Von staatlichen Leistungen abhängig

Frauen sind von drohender Altersarmut besonders stark betroffen. Von Robert Luchs

Sozialverband warnt vor Zunahme der Altersarmut in Thüringen
Altersarmut ist in Zukunft überwiegend weiblich. Foto: dpa
Sozialverband warnt vor Zunahme der Altersarmut in Thüringen
Altersarmut ist in Zukunft überwiegend weiblich. Foto: dpa

Der deutsche Bundestagswahlkampf wird sich aller Voraussicht nach nur auf wenige Schwerpunktthemen konzentrieren. Die Problematik der Flüchtlinge gehört sicher dazu, aber vor allem das Thema soziale Gerechtigkeit. Die Wahlkämpfer können sich dabei auf jüngste Studien stützen, die die Altersarmut untersucht haben. Ihr Fazit lautet: Insbesondere alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung und Langzeitarbeitslose sind einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge bis zum Jahr 2036 von Altersarmut bedroht.

Insgesamt steigt die Armutsrisikoquote in der Altersgruppe der dann 67-Jährigen in den kommenden Jahren von heute 16 auf 20 Prozent an. Besonders stark ist die Zunahme bei alleinstehenden Frauen. Demnach steigt der Anteil der Frauen, die von staatlichen Leistungen abhängig werden, weil ihr Einkommen nicht fürs Leben reicht, von 16,2 auf 27,8 Prozent im Jahr 2036 an.

Für die Studie haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Simulationsberechnungen gemacht. Die Basis sind Haushaltsdaten, mit denen die zukünftigen Einkommen im Alter aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Altersvorsorge vorhergesagt werden, wenn die Netto-Einkünfte unter 958 Euro liegen. Grundlagen für die Simulationsberechnungen sind repräsentative Haushaltsdaten, für die wiederholt etwa 30 000 Bürger in 12 000 Haushalten befragt werden. Die Studie erfasst die Geburtsjahrgänge zwischen 1947 und 1969.

Das Rentenniveau sinkt stetig

Als Ursache für die wachsende Altersarmut sehen die Autoren der Studie vor allem zwei Gründe: Unterbrechungen im Arbeitsleben nehmen zu, außerdem werden die Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnsektor immer unsicherer. Schließlich sinkt das Rentenniveau stetig – durch die demografische Entwicklung und rentenrechtliche Veränderungen. Nach Auffassung der Stiftung haben die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge aber nicht die gewünschte Wirkung. Aart De Geus, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, fordert: „Um das Alterssicherungssystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es heute an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen.“

Die Lebensarbeitszeit wird weiter steigen müssen

Die Ergebnisse der Studie decken sich in vielen Bereichen mit dem Alterssicherungsbericht, den die Bundesregierung im vergangenen Jahr vorgestellt hat. Darin forderte die Politik die Menschen auf, mehr als bisher privat für das Alter vorzusorgen. Das reiche nach Ansicht der Stiftung aber bei weitem nicht aus. Dringend erforderlich sei vor allem eine bessere Integration der Risikogruppen in den Arbeitsmarkt.

Mehrere Wirtschaftswissenschaftler haben die Parteien aufgefordert, den Bürgern im Bundestagswahlkampf reinen Wein einzuschenken und sie auf die Erhöhung des Renteneintrittsalters von 67 auf 70 Jahre ab 2030 einzustimmen. „Die Politik muss sich endlich ehrlich machen und den Menschen schlicht sagen: Die Lebensarbeitszeit wird weiter steigen müssen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Für jedes Jahr zusätzlicher Lebenserwartung müssten die Menschen acht Monate länger arbeiten, damit das Rentenniveau überhaupt finanzierbar bleibe.

Auch der Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW), Michael Hüther, sagte: „Die Rente mit 67 gilt ab 2030 für alle. Die Anpassungstreppe sollte anschließend verlängert und der neue Zielwert bei 70 Jahren liegen.“ Derzeit kommen noch drei Erwerbstätige auf einen Rentner. Im Jahr 2030 sind es wegen der fortschreitenden Alterung nur noch zwei Erwerbstätige pro Rentner.

Unverantwortliche Versprechen der SPD

Die CDU sieht in ihrem Wahlprogramm lediglich eine Rentenkommission vor, die sich mit den Zukunftsfragen beschäftigen soll. Die SPD will das Rentenniveau nicht – wie bisher vorgesehen – bis 2030 auf bis zu 43 Prozent sinken lassen, sondern den Rentenanteil am Durchschnittsverdienst bis 48 Prozent stabil halten. „Unverantwortlich“ nennen die Ökonomen dieses Versprechen.