Reine Imagesache oder reines Gewissen?

Wenn Dax-Unternehmen sich zu ihren sozialen und ökologischen Zielen erklären, heißt es genau hinsehen

Sie haben Gewicht, die dreißig Unternehmen des deutschen Aktienindex (Dax). Als „Multis“ prägen sie das Wirtschaftsleben vieler Entwicklungsländer. Dabei bekennen sie sich zu ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung. Doch manchmal hat es den Anschein, die hehren Grundsätze seien nur vollmundige Versprechen.

„Wir sind keine kalten Kapitalisten“, sagte Metro-Chef Eckhard Cordes Mitte Mai auf der Aktionärsversammlung seines Unternehmens. 403 Millionen Euro konnte der Düsseldorfer Handelskonzern als Gewinn für 2008 verzeichnen. Doch rasch sollten kritische Stimmen den vorschnellen Jubel über dieses Ergebnis dämpfen. Denn Teile dieses Gewinns waren auf eine Weise zustande gekommen, wie sie kälter und kapitalistischer kaum sein kann. Vertreter der Kampagne für Saubere Kleidung konfrontierten Aktionärsversammlung, Vorstand und Aufsichtsrat mit massiven Arbeitsrechtsverletzungen bei einem der Metro-Lieferanten: bei der Fabrik R L. Denim in Bangladeschs Hafenstadt Chittagong. Dort lässt Metro seit 2003 vor allem Jeans fertigen. „Näherinnen müssen für einen Hungerlohn bis zu 97 Stunden in der Woche arbeiten: Dies überschreitet die von der Regierung Bangladeschs festgelegte maximale Überstundenzahl um 425 Prozent“, sagte Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero (CIR). Damit nicht genug: Im Dezember 2008 war bei Arbeitszeiten von dreizehn bis fünfzehn Stunden am Tag eine junge Frau in der Fabrik zusammengebrochen und im Krankenhaus gestorben. In einer Erklärung bedauerte Metro den Todesfall „zutiefst“, kündigte seinem Lieferanten die Geschäftsbeziehungen und nahm dessen Erzeugnisse aus den Handelsregalen.

Erst jahrelang ausgebeutet, dann arbeitslos

Metro ist eines der dreißig Unternehmen des Deutschen Aktienindex (Dax). Weltweit beschäftigen die Dax-Unternehmen 3,7 Millionen Menschen, 57 Prozent davon arbeiten im Ausland, gut die Hälfte davon in Schwellen- und Entwicklungsländern. Jedes dieser Unternehmen nennt in seinem Geschäftsbericht neben der Gewinnorientierung auch ökologische und soziale Ziele. „Mit unserer Innovations- und Investitionskraft leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der von den Vereinten Nationen erklärten Millenniumsziele“, heißt es zum Beispiel bei Siemens. Dabei verweist das Dax-Unternehmen auf sein Projekt „der Computer im Dorf“, das Kleinunternehmen ermöglichen soll, auf eigenen Füßen zu stehen. Auch VW fordert von seinen Lieferanten, sich „weltweit an ökologischen und sozialen Mindeststandards zu orientieren“.

Der Handelskonzern Metro, mittlerweile in 32 Ländern tätig, weiß, seine Kunden erwarten, dass auch bei der Produktion billiger T-Shirts in China Menschenrechte und ökologische Standards eingehalten werden sollen. Deshalb hat sich das Unternehmen der Business Compliance Initiative (BSCI) europäischer Handelsunternehmen und Markenhersteller angeschlossen. Dort gilt ein einheitlicher Verhaltenskodex, der sich an den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) orientiert. Dieser Verhaltenskodex schließt auch die Lieferanten ein. Damit ist es möglich, entlang der gesamten Produktionskette gute Arbeitsbedingungen zu sichern. Versuche ein Partner beispielsweise, durch Kinderarbeit Kosten zu sparen, würden die Geschäftsbeziehungen sofort beendet, heißt es bei Metro.

Man fragt sich allerdings, welchen Nutzen solche hehren Grundsätze haben, wenn sie nur dazu führen, dass man sich im Zweifelsfall von „schwarzen Schafen“ trennt. Denn so handelte Metro im Fall seines Zulieferers R. L. Denim. Dass die Mitarbeiter, die der Metro-Zulieferer jahrelang ausgebeutet hatte, den größten Schaden aus der Kündigung zogen, schien für Metro offensichtlich ohne Belang zu sein. Da Metro achtzig Prozent der Produktion von R.L. Denim abgenommen hatte, drohte sechshundertfünfzig Beschäftigten die Arbeitslosigkeit.

