall kommen. Damit ist es notwendig, dass der bürgerliche Gemeinsinn gestärkt wird. Aufgaben, die dem Staat bislang mehr oder weniger fraglos überantwortet wurden, müssen von den Gruppen, den Verbänden, dem einzelnen Bürger übernommen werden. In der Kultur – Theater, Ballett und Musik – ist diese Entwicklung schon jetzt allenthalben zu besichtigen. „Entfaltung des Gemeinsinns“: Das ist die zentrale Forderung von Miegel. Der einzelne Bürger, Freunde, Nachbarn – sie alle müssen und sollen in ihrem jeweiligen Bereich alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Hilfe und Unterstützung, eben „Gemeinsinn“ zu beweisen. Das ist sicherlich eine ungewohnte Aufgabe, weil es ja so einfach war, den Staat im Fall der – wie auch immer gearteten – Not zur Hilfe zu rufen. Das grassierende Anspruchsdenken hatte immer einen Adressaten.

Die Übernahme zahlreicher Aufgaben entwickelt für den einzelnen Bürger auch – davon zeigt sich Miegel überzeugt – eine vertiefte Pflege der mitmenschlichen Beziehungen, entfaltete die Persönlichkeit und stiftet Glück – jenseits des Geldwertes, des schnöden Mammon, der Gier auf immer mehr Wohlstand und vermeintlichen Genuss. Gesellschaft und Staat werden daher auch neue Formen des Dankens erfinden müssen, der Anerkennung und des Lobs für alle die, welche sich – freiwillig – neuen gesellschaftlichen Aufgaben zuwenden, sie als neue Herausforderung annehmen, weil der Staat nicht mehr all dies leisten kann. So ist denn – auch zwischen den Völkern – nicht der wirtschaftliche, sondern vor allem auch der kulturelle Wettbewerb angesagt, die Vielfalt in Kunst, Wissenschaft und auch Religion unterstreichend.

Das alles muss – so Miegel – auch auf die staatliche Bildungspolitik durchschlagen. Nicht mehr das Lernen für die Wirtschaft darf im Vordergrund stehen, weil gerade auf diesem Feld kompromisslos alle Ziele des Utilitarismus durchgesetzt worden sind: Richter sprechen Recht, ohne die Geschichte des Rechts zu kennen und ohne in der Lage zu sein, ihre Wurzeln philosophisch zu verorten. Wirtschaftler verfassen auf Basis mathematischer Zahlenreihen Empfehlungen, ohne sich je um die Psyche des Menschen zu kümmern. All diese Entwicklungen geißelt Miegel mit der ihm eigenen Schärfe des Gedankens.

Ein Wandel des Bewusstseins ist dringend erforderlich, dass dieses Land nur Wachstum und immer mehr Wohlstand benötige. Das setzt auch voraus, dass das, was man gemeinhin „Erfolg“ nennt, in der Hierarchie der Bürgerlichen neu umschrieben werden muss. Es kann nicht nur um Geld und Reichtum, um Wohlstand und Besitz gehen, sondern auch um die Anerkennung all derer, die sich um das Gemeinwesen und um den Menschen sorgen, sich kümmern und Zeit, Kraft und Phantasie einsetzen, wie denn unsere Gesellschaft und dann auch unser Staat menschlicher werden kann, weil die Tugenden der Bescheidung, der Rücksicht und die Kraft der Liebe Eingang in das Engagement des Bürgers finden, um mehr Freiräume zu schaffen und auch, um mehr Gerechtigkeit abseits der staatlichen Verordnungen und Gesetze zu schaffen.

An dieser zentralen Stelle berühren sich zahlreiche Forderungen, die Miegel seit Jahren immer wieder erhebt, mit den Grundsätzen der katholischen Gesellschaftslehre. Ihre Vertreter, die Bischöfe eingeschlossen, sollten sich mit den facettenreichen Thesen dieses wichtigen Buches befassen. Die Vorschläge, die Miegel ins Gespräch bringt, beruhen auf herausragender Sachkenntnis. Der Fußnotenapparat belegt dies. Dieses Buch ist für alle, die sich mühen, die Stimme der katholischen Soziallehre wieder zu Gehör zu bringen, eine Fundgrube. Denn Miegel steht ganz und gar außer Verdacht, seine Thesen vom notwendigen Gesinnungs- und Bewusstseinswandel des Bürgers nicht in jeder Hinsicht – ökonomisch wie ökologisch – wissenschaftlich sauber Schritt für Schritt belegt und in ihrem nationalen und internationalen Kontext verortet zu haben.

Meinhard Miegel, Exit, Wohlstand ohne Wachstum, Propyläen Verlag Berlin 2010, S. 361, € 22,95

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