Kolumne: Verantwortung jedes Einzelnen

Von Nicole Hennecke

Nicole Hennecke. Foto: privat
Nicole Hennecke. Foto: privat

Seitdem der Zustrom an Flüchtlingen in Deutschland abgenommen hat, ist es um die damit verbundenen Themen stiller geworden. In den Nachrichten wird über leere Aufnahmelager in Deutschland berichtet und Fragen der Integration rücken in den Vordergrund. Ein gewisses Aufatmen ist spürbar.

Als das Abkommen der EU mit der Türkei in Kraft trat, wurden Berichte aus den griechischen Flüchtlingslagern gezeigt, die vom besorgten Grundton geprägt waren, ob das angewandte Verfahren den Menschen gerecht wird. Allerdings ist es darum inzwischen auch stiller geworden. Aber diese Stille trügt. An der Grundproblematik hat sich nichts geändert. Immer noch kommen Menschen über die Türkei in Griechenland an, wenngleich diese nun in die Türkei zurückgebracht werden. Unzählige Menschen sitzen in griechischen Lagern fest, da Europa immer noch keine handfesten Fortschritte bezüglich der Verteilungsfrage aufweisen kann. Darüber hinaus gelangen Menschen über andere Routen, vor allem über das Mittelmeer, an die Küsten der südlichen EU-Länder – vorausgesetzt das Boot kommt an oder wird unterwegs gerettet, sodass die Menschen nicht in den überfüllten Booten bei der Überfahrt sterben.

Das Aufatmen in Deutschland hat also einen faden Beigeschmack, weil unzähligen Menschen, Notleidenden wie Helfenden, keine Pause vergönnt ist. Es will sich einfach auf breiter Basis keine Lösung der Situation finden lassen.

Umso erfrischender wirkte der Besuch von Papst Franziskus auf der griechischen Insel Lesbos vor drei Wochen. Führte bereits die erste päpstliche Reise im Juli 2013 auf die italienische Insel Lampedusa, so kann Franziskus‘ fünfstündiger Aufenthalt im Flüchtlingslager Moria am 16. April dazu anregen, die Flüchtlingsthematik noch mal aus einer anderen Perspektive anzugehen. Er hat den Menschen Zeit geschenkt. Er hat einigen von ihnen die Möglichkeit gegeben, ihm ihre Geschichte zu erzählen. Er hat der inzwischen unzähligen Toten im Mittelmeer gedacht. Bis hierhin sind das Gesten, die schon viele geleistet haben. Sein Besuch unterscheidet sich aber in spezifischer Weise, da er schließlich drei Familien eine neue Zukunft geschenkt hat, indem er sie mit in den Vatikanstaat genommen hat.

Eine realitätsferne Handlung angesichts der Anzahl an Flüchtlingen allein auf Lesbos? Nein. Zwölf Personen sind zwar bezogen auf die gesamte Masse nicht viel, es wird aber deutlich, dass man nicht aus dem Blick verlieren darf, dass es sich stets um einzelne Menschen handelt. Es geht nicht um eine namenlose Masse. Es geht um die einzelne Person, die sich durch ihr ganz persönliches Schicksal auszeichnet. Dieser einzelnen Person korrespondiert wiederum die Verantwortung des und der Einzelnen. Für alle Männer, Frauen und Kinder, die Papst Franziskus begleiten durften, hat sich etwas grundlegend verändert.

Natürlich ist dieser Besuch in sich allein keine Lösung der schwierigen und verfahren wirkenden Situation, aber er ist eine kreative Variante, einfach mal ganz konkret anzufangen. Matthias Drobinski hat in der Süddeutschen Zeitung vorgerechnet, dass im Vergleich – auch wenn dieser, wie er selbst schreibt, hinkt – auf die Einwohnerzahl hochgerechnet, der Vatikanstaat mit 12 Personen so viele Menschen aufgenommen hat, als wenn Deutschland 1,1 Mio Menschen aufnimmt. Natürlich muss auf eine solch konkrete Handlung eine Planung des weiteren Vorgehens folgen. Der interessante Teil dieser vermeintlich spontanen päpstlichen Entscheidung folgt nun im Vatikan, wo das Leben der drei Familien organisiert wird.

Die Aktion des Papstes zeigt zudem in zweifacher Hinsicht eine ungewöhnliche Herangehensweise an das Thema. Einerseits hat er kurz und bündig vorgeführt wie eine konkrete Verteilung der Flüchtlinge auf die europäischen Staaten funktionieren kann. Andererseits könnte der Eindruck entstehen, er hätte die Aufforderung eines italienischen Regierungsmitgliedes aus dem Jahr 2009 aufgegriffen. Damals verbaten sich mehrere italienische Politiker eine Einmischung der katholischen Kirche bezogen auf den Umgang mit Migranten und Migrantinnen unter dem Hinweis: „Dann nehmt ihr sie doch auf!“

In einem päpstlichen Kommissionspapier wurde 1976 der Satz formuliert: „Die ganze Kirche ist […] aufgerufen, als aktiver Sauerteig in der politischen Gesellschaft zu wirken.“ Dieser Satz ist ein Abbild des kirchlichen Selbstverständnisses, das sich in ihrem derzeitigen Oberhaupt vorbildhaft Bahn bricht. Doch um im Ganzen diesem Selbstverständnis gerecht zu werden, braucht es jede einzelne Person, die im eigenen Tun diese Verantwortung verwirklicht.

Die Autorin ist Diözesanreferentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes Diözesanverband Trier.