Für Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero ein Schlag ins Gesicht der Arbeiterinnen: „Erst beutet man die Arbeiterinnen jahrelang gnadenlos aus – und wenn es jemand mitbekommt, flieht Metro aus der Fabrik.“

Denn der Tod der jungen Arbeiterin war kein bedauerlicher Einzelfall. Beschäftigte klagten über Schläge durch Vorgesetzte und exzessive Überstunden. Um den Mutterschutz zu umgehen, hatte das Unternehmen schwangere Arbeiterinnen einfach entlassen. Zudem waren die Löhne, bei denen Arbeiterinnen mit Überstunden auf fünfzig bis 73 US-Dollar im Monat kamen, gering. Damit nicht genug: Mitarbeiter berichteten, systematisch um einen Teil ihres Lohns betrogen worden zu sein: Etwa dreißig Prozent des Lohns seien ihnen nicht ausgezahlt worden. Dabei hatten Prüfungen in der Fabrik bereits 2005 schwerwiegende Mängel festgestellt. Doch eine erneute Kontrolle fand nicht statt. Eben dies sieht das Kontrollsystem der Business Social Compliance Initiative, der Metro angehört, aber vor.

Kontrolle erweist sich als schwierig

Der Vorfall beschäftigte auch den Bundestag. In einem offenen Brief an Metro-Chef Cordes forderte die Bundestagsabgeordnete Christel Riemann-Hanewinkel, die Zusammenarbeit mit R. L Denim fortzusetzen, aber dafür zu sorgen, dass „alle sozialen, ökologischen und arbeitsrechtlichen Standards eingehalten werden“. Nach starkem öffentlichen Druck gab Metro nach: Ende Juni verkündete Vorstand Frans Muller, Metro werde wieder Aufträge bei R.L. Denim platzieren. Künftig werde für die Kontrolle der Arbeitsrechte das Vier-Augenprinzip gelten, so dass nicht mehr nur der Einkauf die Umsetzung beaufsichtige, sondern auch der Compliance-Bereich des Konzerns. Das Auftragsvolumen werde dem früheren entsprechen. Zusammen mit dem Fabrikbetreiber werde sich Metro um noch ausstehende Zahlungen, nicht erteilten Mutterschutz und andere Probleme kümmern. Künftig solle dort gesetzeskonform gearbeitet werden. Sollten dafür die Kosten für den Einkauf der Produkte steigen, sei Metro bereit, diese zu tragen.

Auch beim Sportartikel-Produzenten Adidas folgte auf öffentliche Kritik an Arbeitsbedingungen bei den etwa 1 050 Zulieferern hektische Aktivität: Das Unternehmen stellte einen Weltdirektor für soziale Fragen ein und verabschiedete einen eigenen Verhaltenskodex, der existenzsichernde Löhne zusagt. Zudem wurde Adidas Mitglied der Fair Labor Association (FLA). Doch die Kontrolle der Standards erweist sich als schwierig. Bereits mehrfach hat die Kampagne für saubere Kleidung mit Adidas über ein Pilotprojekt zur unabhängigen lokalen Kontrolle von Zulieferern in Mittelamerika verhandelt, bei denen unmenschliche Arbeitsbedingungen aufgedeckt wurden. Bislang aber ist das Projekt nicht zustande gekommen. Gleichzeitig weist der Konzern darauf hin, dass er bereits vier Lieferanten gekündigt habe, die sich nicht an die Regeln des Kodex gehalten hatten. Wie viel Mitarbeiter dadurch ihre Arbeit verlieren, dazu war nichts zu erfahren.

Entwicklungsländer trifft die Krise besonders hart

Ohnehin drohen den Zulieferern der Dax-Unternehmen harte Zeiten: Im vergangenen Jahr brach der Gewinn der Dax-Konzerne um die Hälfte ein. So ist davon auszugehen, dass sich die Konzerne mit weiteren Investitionen in Entwicklungsländern zurückhalten. Die Entwicklungsländer, die schon aufgrund ihres Bevölkerungswachstums jährlich neunzig Millionen zusätzliche Stellen schaffen müssten, werden das zu spüren bekommen. Noch 2008 schufen die Dax-Konzerne zusätzlich Jobs in ihren ausländischen Filialen; deren Mitarbeiterzahl stieg um sechs Prozent. 2009 könnte dieser Zuwachs wieder verloren gehen. Während es bislang ausreichte, die Konzerne an ihre Versprechen zu erinnern, um sie im Zweifelsfall zu Einlenken zu bringen, wird sich in der Krise zeigen, ob sie an ihren Bekenntnissen zu Ökologie und sozialer Verantwortung auch weiterhin festhalten werden.