Rascher in die digitale Zukunft

Intelligente Maschinen, selbstfahrende Autos, Büro-Roboter – Wer von der digitalen Arbeitswelt im Zeitalter der „Industrie 4.0“ profitiert. Von Reinhard Nixdorf

Cebit 2016 - Authentifizierung per Selfie
Identitätsverifizierung per „Selfie“? Mit einer biometrischen 3D-Gesichtserkennungs-Software wird das in Zukunft möglich sein. Foto: dpa
Cebit 2016 - Authentifizierung per Selfie
Identitätsverifizierung per „Selfie“? Mit einer biometrischen 3D-Gesichtserkennungs-Software wird das in Zukunft möglich... Foto: dpa

Geradewegs in die digitale Arbeitswelt führt die „Industrie 4.0“, in der sich intelligente Maschinen die Arbeit teilen und für den Menschen zu Mitarbeitern auf Augenhöhe werden. Die geballte Leistungsschau der Informationstechnologie auf der Computermesse Cebit in Hannover rückte die digitale Durchdringung von Wirtschaft und Gesellschaft diese Woche in den Focus: Welche Berufe und Branchen fahren künftig auf der Überholspur? Wer läuft Gefahr, aufgrund der Digitalisierung unter die Räder zu kommen?

Profitieren werden hoch qualifizierte Arbeitskräfte, aber auch der Dienstleistungsbereich – all das, was man schwer digitalisieren kann. Das Nachsehen haben vor allem bisher sichere Industriejobs. Doch wenn sich selbstfahrende Autos durchsetzen, braucht man auch keine Bus- oder Taxifahrer mehr. Wenn Roboter Kranke versorgen und das Essen in Restaurants servieren, werden Pflegekräfte und Kellner überflüssig. Erledigen Roboter die Büroarbeit, ist die Sekretärin ein Job von gestern. Bis 2020 sollen rund sieben Millionen Arbeitsplätze in den großen Industrieländern gefährdet sein, prognostizierte eine Studie Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Zwar würde der technologische Fortschritt auch neue Jobs schaffen – aber eben nur zwei Millionen. Macht unterm Strich fünf Millionen weniger Stellen.

Aber am Strukturwandel führt kein Weg vorbei, will Deutschland konkurrenzfähig bleiben. Doch da sei Gefahr im Verzug, warnte BDI-Präsident Ulrich Grillo auf der Cebit. „Unser Land ist von einer hochleistungsfähigen digitalen Infrastruktur weit entfernt.“ Ohne raschen Ausbau des Breitbandnetzes zur Datenübertragung bis 2025 falle Deutschland im internationalen Wettbewerb zurück.

Aber wie wird die Arbeitswelt 4.0 aussehen? Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben 24 Technologie- und Arbeitsmarkt-Experten sechs Szenarien zur Arbeitswelt im Jahr 2030 entwickelt. Zwei Szenarios erwarten eine flächendeckende Digitalisierung: Beim Szenario „Ingenieursnation mit Herzchen“ ist Industrie 4.0 die neue Erfolgsgeschichte der alten Ingenieursnation Deutschland. Zwar gehen viele Arbeitsplätze durch Automatisierung und Vernetzung in der Produktion verloren, doch werden soziale Härten durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgeglichen. Beim Szenario „Rheinischer Kapitalismus 4.0“ bewirkt eine allgemeine Technik-Versessenheit hohes Wirtschaftswachstum, doch gibt es nur noch ein Mindestmaß an sozialer Sicherung.

In zwei weiteren Szenarios hat sich die Digitalisierung nicht flächendeckend durchgesetzt: Ein Szenario erwartet digitale Hochburgen mit abgehängtem Umland: Der Wohnort entscheidet über berufliche Chancen, die regionale Verwerfung weitet die Schere zwischen Arm und Reich. Im anderen Szenario konkurrieren die Bundesländer um hoch qualifizierte Freiberufler. Die Solidarität unter den Bundesländern wird dadurch erschwert.

Zwei weitere Szenarien gehen von einer gescheiterten Digitalisierung aus. Beim Szenario „Silicon valley countryside mit sozialen Konflikten“ lebt eine Minderheit von hoch qualifizierten Wissensarbeitern in einem „Arbeitsparadies“, doch das soziale Sicherungssystem steht vor dem Kollaps. Schlimmste Erwartung ist das Szenario „Digitales Scheitern“ mit einer technikfeindlichen, alternden Bevölkerung: Wirtschaft und die Gesellschaft schaffen die digitale Transformation nicht, Arbeitslosigkeit und niedriges Lohnniveau herrschen vor.

Um die Wirtschaft erfolgreich digital zu transformieren, haben sich gleich fünf Minister die Digitalisierung vorgenommen: Innenminister de Maiziere kümmert sich um Cyber-Kriminalität, Justizminister Maas um die Verbraucher, Verkehrsminister Dobrindt, der sonst die realen Autobahnen betreut, soll für die Hardware, also die Datenautobahnen sorgen. Wirtschaftsminister Gabriel präsentierte auf der CeBit zehn Punkte zur digitalen Strategie 2025, darunter den Ausbau des Glasfasernetzes, die Förderung digitaler Bildung und Modelle für den Mittelstand.

Und natürlich hat auch das Bundesarbeitsministerium mitzureden. Dort fand in dieser Woche die Halbzeitkonferenz „Arbeiten 4.0“ statt. Halbzeit, weil vor einem Jahr der gleichnamige Dialogprozess angestoßen wurde, der noch ein Jahr laufen soll. „Es ist richtig, die Digitalisierung wie die anderen großen Trends nicht allein als eine wirtschaftspolitische, sondern auch als eine sozial- und gesellschaftspolitische Aufgabe zu sehen“, sagte Arbeitsministerin Nahles. Die Beschäftigten dürften nicht auf der Strecke bleiben, technische und soziale Innovationen müssten Hand in Hand gehen.

Denn die Digitalisierung wird soziale Verwerfungen und Verteilungskämpfe auslösen, wenn die Wirtschaftspolitik nicht eingreift und den Betroffenen eine Chance gibt. Ende des Jahres soll im Bundesarbeitsministerium das „Weißbuch Arbeiten 4.0“ vorliegen, das politische Antworten auf die drängendsten Fragen vorlegen soll. Damit bei so vielen Ministern der Überblick nicht verloren geht, führt die Kanzlerin die Fäden zusammen und drückt aufs Tempo. Denn die Zukunft lässt sich nicht verschieben.

Die Digitalisierung, das ist klar, wird die Produktionsprozesse und Sozialsysteme, die Kommunikationswege, Bildungsinhalte und Arbeitsformen in den nächsten Jahren tief verändern. Sie kommt mit Macht, aber eine Naturgewalt ist sie nicht, sie lässt sich gestalten. Sie birgt zwar Risiken, aber auch Chancen.