Kolumne: Spekulanten des Todes?

. Foto: Priv.
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Die Agrarpreise sind auf ein Rekordniveau gestiegen. Das ist gut für die Bauern. Aber es bringt all jene Konsumenten in existenzielle Bedrängnis, die von Armut betroffen sind. Sie können sich die hohen Preise oft nicht leisten. Hunger ist die Folge. In dieser Situation glauben manche, Schuld an der Misere seien Finanzspekulationen mit Agrarrohstoffen. Banken werden als „Hungermacher“ bezeichnet. Kritiker sprechen sogar von „Spekulanten des Todes“.

Einer wissenschaftlichen Überprüfung halten solche Vorwürfe allerdings nicht stand. Die Forschung kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass ausgerechnet die vielfach kritisierte Finanzspekulation wichtige Versicherungsfunktionen erfüllt und dass ein Verbot dieser Spekulation, wie es gegenwärtig gefordert wird, die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen würde.

Damit stellt sich die Frage: Worin genau liegt das Problem, und wie sehen mögliche Lösungen aus? Die hohen Preisausschläge sind das Resultat einer steigenden Lebensmittelnachfrage, die auf wetterbedingte Angebotsausfälle trifft. Die kurzfristige Lösung kann daher nur darin bestehen, dass man Einkommenstransfers an die Armen leistet oder ihnen die benötigten Lebensmittel im Rahmen humanitärer Nothilfe schenkt. Langfristig hingegen sind zahlreiche Politikoptionen verfügbar, um das globale Nahrungsmittelangebot systematisch zu steigern.

Gegenwärtig werden beträchtliche Agrarflächen genutzt, um Biosprit herzustellen. In Zeiten des Hungers sollte diese Politik vorübergehend ausgesetzt werden. In der EU werden Prämien gezahlt, um Agrarflächen bewusst brach liegen zu lassen. Hierfür sprechen ökologische Gründe. In Notzeiten sollten jedoch humanitäre Überlegungen dominieren: Zusätzliches Nahrungsangebot bekämpft den Hunger am wirksamsten.

In den letzten Jahren wurden die Mittel für Agrarforschung gekürzt. Die Produktivitätsfortschritte gingen zurück. Mittlerweile besteht eine deutliche Forschungslücke. Hier sind forcierte Anstrengungen erforderlich. Zusätzlich wird ein Know-How-Transfer benötigt, damit auch arme Länder schnell in den Genuss neuen Wissens kommen und ihre Nahrungsproduktion steigern können. Wir benötigen einen tiefgreifenden Reformansatz, der die traditionellen Überregulierungen und Fehlregulierungen des Agrarmarktes – vom Agrarprotektionismus ganz zu schweigen – systematisch abbaut und Schluss damit macht, dass in vielen Ländern dieser Welt immer noch ineffizient kleine Produktionseinheiten und veraltete Produktionsmethoden gefördert werden. Benötigt werden Leistungsanreize für größere Investitions- und Produktionsanstrengungen. Fazit: Den Hunger in der Welt zu bekämpfen, ist ein moralisches Anliegen erstes Ranges. Aber gerade deshalb kommt es darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Ansonsten läuft man Gefahr, die falschen Prioritäten zu setzen und sogar Maßnahmen zu favorisieren, die sich kontraproduktiv auswirken würden. Schließlich geht es bei diesem Thema um Leben und Tod.

Der Autor ist Wirtschaftsethiker an der Universität Halle-Wittenberg. Weitere Kolumnen unter www.ksz.de