Mit Maß und Freiheit

Gilbert Keith Chestertons Ideen zu einer Wirtschaftsordnung sind immer noch aktuell. Von Henning Sassenrath

Gilbert Keith Chesterton
Intuition, Menschlichkeit und die Hoffnung auf freiwillige Einsicht seiner Mitmenschen: Diese Trias prägt nicht nur Chestertons literarisches Werk, sie spielt auch in seinen Überlegungen zur Wirtschaft eine Rolle. Foto: IN

Wir leben heute im Zeitalter der Digitalisierung, in dem Mega-Konzerne um die Vorherrschaft auf der Welt ringen. Ihre Marktmacht ist offenbar schon so groß, dass sogar der Internationalen Währungsfonds besorgt ist. IWF-Ökonomen fragten jüngst in einem Report, ob nicht die Marktmacht der großen Digitalkonzerne – von Amazon bis Google – zu einer Verdrängung der anderen Anbieter und zu übermäßigen Gewinnen und negativen Folgen für die gesamte Wirtschaft führt. Mancher sieht Tendenzen zu einer globalen Monopolisierung.

All das wäre ein Graus gewesen für Gilbert K. Chesterton (1874–1936), den einst berühmten, dann etwas vergessenen Schriftsteller, dessen Schöpfung aber überlebte: der Priester und Detektiv Father Brown. Chesterton war tief religiös. „Religion musste das längste und seltsamste Fernrohr beschaffen – das Fernrohr, durch das wir den Stern sehen können, auf dem wir wohnen“, heißt es zu Beginn eines seiner Bücher mit dem kuriosen Titel „Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer missachteter Dinge“. Der Katholizismus war das Fernrohr, durch das Chesterton seine Umgebung betrachtete und ein feines Gespür für die sozialen Probleme seiner Zeit entwickelte.

Was wenig bekannt ist: Chesterton war nicht nur Romanautor, sondern auch ein Publizist, der soziale und wirtschaftliche Visionen entwickelte – manchem mögen sie romantisch oder gar reaktionär vorkommen, doch bildeten sie eine humane und freiheitliche Vision gegen die Welt der vermachteten industriellen Konzerne.

Der selbstständige Bauer als Leitbild

Er missbilligte das moderne England und seine Industriestädte, deren Stahlwerke und Werften in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg immer weniger Arbeitern Auskommen boten. All dem setzte er die Vision eines Landes entgegen, das Kleinbauern und Handwerker trugen und ein Gleichgewicht zwischen Industrie und Landwirtschaft findet. Auf einen Slogan verkürzt, sollte jeder „drei Morgen Land und eine Kuh“ bekommen. Der selbstständige Bauer ist für Chesterton Inbild von Freiheit, Unabhängigkeit und Eigenverantwortung. Chesterton geschähe jedoch Unrecht, würde man seine Kritik bloß dem verklärenden Blick auf die Vergangenheit zuschreiben.

Anstoß war vielmehr die sehr reale Konzentration der britischen Wirtschaft auf eine immer kleinere Anzahl immer mächtigerer Unternehmensgruppen, sodass Kartelle bis Ende der 1930er in vielen Sektoren dominierten. Der Erste Weltkrieg begünstigte diese Entwicklung ebenso wie der Umstand, dass es bis 1948 im Vereinigten Königreich kein verbindliches Gesetz gegen Kooperationen, Absprachen und Monopole gab. Dem entgegen stand Chestertons beständiger Grundsatz: Das Kleine und Maßvolle gegen das Große und Monströse verteidigen. Hieraus speiste sich seine Feindschaft gegenüber „Monopolkapitalismus, Großgrundbesitz und Plutokratie“. Der radikal anmutende Ton täuscht nicht – geplant war die umfassende Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Mit welchen wirtschaftspolitischen Instrumenten ließe sich der Wandel herbeiführen? Kartellen und Monopolisten sollte durch Verbot von Preiskämpfen und Verkauf unter Selbstkostenpreis Einhalt geboten werden, meinte Chesterton.

