Kolumne: Warum „relative Armut“ nicht sinkt

Prof. Joachim Wiedemeyer. Foto: Archiv
Prof. Joachim Wiedemeyer. Foto: Archiv

In Deutschland erreicht die Beschäftigung Jahr für Jahr neue Rekorde. Dabei steigen nicht nur Minijobs, Tätigkeit in Leiharbeit oder andere prekäre Beschäftigungsformen, sondern auch die unbefristete sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Aufgrund dieser günstigen Arbeitsmarktsituation müsste eigentlich die relative Armut abnehmen. Dies ist aber in den letzten zehn Jahren nicht geschehen. Relative Armut hängt nicht von Arbeit allein ab, sondern wird von anderen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst.

Ein erster Faktor besteht darin, dass trotz sinkender Kinderzahlen die Kinderarmut wegen einer wachsenden Zahl von Alleinerziehenden relativ hoch bleibt. Ein zweiter gesellschaftlicher Faktor ist das Paarbildungsverhalten. Frauen und Männer heiraten untereinander in ähnlichen Qualifikations- und Einkommensklassen. Indem Frauen gleich hohe formale schulische und berufliche Qualifikationen erwerben, Frauen zunehmend in Führungspositionen aufsteigen, nimmt die Einkommensungleichheit innerhalb von Haushalten deutlich ab. Da die relative Armut aber zwischen Haushalten gemessen wird, nehmen damit die Einkommensunterschiede zwischen den Haushalten zu. Wenn rein fiktiv Ehepartner zugelost und nicht selbst ausgesucht würden, würde die Hälfte der sozialen Ungleichheit verschwinden. Ein weiterer Faktor liegt in der Entwicklung der Anzahl der Haushalte. Wenn es mehr Ein-Personen-Haushalte gibt, nimmt die Zahl der relativ Einkommensarmen zu, zum Beispiel unter jungen Menschen, die sich zwischen 18 und 30 Jahren noch im Studium oder der Ausbildung befinden, aber den Haushalt ihrer Eltern verlassen haben. Da junge Menschen in anderen EU-Ländern vor allem mit hoher Jugendarbeitslosigkeit in diesem Alter noch bei ihren Eltern leben, handelt es sich in Deutschland damit eher um ein Wohlstands-, und nicht um ein Armutsproblem.

Auf die relative Armut wirkt sich auch die demografische Entwicklung aus. Es treten mehr angestammte Deutsche in den Ruhestand als in den Arbeitsmarkt nachrücken, weil in jüngeren Geburtenjahrgängen Deutsche immer schwächer werden. In der nachrückenden jüngeren Generation mit Migrationshintergrund gibt es einen hohen Anteil von Personen ohne Hauptschulabschluss und ohne Lehre. Fast 50 Prozent der jungen türkischstämmigen Frauen haben mit 25 Jahren weder eine Berufsausbildung noch ein Studium abgeschlossen. In vielen Regionen Deutschlands sind 35 bis 40 Prozent der türkischstämmigen Personen Hartz-IV-Empfänger. Auch Zuwanderer, die eine Beschäftigung gefunden haben, verdienen unterdurchschnittlich und sind damit relativ einkommensarm.

Die demographische Entwicklung wirkt sich auch im Bereich der Alterssicherung aus. Lediglich 2,7 Prozent der deutschen Männer oder 3,5 Prozent der deutschen Frauen beziehen Grundsicherung im Alter, hingegen 22 Prozent der Frauen mit Migrationshintergrund. Da Türken, vor allem aber türkische Frauen, nach allen Rentenstatistiken die geringsten Renten beziehen, befinden sich fast 60 Prozent der Personen mit türkischen Migrationshintergrund in relativer Einkommensarmut. Das deutsche Rentenversicherungssystem ist ja danach ausgelegt, dass man 40 bis 45 Jahre (im Alter von 20 beziehungsweise 25 bis 65 Jahren) einer versicherungspflichtigen Beschäftigung nachgeht, beziehungsweise durch Kindererziehungszeiten Rentenansprüche erwirbt. Migranten, die nicht auf diese Versicherungsjahre kommen und beziehungsweise oder im Niedriglohnsektor tätig waren, kommen nicht auf eine auskömmliche Alterssicherung.

Innerhalb der weltweit führenden Wirtschaftsnationen der G-20 weist Deutschland die relativ geringste Einkommensarmut auf, weil hier relativ effizient umverteilt wird. Dies sollte uns aber nicht ruhen lassen, wie Alleinerziehende schneller und mit höheren Beschäftigungsumfang in den Arbeitsmarkt integriert werden und die Integrationsdefizite von Migranten besser beseitigt werden können.

Der Autor, Professor Dr. Joachim Wiedemeyer, ist Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum.