Berlin

Warum Traktoren durch Berlin rollen

Anläßlich der Grünen Woche skandieren satte Städter „Wir haben es satt“. Für die Bauern geht es hingegen um ihre wirtschaftliche Existenz.

Demonstration für Agrarwende
Traktorparade auf der Straße des 17. Juni: Diese Bauern protestieren aus Anlass der Grünen Woche für eine aus ihrer Sicht umweltfreundlichere Landwirtschaft. Foto: dpa

Die Bilder waren wieder dieselben: Traktoren rollten in vielen Städten durch die Straßen. Im Berliner Regierungsviertel kreuzten fast tausend Traktoren auf. In Dresden blockierten sie die Innenstadt. In Rheinhessen hatten 800 Traktoren eine 40 Kilometer lange Strecke um Mainz gebildet. „Land schafft Verbindung“ hatte wieder die Proteste der Bauern organisiert.

Eine Agrarwende, die zur Folge hat, dass Betriebe aufgegeben werden müssen, ein Preisdumping und eine neue Düngeverordnung, weil angeblich zu viel Nitrat im Grundwasser gemessen wurde – das sind die großen Themen, die die Landwirte auf die Palme bringen. Unter dem Namen Mercosur ist zudem ein Handelsabkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund geplant, das den zollfreien Import von Rindfleisch in die EU möglich macht.

Odelduft für feine Stadtnasen

Aber das seien nur ganz geringe Mengen, versucht Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) die Bauern zu beruhigen. Die stehen immer mehr unter Druck, weil horrende Bürokratie und Tierschutzauflagen hierzulande sie viel Geld kosten, während die ausländische Konkurrenz diese Hemmnisse nicht hat und daher deutlich preisgünstiger produzieren kann.

Auf der anderen Seite der Bauern fordern laute, gut organisierte NGOs mit garantiertem Widerhall in den Medien in einer „Agrarwende“ mehr „Ökologie“ in der Landwirtschaft. Anlässlich der Grünen Woche skandieren satte Städter „Wir haben es satt“. Sie wissen angeblich genau Bescheid: Die „Chemiekeulen“ der Landwirte auf dem Acker vergifteten jedes Leben, und ja, die Bauern düngten selbstredend zu viel. Das wäre ein ziemlich unsinniges Verhalten, denn Dünger kostet Geld.

Städter, die noch nie in der Sommerhitze auf staubigem Acker den Rücken krumm gemacht haben, beklagen die Technisierung der Landwirtschaft und wissen, dass die Traktoren zu groß und zu schwer sind und der „Intensivlandwirtschaft“ Vorschub leisten, aber nicht, dass zum Beispiel die neue Gülleverordnung dazu zwingt, die Gülle in den Boden einzuarbeiten. Die neuen teuren Maschinen, die das können, benötigen eine Zugleistung von mindestens 360 PS, da richtet ein alter Lanz-Bulldogg nichts mehr aus. Der alte Güllefasswagen, der über einen Drehteller den Mist in hohem Bogen auf den Acker verteilte, verbreitete für feine Städternasen zu viel Odelduft.

Verbot von Billiglebensmitteln

Die Grünen fordern das Verbot von „Billiglebensmitteln“, ohne zu sagen, ab wann sie welches Lebensmittel für zu billig erachten. „Es kann nicht sein, dass Lebensmittel billiger verkauft werden, als ihre Produktion für die Landwirte kostet. Damit ruinieren wir unsere Landwirtschaft“, weiß der Chef der Grünen Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung und zeigt damit nur, dass Grüne zu viel verdienen. Bei den meisten jedoch will sich das Gehalt nicht den Kosten grüner Wünsche anpassen.

Da muss Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), gegenüber der Welt darauf hinweisen, wie Preise entstehen: „In der Marktwirtschaft bilden sich Preise als Ergebnis von Angebot und Nachfrage – und das ist auch gut so.“ Und: „Staatliche Eingriffe und Vorgaben führen am Ende nur zu unnötig hohen Verbraucherpreisen und treffen damit vor allem Menschen, die finanziell schlechter dastehen.“ Das wiederum ist den Grünen offenbar gleichgültig.

Konventionelle Landwirtschaft ohne Zukunft

Für den Handel bestehe bereits ein Verbot, Waren unter dem Einstandspreis zu verkaufen. Der Berliner Senator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Grüne) glaubte auf der Eröffnung der Grünen Woche, dass die industrielle Landwirtschaft in Bezug auf Klima- und Umweltschutz ihre Grenzen habe. Der „Fachmann“ für Landwirtschaft behauptete, „die konventionelle Landwirtschaft hat keine Zukunft“ .

Egal ob industrielle Massentierhaltung, Monokulturen oder die Überdüngung unserer Böden. All diese Ausprägungen unserer Landwirtschaft schaden dem Klima und der Umwelt massiv.“ Die Berliner Ernährungsstrategie sehe vor, dass ab Sommer 2020 der Bio-Anteil am Grundschulessen von derzeit 15 Prozent auf 30 Prozent steigt. Ab Sommer 2021 soll der Bio-Anteil dann bei 50 Prozent liegen, der in die Schulkinder hineingezwängt wird.

Landwirtschaft erlöst nicht den Export

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner „dankte“ ihm, dass er die Sichtweise des Prenzlauer Berges eingebracht habe. Es gebe aber noch mehr Sichtweisen in Deutschland, fügte sie bei der Eröffnung der Messe unter lautem Applaus hinzu. „Aber Deutschland ist mehr als Prenzlauer Berg.“

Sie versucht immerhin noch deutlich zu machen, dass Landwirtschaft nicht mehr so wie in vormodernen Zeiten funktioniere: „Damit werden wir die Menschen nicht ernähren können.“ Doch sie verhehlt, dass die deutsche Landwirtschaft so leistungsfähig ist, dass sie jeden vierten Euro im Export erlöst, die deutsche Ernährungswirtschaft insgesamt sogar jeden dritten Euro.

Dieser Text erschien zuerst auf www.tichyseinblick.de.

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