Kommentar: Der Wahrheit ins Gesicht schauen

Von Andreas Wodok

Die Krise ist zurück, heißt es in den Nachrichten, doch ehrlicher wäre die Schlagzeile: Die Augen sind wieder auf. Ein paar Wochen lang haben sich die Europäer – allen voran ihre Politiker – eingeredet, sie könnten Gleiches mit Gleichem bekämpfen, also haben sie alte Schulden mit neuen bezahlt. Sage und schreibe eine Billion Euro zu einem Mini-Zins von einem Prozent hat allein die EZB auf den Markt geworfen, billiges Geld, das die Banken gern genommen und zu vier, fünf Prozent oder noch teurer weiterverliehen haben. Auch an Griechenland, Portugal, Spanien und Italien, alles hochverschuldete Staaten, die im Gegenzug – quasi als vertrauensbildende Maßnahme – milliardenschwere Sparprogramme auflegen, welche vielerorts der ohnehin lahmen oder gar maroden Wirtschaft praktisch die letzte Luft zum Atmen nehmen. Von den Menschen ganz zu schweigen.

Und nun – welch Überraschung! – werden die Finanzmärkte mal wieder nervös. Die Wirkung des billigen Geldes verpufft und man ahnt – noch eine Überraschung! – dass zumindest Spanien noch in diesem Jahr ein Rettungspaket braucht und – die nächste Überraschung! – der gerade erst erhöhte Rettungsschirm zu klein sein könnte. Also legen wahrscheinlich alle nach, die einen Geld, die anderen ein weiteres Sparpaket. Man muss ja den Märkten gefallen. Und herauskommen wird, klar, eine weitere Überraschung, nämlich noch mehr Schulden und depressive Zustände wie in Griechenland. Man darf gespannt sein, ob und wann die Verantwortlichen merken, dass sie diesem Teufelskreis nur entkommen können, wenn sie der Wahrheit ins Gesicht sehen. Auch wenn die Einsicht wehtut – der Euro hat systemische Webfehler. Eine gemeinsame Währung und Geldpolitik für 17 ökonomisch und politisch zum Teil höchst verschiedene Länder – das geht leider nicht, jedenfalls nicht ohne gigantische Umverteilungen. Und noch etwas Grundsätzliches: Kein Gemeinwesen kann dauerhaft funktionieren, wenn sich die Finanzwirtschaft nicht als Partner von (realer) Wirtschaft, Politik und Gesellschaft versteht, sondern als deren Herr. Es geht um Menschen, nicht um Märkte.