Statt atomar erneuerbar

Die Wende zu einer regenerativen Energieversorgung ist realistisch. Von Reinhard Nixdorf

Nach der Reaktorkatastrophe in Japan steht Deutschland vor der Energiewende. Foto: dpa
Nach der Reaktorkatastrophe in Japan steht Deutschland vor der Energiewende. Foto: dpa

Welchen Kurs soll die deutsche Energiepolitik einschlagen? Die Katastrophe von Fukushima hat die Laufzeitverlängerung für die siebzehn deutschen Atomkraftwerke und das schwarz-gelbe Energiekonzept von 2010 zu Makulatur gemacht. Nun lässt Schwarz-Gelb sieben alte Kernkraftwerke vorübergehend schließen und alle deutschen Atomkraftwerke auf ihre Sicherheit hin überprüfen. Auf die Betreiber EnBW, E.on, RWE und Vattenfall kommen damit dreistellige Millionenverluste zu: Ein abgeschriebenes Kraftwerk bringt täglich einen Gewinn von etwa einer Million Euro, so eine Faustformel. Bei einer dreimonatigen Zwangspause für sieben Atomkraftwerke summieren sich die Verluste damit auf 630 Millionen Euro. Jeder Betreiber eines Atomkraftwerks ist zum Rückbau verpflichtet. Ein solcher Rückbau ist teuer. Die Zwangspause bringt die Rücklagenbildung durcheinander, die dafür angespart werden muss. Außerdem müssen die Betreiber mit umfangreichen Sicherheits-Nachrüstungen rechnen. Um zu verhindern, dass, wie in Fukushima, die Kühlung ausfällt und eine Katastrophe auslöst, sieht ein Papier der Bundesregierung die Verbunkerung der Notstrom-Aggregate und Stromleitungen vor. Solche Nachrüstungen könnten Milliarden kosten und Betreiber vor die Frage stellen, ob es nicht sinnvoller wäre, die Atomkraftwerke stillzulegen und rückzubauen, als nochmals in sie zu investieren und sie weiter zu betreiben. Der Austritt aus der Kernenergie wäre damit nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch geboten.

Aber kann Deutschland auf die Atomkraft verzichten, die gegenwärtig immerhin 23 Prozent der Stromversorgung abdeckt? Und wenn ja, wie schnell? Müssen anstelle der Kernkraftwerke klimaschädliche Kohlemeiler gebaut werden – oder kann der Umbau zu Wind- und Sonnenkraft rascher erfolgen als geplant? Vor allem: Wieviel wird das kosten? Das Licht jedenfalls geht nicht aus, wenn sieben Atomkraftwerke eine Zwangspause einlegen müssen. Gut dreizehntausend Megawatt machen die Überkapazitäten der Stromerzeugung aus: Das ist weit mehr als die sieben abgeschalteten Atomanlagen gemeinsam erzeugen. Und selbst wenn man, wie das Freiburger Öko-Institut, geringere Überkapazitäten unterstellt, lassen sich die sieben Atommeiler rasch durch Gas-, Öl- oder Kohlekraftwerke ersetzen. Nicht einmal die Klimabilanz verschlechtert sich, wenn die Stromerzeugung durch fossile Energieträger steigt. Dank des EU-Emissionshandels ist für die nächsten zehn Jahre festgelegt, wie viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) Europas Kraftwerke in die Atmosphäre freisetzen dürfen. 2013 werden es 1,974 Millionen Tonnen sein, 2020 nur noch 1,720 Millionen. Würde ein beschleunigter Atomausstieg den Schadstoffausstoß der fossilen deutschen Kraftwerke steigern, dann stiege zwangsläufig der Preis der Emissionszertifikate. Das wiederum würde irgendwo in Europa Emissionsminderungen auslösen – und zwar dort, wo es am billigsten ist. Während also Deutschland möglicherweise seine selbst gesetzten Emissionsziele nicht erreicht, würde Europa insgesamt nicht mehr zum Treibhauseffekt beisteuern als geplant.

