Ohne Nachhaltigkeit ausgebucht

Massentourismus muss umwelt- und ressourcenschonender werden. Von Reinhard Nixdorf

Und die Umwelt? Fliegen schadet. Foto: dpa
Und die Umwelt? Fliegen schadet. Foto: dpa

158 Fluggäste besteigen jede Sekunde irgendwo auf der Welt einen Flieger, das macht fünf Milliarden Flugreisen im Jahr. Aber niemand begrenzt das Fliegen. Im Gegenteil: Allein in Deutschland wird der klimaschädlichste aller Verkehrsträger mit etwa zehn Milliarden Euro jährlich subventioniert. Dabei wären ehrlichere Flugpreise ein Schritt zu nachhaltigerem Tourismus. Die Verteuerung des Fliegens würde ja nicht dazu führen, dass wir nicht mehr reisen, sondern dem Reisen mehr Wert gäben. Aber noch ist nachhaltiger, umwelt- und ressourcenschonender Tourismus Mangelware.

Über sechzig Millionen Ausländer haben Spanien letztes Jahr besucht, mehr Touristen, als das Land Einwohner hat. Noch mehr werden es dieses Jahr sein, denn im ersten Halbjahr wurde schon ein Zuwachs von acht Prozent verzeichnet. Die Regierung ist stolz darauf, schließlich steuert der Fremdenverkehr über zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Fragt sich nur, wie lange Erholung angesichts solcher Massen noch möglich ist. Viele Küsten sind mit Hotels und Apartments zubetoniert, hunderttausende Touristen konzentrieren sich auf kleinstem Gebiet und verbrauchen am meisten Wasser in der trockensten Jahreszeit. Nachhaltig ist das nicht. Aber das scheint das Staatssekretariat für Tourismus wenig zu kümmern. Die spanische Regierung legalisierte mit einer Reform des Küstenschutzgesetzes sogar Hunderte von Gebäuden, die eigentlich abgerissen werden mussten, da sie zu nahe am Meer stehen. Die Wirtschaftskrise hat zwar manche Zementmaschine zum Stillstand gebracht, doch wohl nur vorübergehend. „Küste: Es wird wieder gebaut“, verkündete neulich „El Pais“. Es klang wie eine Drohung. Offensichtlich sägt man in Spanien an dem Ast, auf dem man sitzt.

Dreißig Millionen schieben sich Jahr für Jahr durch Venedigs Gassen, viermal so viele, wie es Experten für verträglich halten. Plätze sind vollgestellt mit Tischen und Stühlen der Restaurants und Bars. Wohnraum ist Mangelware und überteuert. Luxushotels brauchen für ihre Saunen und Wellnessbereiche viel Raum. Zwar verdienen einige Venezianer gut an den Touristen. Aber da sie oft darauf verzichten, Rechnungen auszustellen, zahlen sie kaum Steuern und erzielen ihren Reichtum auf dem Rücken der Stadt und der anderen Bürger: Ebbe in Venedigs Stadtkasse. In seiner Not schloss der frühere Bürgermeister Cacciari einen Vertrag mit Coca-Cola ab, das seither gegen Mietzahlungen auf Venedigs Plätzen Getränkeautomaten für durstige Touristen betreibt. Was wieder öffentlichen Raum kostet. Schon lange streitet man in Venedig über Zugangsbegrenzungen für Touristen – und weitet zugleich die Eventangebote und die Anleger für Kreuzfahrtschiffe aus. Allein der Friedhof ist den Venezianern geblieben. Zwar ist auch San Michele Touristenziel, doch hier dürfen nur Einheimische beerdigt werden.

