Regionalgeld statt Austritt

Wirtschaftsaufschwung durch umlaufbeschleunigtes und abflussgebremstes Expressgeld – Teil 5 der Serie „Alternative Wirtschaftsformen“. Von Reinhard Nixdorf

Sie heißen „Ovolos“, „Koukoutis“, „Tem“ oder „Helios“ – die regionalen Zahlungsmittel, mit denen viele Griechen versuchen, der Rezession ein Schnippchen zu schlagen. Denn auch wenn in Hellas die Wirtschaft im ersten Quartal 2013 um über fünf Prozent geschrumpft ist und die Arbeitslosigkeit bei über 26 Prozent liegt, müssen die Dinge des Alltags bezahlt werden. Aber was tun, wenn man Bäcker, Fleischer und Friseur kaum bezahlen kann, weil der Euro knapp ist und Banken ihn nur gegen hohe Zinsen verleihen? Dann bieten Alternativwährungen einen Ausweg: Denn sie funktionieren ohne Zins, als reine Tauschmittel.

Im herkömmlichen Geldsystem besitzt der Zins eine wichtige Funktion: Dabei leiht die Zentralbank Geschäftsbanken gegen einen bestimmten Prozentsatz Geld, das diese dann in Umlauf bringen. Um den Zins zurückzuzahlen, müssen die Geschäftsbanken zusätzliches Geld verdienen. Sie verleihen ihrerseits Geld und nehmen dafür Zinsen ein. Umgekehrt zahlen sie dem, der bei ihnen Geld aufbewahrt, ebenfalls Zinsen, weil sie dieses Geld weiter verleihen können.

Nicht alle sehen darin eine „Win-win-Situation“, von der jeder etwas hat. Der Ökonom Silvio Gesell wandte etwa ein, auf diese Weise werde dem Wirtschaftskreislauf Geld entzogen und entwickelte auf dieser Basis seine Lehre vom sogenannten Freigeld: Statt durch Verzinsung an Wert zuzunehmen, sodass der belohnt wird, der sein Geld nicht ausgibt, sollten Geldscheine am Ende eines Quartals an Wert verlieren. Dies würde die Leute bewegen, ihr Geld möglichst rasch auszugeben und dadurch die Wirtschaft beleben.

In der Diskussion um die Zukunft Griechenlands und der anderen Euro-Krisenländer wird immer wieder argumentiert, der harte Euro passe nicht zu ihrer schwachen Wirtschaft und dränge sie in einen Teufelskreis aus Rezession, Arbeitslosigkeit und sinkenden Steuereinnahmen. Deshalb bliebe ihnen nur der Austritt aus dem Euro. Erst die Wiedereinführung ihrer alten Währung versetze sie in die Lage, abzuwerten, Lohnkosten zu senken und mache sie wieder konkurrenzfähig. Doch die Nachteile sind ebenso unübersehbar: Einfuhren, dringend notwendige Rohstoffe, Öl, würden sich verteuern, die Preise in die Höhe treiben und Unternehmen und Verbraucher schwer belasten. Zudem fiele die Bedienung der Staatsschulden schwerer, denn diese wurden ja in Euro aufgenommen und dieser wäre durch die Wiedereinführung der alten Währung und ihre Abwertung viel teurer.

Warum aber nicht in Griechenland und den anderen Krisenstaaten ein Regionalgeld einführen, das an den Euro gekoppelt wäre und mit dem zusätzlich zum Euro gezahlt werden könnte?

Eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale

Denn zurzeit stecken Griechenland, Italien und Spanien und die anderen Euro-Krisenländer in einer Abwärtsspirale. Der Geldstrom hat durch die staatlichen Ausgabenkürzungen und die Kaufzurückhaltung der Konsumenten abgenommen, der Waren- und Dienstleistungsstrom ist geschrumpft. Arbeitslosigkeit steigt, Steuereinnahmen sinken – ein sich selbst verstärkender Prozess. Wie bei einem Stau auf der Autobahn ist der Geldfluss ins Stocken geraten. Aber wenn man es schafft, dass alle wieder schneller fahren, löst sich der Stau auf, näherhin: Würde die Umlaufintensität des Geldes gesteigert, könnte sich die Wirtschaft erholen.

Hier könnte ein Regionalgeld, eine Währung neben dem Euro, helfen – vorausgesetzt, sie wäre mit einem Umlaufimpuls verbunden, dass also, wie Silvio Gesell argumentierte, der Wert des Geldes gesenkt würde, um die Leute zu bewegen, es auszugeben. So wie man heute Zinsen bezahlen muss, wenn man sein Girokonto überzogen hat, müsste man dann für liquide Guthaben eine Gebühr entrichten, nicht jedoch für langfristige Spareinlagen. Schon um die Gebühr nicht bezahlen zu müssen, würde dieser Umlaufimpuls jeden bewegen, sein Geld schneller auszugeben. Die Folge: Das Umlauftempo des Geldes stiege. Mehr Waren und Dienstleistungen würden nachgefragt, neue Arbeitsplätze entstehen, das Bruttoinlandsprodukt wachsen.

Die Beschleunigung des Geldflusses gelingt aber nur, wenn die Liquidität aus dem Geldraum nicht abfließen kann. Um dem Umlaufimpuls zu entweichen, könnten Guthaben ja auch einfach in Euro getauscht und ins Ausland überwiesen werden. Deshalb wäre als Schutzmaßnahme eine Abflussbremse geboten: Wenn der Wechsel des Regionalgelds in Euro oder der Transfer von Guthaben ins Ausland mit Gebühren verbunden wäre, etwa mit einem Aufschlag von zehn Prozent, würde sich mancher überlegen, ob er sein Geld nicht doch besser daheim ausgäbe. Zudem würden erst so Subventionen und Aufbauhilfen aus dem Ausland fruchtbar. Dass ohne Abflussbremse zugeführtes Geld sofort wieder abfließt, hat die deutsche Wiedervereinigung gezeigt. Damals wurden Milliarden an Aufbauhilfen aus Westdeutschland in Ostdeutschland einmal für den Konsum verwendet. Dann floss das Geld wieder in den Westen ab. Die ehemalige DDR wurde mit Einzelhandelsketten aus dem Westen überzogen, die kaum Produkte aus dem Osten in ihren Regalen hatten. Alteingesessene Unternehmen verschwanden, hinterließen breite Lücken in der ostdeutschen Wirtschaft und hohe Arbeitslosigkeit. Doch ohne eigene Betriebe kann eine Region aus eigener Kraft keinen Wohlstand erzeugen und wird zum dauerhaften Hilfsempfänger.

Wie stark die Wirkung einer Regionalwährung neben dem Euro sein wird, kann nur grob geschätzt werden. Aber Erfahrungen aus Deutschland lassen hoffen. Die jährliche Umlaufgeschwindigkeit des Regionalgelds „Chiemgauer“ war 2011 mit 11,3 fast dreimal so schnell wie die Umlaufgeschwindigkeit des Euro. Eine Nebenwährung neben dem Euro birgt große Potenziale und ist allemal dem Austritt aus dem Euro oder einer Dauersubventionierung vorzuziehen.