Heikel wird es erst, wenn wegen des Atom-Ausstiegs neue fossile Kraftwerke errichtet werden müssen, die womöglich lange am Netz blieben und CO2 freisetzen. Bis 2015 werden wohl zehn zusätzliche Kohle- und Gaskraftwerke in Betrieb genommen. Teilweise ersetzen sie alte, ineffiziente Anlagen.

Kohle ist der Energieträger, der dem Klima am meisten schadet, aber billig und reichlich vorhanden ist. Um Kohle klimaschonender zu nutzen, könnte man das sogenannte CCS-Verfahren anwenden: Dabei wird das CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert. Allerdings ist dieses Verfahren noch nicht ausreichend erprobt. Ein Gesetz, das die Bundesregierung seit langem auf den Weg bringen will, scheiterte bisher an den Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Aber welche Energieträger stehen als Ersatz bereit, wenn Atomenergie zu riskant und fossile Energieträger zu schmutzig sind? Langfristig Windkraft und Solarwärme. Zwar schwankt die Strommenge, die mit Wind und Sonne erzeugt werden kann, da beide nicht immer gleich verfügbar sind. Noch stecken Speichertechnologien, die Flauten ausgleichen und überschüssige Energien speichern, im Entwicklungsstadium. Trotzdem erwartet der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen, dass Strom in Deutschland bis 2050 zu hundert Prozent mit regenerativen Energieträgern erzeugt werden kann, ein Großteil in Offshore-Windparks in der Nordsee. Teurer wird diese Energie allemal: Zwischen sieben und elf Cent pro Kilowattstunde soll der Umbau der Stromversorgung den Endpreis steigern, dazu kommen Kosten für den notwendigen Netzausbau. Jeder Haushalt, so errechnen die Sachverständigen, müsste pro Monat etwa fünfzig Euro mehr für Strom bezahlen, dann wäre die grüne Zukunft finanziert. Das hört sich viel an, ist aber langfristig billiger, als weiter auf Atom, Kohle und Gas zu setzen, meinen die Sachverständigen. Bereits der Bestand an konventionellen Kraftwerken mit einem geringen Zubau an Gaskraftwerken reiche als Brücke zu einer regenerativen Stromversorgung aus. Eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke sei sogar kontraproduktiv, da die träge Atomkraft die stark schwankende grüne Energie schlecht ergänzen könne.

Auf jeden Fall könnte der Ausstieg aus der Atomenergie ein Wirtschaftswunder von immerhin fünfzig bis 65 Milliarden Euro auslösen: Rund zehn Milliarden Euro wird der Rückbau der siebzehn deutschen Atomkraftwerke kosten, zehn bis 25 Milliarden Euro müssen nach Berechnungen der Deutschen Energie-Agentur bis 2020 in den Ausbau des Stromnetzes investiert werden, weitere zwanzig Milliarden wird der Markt für intelligente Stromsysteme umfassen, neue Gaskraftwerke müssen errichtet werden, die bei Schwankungen einspringen: All das bringt Aufträge für Anlagenbauer und Stahlunternehmen, für Hersteller von Turbinen und Generatoren, für Unternehmen, die Strommasten bauen, Stromkabel herstellen oder Stromzähler und Messtechnik entwickeln.

Zweifel an der wirtschaftlichen Umsetzbarkeit von hundert Prozent nachhaltiger Energie meldet allerdings das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung an: Möglich sei es zwar, bis 2050 komplett umzustellen, heißt es von dort, aber schon zum Jahreswechsel habe man gesehen, dass die Bürger höhere Stromkosten wegen grüner Energie nur zähneknirschend in Kauf nähmen. Zwar finden Bürger grüne Energie toll, aber zuviel darf diese Grüne Revolution auch nicht kosten.