Über Leistung der Christen

Eine Tagung in Graz. Von Stephan Baier

So ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wohl noch selten erzählt worden: Der Samariter habe den von Räubern Überfallenen nicht mit nach Hause genommen, sondern in eine Herberge – „in ein gewinnorientiertes Unternehmen“ – gebracht und dem Wirt leistungsbezogene Bezahlung geboten, erklärt der Kärntner Bischof Alois Schwarz. Fazit: „Ohne wirtschaftlichen Erfolg gibt es keine gestaltete Nächstenliebe.“ Auch die Caritas wirke mit Geldern, die von jemandem erarbeitet wurden, so Bischof Schwarz in der Vorwoche im Rahmen der Präsentation einer Zeitschrift über „Leistung und Soziallehre“ in Graz. Zuvor hatte der Vorstandsvorsitzende der gastgebenden Capital Bank, Christian Jauk, gemeint, es gebe weltweit kein islamisches Land, das Wohlstand über Leistung erworben habe. Er habe den Begriff „Leistung“ aber auch in der christlichen Soziallehre gesucht, und sei nicht fündig geworden. Dem widersprach der Vorsitzende des – nach dem katholischen Sozialreformer und ÖVP-Politiker benannten – Karl-Kummer-Institutes Steiermark, Klaus Poier: Leistung gehöre intrinsisch zu jedem Prinzip der katholischen Soziallehre. Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl seien überhaupt nur denkbar, wenn es Leistung gibt. Der Bischof von Gurk-Klagenfurt, Alois Schwarz, meinte, Leistung sei Ausdruck der Personalität des Menschen. Er relativierte zugleich aber die Absolutsetzung von Leistung: „Der Wert des Menschen hängt nicht von seiner Leistung ab.“ Darum müsse die Kirche den Leistungsbegriff „entrümpeln“. Zwar wäre die moderne, komplexe Gesellschaft ohne den Rekurs auf Leistung nicht funktionsfähig, doch stehe Leistung in einer gewissen Spannung zur Gnade. Für Christen sei es wichtig, Leistung nicht als absoluten Wert zu sehen, sagte Schwarz und verwies auf Alte, Kranke, Kinder und Behinderte – auf Menschen also, die im allgemeinen Sprachgebrauch nicht unter die „Leistungsträger“ gerechnet werden. Anders als die Gesellschaft schaue Gott nicht auf die objektive Leistung, sondern auf das Herz des Menschen. Gleichwohl seien Nachlässigkeit, Faulheit und Feigheit vor Gott nicht zu rechtfertigen. Die Bibel arbeite durchaus mit Bildern der Leistung, machte Bischof Schwarz deutlich: Die Gleichnisse von den klugen und törichten Jungfrauen, von den Hochzeitsgästen ohne Festgewand und von den Talenten zeigten dies. Frucht zu bringen fordere Jesus in den Gleichnissen vom Weinstock. Fruchtbarkeit und Leistung würden sich überschneiden, seien aber nicht deckungsgleich, legte Bischof Schwarz dar. Fruchtbarkeit lasse Raum für das Unberechenbare, für das Geheimnis. „Leistung klammert das Geheimnis aus“, so Schwarz. Fruchtbarkeit und Leistung verhielten sich zueinander wie Gnade und Gesetz. Der Mensch versuche zwar durch Leistung Anerkennung zu ernten, werde aber verletzt, wenn er auf seine Leistung alleine reduziert wird. Seine Existenzberechtigung ziehe der Mensch eben nicht aus seiner Leistung. Gleichzeitig sei der Mensch berufen, am schöpferischen Wirken Gottes teilzuhaben. Bischof Schwarz räumte bei seinem Vortrag in der Capital-Bank ein, dass es auch in der Kirche viele gebe, die zwar viel leisten, aber wenig Frucht bringen. Das neue Heft „Leistung und Soziallehre – ein Widerspruch?“, erschienen in der vom Dr. Karl-Kummer-Institut getragenen Schriftenreihe des Vereins für Sozial- und Wirtschaftspolitik, sammelt kirchliche wie politische Statements zum Thema. Besonders erhellend ist darunter der Beitrag von Bundeskanzler Sebastian Kurz, der kritisiert, der Leistungsbegriff werde zu eindimensional gesehen. Kurz meint, „ohne unternehmerisches Denken und Leistung gäbe es keinen nachhaltigen Wohlstand und keine soziale Sicherheit“. Der Kanzler lenkt den Blick auf die Leistungen, die in der Familie, in der Ausbildung, in Vereinen erbracht werden. Auch ehrenamtliche Tätigkeiten seien „besser zu würdigen und zu honorieren.“