Kolumne: Was Tiere uns wert sind

Von Johannes J. Frühbauer

Johannes J. Frühbauer. Foto: privat
Johannes J. Frühbauer. Foto: privat

Für so manchen Krimi-Autor gehört es zu den festen Bestandteilen seines Plots, gesellschaftskritische Themen in die Dramatik seiner Verbrechensgeschichte einzubeziehen oder diese sogar ins Zentrum der Handlung zu stellen. Solche literarisch-dramaturgischen Gepflogenheiten finden sich nicht nur immer wieder bei Henning Mankell oder Donna Leon, sondern auch ganz zentral in der Georg Dengler-Reihe des Stuttgarter Autors Wolfgang Schorlau. In seinem letzten Krimi geht es Schorlau um die Aufdeckung skandalöser Machenschaften in der Massen- und Intensivtierhaltung, die sich wiederum als Mittel zum Zweck einer hemmungslosen Profitgier entsprechender Fleischproduzenten sehen lässt. Nicht nur die Handlung, sondern auch die Dialoge im zuletzt erschienenen Krimi „Am Zwölften Tag“ geben wichtige tierethische Impulse, die geradezu treffsicher zum Diskurs der Gegenwart passen, der in den letzten Monaten offenkundig an Aktualität gewonnen hat. Das gilt nicht nur mit Blick auf eine eher oberflächlich zu wertende Veggiewelle, sondern das trifft vor allem auf den medial präsenten Beitrag der Journalistin Hilal Sezgin („Artgerecht ist nur die Freiheit“, C.H. Beck 2013) und nicht zuletzt auf den sich intensivierenden tierethischen Diskurs zu, der exemplarisch verdichtet ist in dem von der Tübinger Philosophin Friederike Schmitz herausgegebenen Reader zur Tierethik (Suhrkamp 2014). Zu der Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, muss unabdingbar auch die Frage gehören, wie wir als Menschen mit Tieren in dieser Gesellschaft leben wollen. Das deutsche Grundgesetz liefert als Staatszielbestimmung in Artikel 20a GG, das deutsche Tierschutzgesetz betreffend, als solches prinzipielle und konkretisierende normative Orientierungen: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen“ (TierSchG §1 Satz 2).

Doch sind gerade für eine komplex strukturierte Gesellschaft im 21. Jahrhundert weitere ethische Orientierungen sowie handlungsleitende Normen gefragt. Aus einer biblisch-theologischen Sicht sowie aus der Perspektive des Ethos nichtchristlicher Religionen kann der Aspekt der Mitgeschöpflichkeit einen wichtigen Bezugspunkt bereitstellen. Eher schwierig zu fassen sein dürfte das Kriterium der Würde von Tieren. Woraus könnte sie abgeleitet werden? Etwa aus dem Lebenskriterium beziehungsweise Lebenswillen per se? Philosophisch-ethisch geht es grundsätzlich darum zu klären, welche Argumente überhaupt dafür sprechen, den Kreis der moralisch zu berücksichtigenden Subjekte über den Menschen hinaus zumindest auf bestimmte Tiere auszuweiten: Also welche, auch nichtmenschliche, Lebewesen sollen zur moralischen Gemeinschaft gehören, deren Mitglieder Anspruch auf eine moralische Behandlung haben. Anders gesagt: Welche moralischen Pflichten haben wir als Menschen gegenüber Tieren? Und welche Kriterien (zentral Leidensfähigkeit) sind dafür geeignet, einen entsprechenden eingrenzenden Kreis zu ziehen? Auf dieser Grundlage kann dann weiter überlegt und argumentiert werden, in welcher Weise Tiere Anspruch auf Rechte haben sollen. Und schließlich stellt sich auch die Frage, welche Ausnahmen, die sich auf vernünftige Gründe zu berufen haben, sind zulässig und wo sind klare Grenzziehungen zwischen Mensch und Tier erforderlich? Jedenfalls hat die ethische Reflexion hier eine spannende Aufgabe zu meistern, die – geht es doch um Leben und Leiden – alles andere als marginal zu betrachten ist.