Kolumne

Mehr Aktien wagen: In der Vorsorge- und Vermögenspolitik. Von Lars Schäfers

Lars Schäfers. Foto: privat
Lars Schäfers. Foto: privat

Die wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit in Deutschland ist in letzter Zeit immer wieder Thema im politischen und medialen Diskurs. Besonders die Ungleichheit der Vermögen sollte jedoch noch viel stärker in den Blick genommen werden. Der gesellschaftliche Zusammenhalt gerät zunehmend in Gefahr, wenn die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens verfügen und die Bundesrepublik hierbei die höchste Ungleichheit in der Eurozone verzeichnet.

Schon von Beginn an ging es in der Katholischen Soziallehre darum, die Diskrepanz zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden durch Eigentums- und Vermögensbildung zu verringern. Dafür ist Umverteilung, etwa durch die Wiederbelebung der Vermögenssteuer, allerdings nicht die erste Wahl. In der Enzyklika „Quadragesimo Anno“ etwa hebt Papst Pius XI. die Notwendigkeit der eigenverantwortlichen Vermögensbildung hervor, deren Voraussetzung allerdings entsprechend auskömmliche Löhne sind, damit der Arbeiter „durch Sparsamkeit seine Habe mehre, durch sorgsame Verwaltung mit größerer Leichtigkeit und Sicherheit die Familienlasten bestreite […] und noch über dieses Leben hinaus die beruhigende Gewissheit habe, dass seine Hinterbliebenen nicht ganz unversorgt dastehen“. Es gilt daher, eine neue sozialethische und politische Debatte über geeignete Instrumente einer breiteren Vermögensstreuung sowie der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand anzustoßen.

Vermögen eröffnet Freiheitsspielräume und schafft Sicherheit in Notlagen. Dazu gehört auch, dass durch Vermögenserträge wie Dividenden, Zinsen oder Mieteinnahmen zusätzliches Einkommen generiert werden kann. Vermögensbesitz mindert damit auch den Arbeitsangebotszwang.

Sparbücher und Tagesgeldkonten sind leider weiterhin die beliebtesten Sparformen der Deutschen. Gemessen an der Inflation sind deren Renditen nicht nur in der aktuellen Niedrigzinsphase zumeist negativ. Investitionen in Aktien gelten jedoch angesichts negativer Erfahrungen etwa mit der Telekom-Aktie und der Finanzkrise als zu spekulativ und zu riskant.

Doch das schlechte Image der Aktien ist nicht gerechtfertigt – vielmehr sind diese für den Vermögensaufbau unverzichtbar. Inflationssichere Renditen von mehr als vier Prozent pro Jahr lassen sich nämlich zuverlässig nur mit Aktien und Aktienfonds erreichen.

Bei besonders breiter Streuung, etwa mittels kostengünstiger sogenannter „Exchange Traded Funds“ (ETF), und langfristigem Anlagehorizont ist die Aktie sogar entgegen landläufiger Meinungen relativ sicher. Mit dieser auch vom Verbrauchermagazin Finanztest immer wieder empfohlenen „Buy and hold“-Strategie können nämlich selbst Börsencrashs ausgesessen werden.

„Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“ – diese Weisheit unserer Großeltern gilt heute wieder mehr denn je; vor allem auch mit Blick auf die Altersvorsorge. In Zeiten eines sinkenden gesetzlichen Rentenniveaus, von Dauerbaustellen bei Riester- und Betriebsrente sowie angesichts der Niedrigzinsphase stellt sich aus sozialethischer Perspektive die drängende Frage nach einer effektiveren Ausgestaltung der privaten Zusatzvorsorge. Sie ist eine wichtige Maßnahme gegen die drohende Not der Altersarmut, besonders bei den jüngeren Generationen. Der stärkere Einbezug der Aktie in die staatlich geförderte Altersvorsorge und in eine erneuerte Vermögenspolitik ist daher sozialpolitisch wie -ethisch geboten.

Die Grundbedingung für die Etablierung einer deutschen Aktienkultur und einer eigenverantwortlichen Vermögensbildung breiterer Bevölkerungsschichten sucht man indes im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung vergebens: die Stärkung der finanziellen Bildung aller Altersgruppen im Schulterschluss mit den Ländern. Es geht um die Vermittlung von Wissen über einen sparsamen Umgang mit Geld sowie zur Überwindung der „German Angst“ vor den Kapitalmärkten. Hier besteht noch immenser Nachholbedarf.

Bei alledem sollten Christen allerdings nicht vergessen, vorrangig „Schätze im Himmel“ (Mt. 6,20) zu sammeln, dessen eingedenk, dass materielles Vermögen nur der diesseitigen, nicht aber der „Jenseitsvorsorge“ dient.

Der Autor ist katholischer Theologe und wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.