Dubrovnik, die Perle an der Adria, wird bei Kreuzfahrttouristen immer beliebter. An einem Tag, an dem vor der Stadt sechs Kreuzfahrtschiffe landen, strömen sechzehntausend Touristen gleichzeitig in die Altstadt. Fast-Food-Tourismus: Herunter vom Schiff, Rundgang durch die Stadt, zurück in die weiße Luxuswelt, in der jeder Wunsch all-inclusive erfüllt wird. Ein Kreuzfahrt-Tourist gibt im Durchschnitt nur vierzig Euro am Tag aus, ein Tourist, der in Dubrovnik seine Unterkunft zahlt und abends im Restaurant isst, viel mehr. Aber die Masse macht's. Zwar sind Begriffe wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit auch in Kroatien keine Fremdwörter mehr. Aber Kroatien steckt in der Krise. Finanzexperten sehen dort den nächsten Problemfall der EU, ähnlich wie Griechenland. Wenn in solch einer Lage das schnelle Geld durch Kreuzfahrttagestouristen lockt, gehen warnende Stimmen unter.

Immer öfter, immer weiter belastet der Tourismus Umwelt und Klima – und beutet Menschen aus, die sich selbst am wenigsten Tourismus leisten können. Wichtig ist, dass Regierungen ihrer Verantwortung gerecht werden und ökologische, kulturell sensible Gebiete besonders schützen und ihre Rolle als Förderer von klimafreundlichem, sozialverantwortlichem Tourismus eben auch ausspielen. Doch wird das gelingen, wenn lokale Polit-Eliten in Entwicklungsländern am Geschäft mit den schönsten Wochen des Jahres glänzend mitverdienen? Obwohl mit dem Tourismus längst nicht überall Stabilität und gesellschaftlicher Frieden einziehen – siehe Ägypten – berauscht sich selbst die UN-Organisation für Tourismus unbeirrt am ungebremsten Wachstum der Branche. In ihrem aktuellen Jahres-Bericht wird Tourismus als der Schlüssel zu mehr Einnahmen, Arbeitsplätzen und Infrastruktur gefeiert.

Urlaub in Balkonien oder ein Verbot von Fernreisen schonen vielleicht Strände und Urlaubsziele, aber „es ist unrealistisch so etwas zu fordern. Der internationale Langstreckentourismus ist längst etabliert“, sagt Florian Tögel gegenüber der Tagespost. Er leitet die Zertifizierungsstelle bei TourCert, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Zertifizierung im Tourismus, die das CSR-Siegel zur Unternehmensverantwortung an Tourismusunternehmen vergibt. Realistischer sei, Langstreckenreisen sozialer und umweltverträglicher gestalten. Wo gesetzliche Regelungen fehlten oder hintergangen würden, bleibe der Appell an die Verantwortung der Tourismus-Branche, ihr Produkt zu schützen. „Letztendlich setzen wir Nachhaltigkeit mit Qualität gleich, denn: Ein verdreckter Strand ist nicht gut für die Umwelt und auch nicht gut für die Gäste, die lieber einen sauberen Strand haben wollen. Oder: Von zufriedenen Mitarbeitern in Hotels, die gut bezahlt werden, bekommen die Gäste sicherlich eher ein Lächeln als von Mitarbeitern, die ausgebeutet werden. Nachhaltigkeit und Qualität gehen deshalb Hand in Hand.“

Aber wird nachhaltiger Tourismus nicht ein Nischenprodukt bleiben? Keineswegs, sagt Florian Tögel, „ein großer Reiseveranstalter hat viel mehr Macht, Dinge durchzusetzen. Wenn ein Hotel von einem Reiseveranstalter immer sehr große Kontingente bekommt, dann wird das Hotel sicher auch sehr viel offener auf Empfehlungen reagieren. Von daher haben große Player einen sehr viel stärkeren Hebel, um Veränderungen zu erzielen.“ Eines ist klar: Ohne Nachhaltigkeit droht der Tourismus zum Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden. Denn auch künftig wird die Branche wachsen. Immer mehr Menschen wollen sich die Welt anschauen: in Indien, Russland, Brasilien und China wächst eine Mittelschicht heran. Die Chinesen haben die Deutschen als reiselustigste Nation überholt. Und wer könnte ihnen verbieten, was wir seit Jahrzehnten genießen?