Berlin

Menschen in der Krise

Der Psychologe Michael Schiessl glaubt, dass die Krise Energie freisetzt.

Diplom-Psychologe Michael Schiessl
Der Diplom-Psychologe Michael Schiessl ist Gründer und CEO der Berliner Eye Square GmbH, einem der führenden internationalen Marktforschungsinstitute. (Foto: Keckeis Krupna) Foto: Keckeis Krupna

Herr Schiessl, was passiert während der Corona-Krise mit Menschen? Wie würden Sie die Lage beschreiben?

Menschliches Erleben ist komplex. Viel komplexer als wir es oft annehmen. Ich unterscheide drei Ebenen, die miteinander kommunizieren. Neben der sinnlichen Wahrnehmung (System O) haben wir es mit einem impliziten System (System 1) zu tun, wo eher die emotionalen, unbewussten Wahrnehmungen und Reaktionen angesiedelt sind. Daneben gibt es auch noch System 2, was man als das kognitive System bezeichnen kann. Dessen Regungen sind bewusst und können am ehesten artikuliert werden. Alle Systeme sind in einer Krisensituation gefordert – nur nicht zur selben Zeit. Je nach Krisenphase.

Das bedeutet für die aktuelle Krise?

Der erste Impuls – ein unbekanntes, unsichtbares und potenziell tödliches Virus – spricht unmittelbar die Systeme 0 und 1 an. Die Bilder, die wir sehen, und die Nachrichten, die wir hören, sind starke Sinneswahrnehmungen. Die Bilder von Toten oder von maskierten Hilfskräften treffen auf vorgeprägte innere Bilder von Gefahr, Chaos, Tod. Die Vernunft kommt kaum zu Wort Jeder empfindet sofort einen Appell an das eigene Handeln: „Ich muss machen!“. Lebensmittel, Hygienartikel kaufen – deswegen der Run auf Klopapier.

Was kommt dann?

Irgendwann ermüdet der Mensch. Panik geht nicht endlos. Die Wahrnehmung aller Systeme ist ja letztlich mit einem Körper verbunden. Und dieses Gesamtsystem ruft irgendwann „Stop!“. Es kann auch sein, dass der Staat – vielleicht selber überfordert – „Stop!“ ruft. Dann kommt es sozusagen zu einem Ausatmen und einer Entspannung. Wie nennen das Regression – ein „Sich-dem Großen-Ergeben“, das vielleicht auch Sinn macht. In Deutschland ist das relativ schnell der Fall, da wir einen Sozialstaat haben und die Menschen irgendwie auf ihn vertrauen. In den USA ist das noch ganz anders. Da hält die „Ich muss machen“- Phase länger an. Bei uns setzte die Regression etwa zehn Tage nach dem Ernstwerden ein. Da sagen sich die Menschen: „Wir können nichts machen.“ Der „große Andere“, der Staat, muss jetzt machen. Die Leute lassen sich dann auch rumkommandieren wie Kinder (Hände waschen nicht vergessen!). Sie ziehen sich zurück, wollen klare Ansagen. Und ansonsten wollen sie vor allem Sicherheit und Komfort. Hier kommt dann das System 2 ins Spiel: Der Versuch, Ruhe zu bekommen. Deswegen zieht man sich in den Kokon oder die Burg zurück. Ich glaube, dass die Menschen deswegen auch relativ gerne dem Kontaktverbot folgen. Das wird gar nicht als ungeheurer Eingriff in die Freiheitsrechte wahrgenommen.

Wie lange dauert diese Phase?

Auch dieser Zustand führt irgendwann zur Ermüdung. Der Mensch fängt an zu denken. Und das kognitive System versucht, wieder Ordnung zu schaffen. Fragen wie „Wie soll das nur weitergehen?“, „Was mache ich jetzt?“ fangen an zu rumoren. Oder auch „Ob die das im Griff haben?“. Es kommen also auch Zweifel. Und wieder eine Unruhe, weil sowohl System 2 und System 1 arbeiten, während System 0 – die sinnliche Wahrnehmung – jetzt ja nichts Neues oder auch einfach nichts, Leere sieht. Menschen erleben die Phase der Regression oft als sehr wohltuend: kein Stress. Doch es kann auch das Gegenteil eintreten: Depression wegen Untätigkeit und Sorgen. Oder Aggressivität. Es werden jedenfalls Energien freien. Der Trend geht in die Richtung, aktiv werden zu wollen. Allerdings kann sich diese Energie auch anders aufstauen – und etwa in Hass oder auch physischer Gewalt entladen. Ich vermute, dass man Menschen die Phase II nicht mehr sehr lange ohne Aussicht auf ein Ventil zumuten kann. Sonst kommt es zu Gegenreaktionen gegen „den großen Anderen“. Oder den Nachbarn. Oder irgendwen, der einem noch in die Quere kommt. Aggressivität in Supermärkten unterscheidet sich in dieser Phase durchaus von der panikartigen Aggressivität am Anfang. Bei der einen ist es Angst, während es später eher Frust ist.

Was wäre das Risiko?

Normalerweise sind Schock-Krisen aber auch relativ schnell vorbei. Wenn wir nun allzu lange den Deckel drauf lassen, dann bekommen wir es neben der wirtschaftlichen und politischen Krise noch mit einer massiven psychologischen Krise zu tun. Die Resultate sind dann entweder Entmutigung und Apathie. Oder aber eben Aggression und Unruhen. Beides kann man nicht wollen. Je länger die Krise dauert, desto mehr muss also das Augenmerk wirklich auf den Exit gerichtet werden. Denn sonst könnten die Schäden schnell größer sein als das, was wir an direkten, negativen Folgen einer möglichen Überlastung von Krankenhäusern sehen würden. Wohlgemerkt: Das gilt nur, wenn das Virus nicht wirklich ein totaler Killer ist. Wenn das einmal der Fall wäre, könnte ich mir vorstellen, dass die Phase 2 sehr lange anhielte

Was muss also geschehen?

Man muss rasch einen Weg finden, um die entstehende Energie zu kanalisieren. Das geht durch Sinngebung: Das heißt Ziele setzen, das „Gute“ ausmalen – Corona letztlich auch positiv besetzen.. Wir wussten ja eigentlich alle, dass es irgendwie „so nicht weiterging“ – ökologisch, ökonomisch, politisch .... so viele Blasen, Krisen, die mit Hochdruck vermieden wurden. Jetzt könnte man auch frei atmen und sagen: Machen wir es neu und anders. In der Bibel gibt es die Idee der Jubeljahre, in denen die Gefangenen und Schuldner befreit wurden. Das war alle 49 Jahre und kann sehr viele Kräfte befreien und wirklich „Hyperstärke“ auslösen. Denn die ist eigentlich ein sehr wichtiges Potenzial im Menschen. Gerade nach einer Krise. Das muss man nützen.

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