Zudem forderte er eine kostenfreie Rechtsberatung für die wirtschaftlichen Davids im Kampf gegen Goliath. Zwecks Wiederbelebung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft wollte er die Anhäufung von Grundbesitz erschweren und unterentwickeltes Land besonders besteuern. Am Ende dieser und weiterer Maßnahmen stand als Ziel die Wiederauferstehung der Gilden des Mittelalters.

Wie weltfremd und bizarr dieses Ziel auch erscheint – im Unterschied zu anderen Utopisten war seine Maxime immer allmähliche Veränderung und absolute Freiwilligkeit: Die Engländer aufs Land oder in Zünfte zu zwingen, würde gerade die persönliche Freiheit zerstören, die er und seine Mitstreiter schützen wollten. Genauso würden drakonische Enteignungen der Großgrundbesitzer und Industriebarone die propagierte Liebe zum Eigentum unterminieren. Weiteste Akzeptanz und aktive Partizipation aller waren für Chesterton die Prämissen dieser Neuordnung.

Deshalb war Herzstück seines Strebens, ein moralisches Umdenken herbeizuführen. In mancherlei Hinsicht scheint Chesterton seiner Zeit, was John Ruskin dem Viktorianischen Zeitalter war – genialischer Künstler und Sozialkritiker. Obgleich Chesterton selbst keine formale ökonomische Bildung besaß, fanden seine Ideen teilweise die Unterstützung von so bedeutenden Ökonomen wie John Maynard Keynes.

Das erhoffte große Umdenken blieb indes aus. Zwar hatte Chesterton unmittelbaren Einfluss auf die katholische „Stadtflucht“ in Großbritannien ab 1929, doch blieb es immer ein Randphänomen, wie auch die gesamte von Chesterton initiierte Bewegung des Distributismus.

Das Sympathische an dem revolutionären „Father Brown“-Autor bleibt sein Maßhalten in allen Bereichen. Ja, er war offensichtlich Traditionalist, glaubte an die organische Gesellschaft und das „Retrotopia“, um ein Wort seines Landsmannes Zygmunt Bauman zu gebrauchen. Gleichzeitig stellt er sich aber in „Die Rückkehr des Don Quijote“ unterhaltsam gegen die blinde Verklärung des Mittelalters und verurteilt an anderer Stelle den Vergleich des Staates mit einem sozialen Organismus. Der Urheber zahlloser Anekdoten und Bonmots befand: „Traditionen gleichen Straßenlaternen, die den Weg ausleuchten sollen. Nur Betrunkene klammern sich an sie!“

Ähnlichkeiten mit dem Ansatz Röpkes

Leitstern der wirtschaftstheoretischen Überlegungen des späten Konvertiten war die katholische Soziallehre der päpstlichen Enzykliken „Rerum novarum“ von 1891, insbesondere das Subsidiaritätsprinzip, das in „Quadragesimo anno“ 1931 betont wurde. Dieser Hintergrund erklärt, dass es gewisse Ähnlichkeiten von Chesterton mit liberal-konservativen Ökonomen wie Wilhelm Röpke gibt, der ebenfalls eine mittelständige Wirtschaft gegen den „Kult des Kolossalen“ bevorzugte, und dem katholischen Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning. Deren Ideen, besonders Röpkes, hatten Einfluss auf die Neuausrichtung der deutschen Wirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Es steckt deshalb auch ein (kleines) Stück von Chestertons Ideen in der Sozialen Marktwirtschaft.

Der so von Jorge Luis Borges bewunderte enge Freund George Bernard Shaws blieb ein Revolutionär, der seine Revolution als Rückkehr zur Normalität verstand. Die Eigenarten der Detektivarbeit von Father Brown zeigen emblematisch Chestertons Herangehensweise in allen Feldern: Intuition, Menschlichkeit und die Hoffnung auf freiwillige Einsicht seiner Mitmenschen.

 

Debatte

Wie soll sich in Zukunft unser Wirtschaftssystem weiterentwickeln? Es erschienen bereits Beiträge von Prof. Dr. Wolfgang Ockenfels (DT vom 9. Mai) und Pater Jörg Alt (DT vom 16. Mai). Die Debatte wird fortgesetzt.