Was ist der Kern?

Christoph Wallrafen sprach im Kloster Stiepel über christliche Unternehmeridentität. Von Thomas Emons

Themendienst Ernährung
Ein Unternehmen ist wie eine Frucht: Der Kern ist entscheidend. Foto: dpa
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Ein Unternehmen ist wie eine Frucht: Der Kern ist entscheidend. Foto: dpa

Der Wirtschaftswissenschaftler Christoph Wallrafen berät Unternehmer und Manager. Doch als Unternehmensberater möchte sich der 48-jährige Familienvater nicht bezeichnen. Er sieht sich als Identitätsentwickler. Jetzt hat der Absolvent einer Bonner Klosterschule im Kloster Stiepel in Bochum einen Vortrag über christliche Unternehmeridentität gehalten. Warum müssen sich Unternehmen wie auch die Kirche mit der Identitätsfrage beschäftigen? Und was ist bei beiden Institutionen in diesem Punkt ähnlich? „Viel“, ist Wallrafen überzeugt.

Denn auch in der Kirche erkennt der katholische Ökonom mit Messdienervergangenheit ein Unternehmen – ein Unternehmen im Dienste der Menschen und ihres Seelenheils. Und so ließe sich auf sie auch eine Erkenntnis übertragen, die er in seiner Arbeit mit Unternehmern und Managern gemacht hat: „Wenn ihre Firmen in eine Krise geraten und neue Impulse brauchen, um wieder Fahrt aufzunehmen, hat das oft mit einer Identitätskrise zu tun. Die Unternehmensführung hat sich von den Wurzeln und dem Gründergeist entfremdet“, so Wallrafens Diagnose.

In Gesprächen und Workshops mit seinen Auftraggebern aus der Wirtschaft sucht Wallrafen dann nach Antworten auf Existenzfragen. Denn sie entscheiden mit über Durchbruch oder Insolvenz, neue Arbeitsplätze oder Entlassungen. „Warum brauchen die Menschen unser Produkt? Und woran liegt es, dass unser Produkt bei den Kunden nicht oder nicht mehr so ankommt, wie wir es uns wünschen. Welche Innovation und welche innere Veränderung muss geleistet werden, um unsere Dienstleistung, um unser Produkt für unsere Kunden wieder wertvoll zu machen und sie so mit unserer Botschaft wieder zu erreichen?“ Nach Wallrafens Erfahrung zeichneten sich erfolgreiche Unternehmer dadurch aus, dass sie wüssten: „Der ökonomische Gewinn steht erst am Ende einer Entwicklung, die mit Überzeugung, Herzblut und Begeisterung in Gang gesetzt werden muss. Wenn Manager und Mitarbeiter nicht mehr hinter ihrer Dienstleistung stehen – aus welchen Gründen auch immer – dann werden sie auch ihre Kunden nicht mehr davon überzeugen können.“

Ein positives Beispiel ist für Christoph Wallrafen der Gründer der DM-Drogeriemarkt-Kette Götz Werner. Dieser sei sozial engagiert und mache sich, indem er etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintrete, Gedanken darüber, wie es gelingen könne, Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Stellung finden, nicht abzustempeln, sondern zu aktivieren. Werners unternehmerisches Selbstbild verfüge damit über eine Kernidee. Auf der basiere seine Identität als Unternehmer und die gebe er auch nicht aus kurzfristigen Profitinteressen auf. Unternehmer wie Götz Werner hätten erkannt, „dass Mitarbeiter nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst der Zweck des Unternehmens sind“. Als negatives Gegenbeispiel führt Wallrafen den nicht nur wirtschaftlich gescheiterten Drogerie-Ketten-Besitzer Anton Schlecker ins Feld. Das Beispiel Schleckers zeige, dass Unternehmen, die eben nur am Profit orientiert seien und denen es nicht gelänge, ihre Mitarbeiter und Kunden dabei mitzunehmen, auch auf Dauer wirtschaftlich nicht erfolgreich sein könnten.

Und was bedeutet das nun für die katholische Kirche? Was würde der rheinische Katholik Christoph Wallrafen Papst Franziskus oder den deutschen Bischöfen raten, wenn sie ihn als Coach für die Kirche engagieren würden? „Die katholische Kirche steckt in einer monströsen Identitätskrise. Und ich glaube, dass Papst Franziskus das weiß und deshalb versucht, sie aus dieser Krise herauszusteuern“, so die Diagnose des Wirtschaftscoachs. Wallrafen hat den Eindruck, dass die frohe Botschaft vom liebenden Gott, der sich wie ein Vater mit den Menschen auf Augenhöhe begebe und ihnen sage „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“, also eben der Identitätskern, vielfach überlagert würde.

Stattdessen, so seine Kritik, dominierten Finanz- und Strukturdiskussionen. Manchmal fühle er sich dabei dabei erinnert an die Statthalter des Römischen Reiches und an die Pharisäer, die Jesus bekämpft habe. Wallrafen selbst ist in der Düsseldorfer Pfarrgemeinde Himmelgeist aktiv. Er weiß, dass es viele Laien und Priester gibt, „die sehr authentisch die christliche Kernbotschaft der Liebe leben“. Diese Träger des christlichen Identitätskerns müssten stärker im Mittelpunkt stehen.

Christoph Wallrafen ist optimistisch, „dass wir eine Erneuerung der Kirche erleben werden, wenn sie sich wieder auf ihren Kern, die Liebe, besinnt“. In einer Krise sieht der Identitätsentwickler eine Chance, „wenn wir begreifen, dass die Kirche uns allen gehört und wir alle als einzigartige Geschöpfe Gottes auch einen göttlichen Funken in uns tragen, der uns frei macht von der Angst und uns zu einer heiteren Gelassenheit, auch im Angesicht aller Schwierigkeiten bringen kann“.

Die katholische Kirche müsse, so Wallrafens Einschätzung, Wege finden, die Menschen dort zu erreichen, wo sie mit ihrer weiterhin vorhandenen Sehnsucht nach Spiritualität, Sinn und Orientierung stehen und warten. Dazu könne etwa gehören, einen Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen. Gottesdienst, so ist er überzeugt, würde von Christen nicht nur hinter Kirchenmauern geleistet, sondern mitten im Leben. Wenn jemand etwa deutlich in seinem Alltag zeige, wie stark sein Tageswerk christlich inspiriert sei, dann sei dies auch ein Beleg dafür, wie wirkmächtig die christliche Identität immer noch ist.

Dass Christoph Wallrafen im Hinblick auf den letzten Aspekt nicht nur Theoretiker, sondern auch Praktiker ist, zeigt sein eigenes ehrenamtliches Engagement. Er begleitet und berät Jugendliche auf ihrem Weg ins Berufsleben. Die einzige Bedingung, die er stellt: Die Jugendlichen verpflichten sich im Vorfeld zu einer selbst gewählten sozialen Tat, die sie ehrenamtlich als Gegenleistung für die Hilfe erbringen.