Bonn

Potenzial für Mittelstand

Ein Interview mit Unternehmer Stephan Werhahn über Chancen des afrikanischen Marktes.

Afrika arbeitet zusammen
Anfang Februar trafen die Staats- und Regierungschefs der Afrikanischen Union in Addis Abeba zusammen. Sie müsste sich bei ihrer Weiterentwicklung an der EU orientierten, meint Stefan Werhahn. Foto: dpa

Herr Werhahn, der Bund Katholischer Unternehmer hat sich auf einer Fachtagung mit „Unternehmerischem Engagement für nachhaltige Entwicklung in Afrika“ beschäftigt. Warum ist wirtschaftliches Engagement in Afrika so wichtig?

Afrika ist der letzte Kontinent der Erde, der noch ein erhebliches Wachstum vor sich hat. Insoweit ist Afrika ein wichtiger Zukunftsmarkt auch für Europa. Als unser Nachbar im Süden verdient Afrika einen besonderen Blick, nicht nur wegen der geografischen Nähe. In einer globalisierten Welt ist es für die europäische Wirtschaft von zentraler Bedeutung, die Entwicklung in Afrika positiv zu begleiten.

Ohne eine Unterstützung beim Kapitalstockaufbau und einem Technologietransfer droht Afrika – wirtschaftlich betrachtet –, vom Rest der Welt abgehängt zu werden. Welche Chancen bietet der afrikanische Markt?

Afrika braucht diese Unterstützung vor allem als Hilfe zur Selbsthilfe. Der Kontinent benötigt vor allem Hilfe beim Aufbau von Strukturen, die die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft sind. Dazu gehört die Schaffung einer kontinentalen logistischen Infrastruktur. Durch Entwicklungshilfemaßnahmen kann kein Kapitalstockaufbau geschaffen werden, der Investitionen ermöglicht. Damit das gelingt, müssen zunächst einmal die vorhandenen Zoll- und Handelsbarrieren abgeschafft werden. Der afrikanische Kontinent benötigt eine Freihandelszone, damit eine florierende Wirtschaft entstehen kann. Dazu gehört aber auch, dass der Handel nicht nur eine Nord-Süd-Angelegenheit ist, sondern wir in Europa Importen aus Afrika eine Chance geben.

Immer wieder wird betont, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung Afrikas auch die Migrationsströme eindämmen könnte. Können sich nicht aber in Folge eines wirtschaftlichen Aufschwungs am Ende nicht mehr Menschen die Kosten der Auswanderung leisten, was zu einem Anstieg führen würde?

Das oft gehörte Argument geht meiner Auffassung nach ins Leere. Menschen verlassen ihr Land in erster Linie deshalb, weil sie keine wirtschaftliche Basis für ein menschenwürdiges Leben dort entdecken. Ein wirtschaftlicher Aufschwung gibt ihnen aber genau die Perspektive, ein erfülltes Leben auch in der Heimat zu finden. Niemand wird doch seine Familie und Freunde verlassen und in eine unbekannte Zukunft wandern wollen, wenn er zu Hause die Möglichkeit erkennt, sein Leben zu gestalten.

Wenn man an wirtschaftliches Engagement in Afrika denkt, dann hat man vielleicht nicht sofort mittelständische deutsche Unternehmen im Blick. Gibt es dort auch Potenzial für Mittelständler?

Die Chancen für ein Engagement mittelständischer Unternehmen aus Deutschland in Afrika sind groß. Allerdings benötigt man oft einen langen Atem, um Bürokratie und Handelshemmnisse zu besiegen. Großkonzerne mit starken Rechtsabteilungen fällt das oftmals leichter als Mittelständlern. Es gibt aber bereits viele positive Beispiele. So hat ein deutsches Unternehmen mit medizintechnischen Produkten inzwischen den afrikanischen Markt für sich erobern können. Der Aufbau stabiler Rechtssysteme in afrikanischen Ländern wird zu einer Verbesserung der Situation beitragen, insbesondere dort, wo Korruption und andere Investitionshemmnisse das Engagement behindern.

Die Beteiligung wirtschaftlicher Akteure ist nach Ansicht Ihres Verbandes die Voraussetzung für das Erreichen der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Im Moment, so der Eindruck, ist Afrika für viele Unternehmen aufgrund der Rohstoffvorkommen interessant. Kritiker sprechen sogar von einer Ausbeutung des Kontinents. Müssen wir hier nicht umdenken?

Die Gefahr einer Ausbeutung des Kontinents besteht tatsächlich heute noch. Allerdings geht die Bedrohung nicht mehr vom nationalstaatlich geprägten europäischen Kolonialismus aus. Sorge bereitet das vielfältige Engagement Chinas in Afrika. Die Übernahme bedeutender Seehäfen oder wichtiger Eisenbahnlinien schafft wirtschaftliche Abhängigkeiten und ermöglicht tatsächlich eine Ausbeutung vorhandener Ressourcen. Hier müssen wir Europäer unsere afrikanischen Nachbarn unterstützen, indem wir ihnen dabei helfen, eine Afrikanische Union nach dem Vorbild der EU aufzubauen.

Ausländische Investitionen können nicht die einzige Basis für Entwicklung sein. Afrika muss sein Schicksal in die eigene Hand nehmen. Nicht alleine der Export verbessert die Wirtschaftlichkeit, sondern auch die Binnennachfrage muss angekurbelt werden. Wie können deutsche Unternehmen hier einen Beitrag leisten?

Vor allem benötigt Afrika einen Binnenmarkt, der nicht nur auf dem Papier definiert ist, sondern in der Praxis funktioniert. Wir können dabei helfen, dort die Fehler zu vermeiden, die wir in Europa gemacht haben. Die Entwicklung in Afrika muss aber letztlich aus eigener Kraft eine Dynamik entwickeln. Dazu gehört auch, dass sich der Kontinent in der Außenwirkung positiver darstellt. Afrika ist leistungsfähig und hat viele Talente, die sich gerne einbringen.

Was müsste geschehen, damit deutsche und afrikanische Unternehmen gemeinsam an einer nachhaltigen Entwicklung des Kontinents arbeiten können?

Als erstes muss die Politik vor Ort dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für eine „good governance“ geschaffen werden. Handelsbarrieren müssen fallen und gegenseitige wirtschaftliche Aktivitäten erleichtert werden. Als Bund Katholischer Unternehmer stellen wir fest, dass ein großes Interesse am Austausch mit uns besteht. Als Verband und mit unseren Mitgliedsunternehmern haben wir eine hohe wirtschaftliche Expertise und sind in Politik, Gesellschaft und Kirche gut vernetzt. Das alles sind Bereiche, die dazu beitragen können, die Rahmenbedingungen in Afrika zu verbessern.