Kolumne: Person, Staat und Naturrecht

Von Professor Peter Schallenberg

Professor Peter Schallenberg. Foto: KSZ
Professor Peter Schallenberg. Foto: KSZ

In den Debatten um Recht und Gesetz in unserem demokratischen Rechtsstaat ist oft und gern die Rede vom Naturrecht, auf dem unsere Rechtsordnung aufbaut und dem unsere Gesetze entsprechen sollen. Zuletzt war dies häufig der Fall in der Diskussion um die sogenannte „Ehe für alle“: Mehrfach wurde darauf verwiesen, das Naturrecht stehe einer Veränderung des Ehebegriffs im Wege, oder auch: vom Naturrecht sei klar, dass eine Ehe immer die seelische und körperliche Verbindung eines Mannes und einer Frau sei. Leider, und dies muss in aller Deutlichkeit so klar gesagt werden, ist dies durchaus nicht so klar, denn der Begriff vom Naturrecht ist zunächst schillernd und weniger eindeutig, als manchen lieb ist.

Zunächst meint Naturrecht in der altrömischen Zeit das, was die Natur, also Sitte und Gewohnheit, alle Menschen lehrt (Ulpian). Schon damals aber galt das unter bestimmten Vorbedingungen: Der Mann war der Frau übergeordnet, der freie römische Bürger war dem Sklaven übergeordnet, von Rechten der Kinder war überhaupt keine Rede. Man interpretierte also schon damals (wie auch heute oft) das in das Naturrecht hinein, was man wünschte als Ergebnis zu erhalten. Das Christentum verstand unter Naturrecht zunächst sehr richtig die grundlegende Gleichheit von Mann und Frau, weil beide Ebenbild Gottes sind. Von wirklicher Gleichberechtigung der Frau war freilich sehr lange gar keine Rede. Thomas von Aquin verstand unter dem Naturrecht konkreter drei naturhafte Neigungen des Menschen: zur Kopulation (Sexualität), zur Kommunikation (Wahrheit), zur Selbsterhaltung. Damit meinte er: Diese drei Neigungen kennzeichnen jeden Menschen von Natur aus, unabhängig von seiner Religion oder Weltanschauung, unabhängig also vom Glauben an Gott. Dieser Begriff von Naturrecht wurde dann nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden, also nach der konfessionellen Spaltung Europas und dem Beginn der Säkularisierung sehr wichtig: Naturrecht meint jetzt die unbezweifelbare Grundlage des rechtsstaatlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Konfession und Religion, oder auch ohne Konfession und Religion. In unserer Sprache: Naturrecht regelt das freie und an das Recht gebundene Zusammenleben in einer multikulturellen und wertpluralen Gesellschaft, indem es festhält, was an Grundwerten notwendig ist: Lebensrecht und Selbsterhaltung, Recht auf Wahrheit und Meinungsäußerung, Recht auf liebende Anerkennung und freie Gestaltung der Sexualität unter Erwachsenen. Was darüber hinausgeht, ist religiöse oder konfessionelle Überzeugung und darf nicht für alle Menschen im Staat zwingend verbindlich gemacht werden, da Staat und Kirche (Religion) prinzipiell getrennt sind.

Anders gesagt: Das moderne Naturrecht entspricht der menschlichen Vernunft und ist daher ein Vernunftrecht. Es entspricht der Goldenen Regel („Handle so, wie auch Du behandelt werden möchtest!“) oder der ersten Formel des Kategorischen Imperativs bei Immanuel Kant („Handle so, dass die Maxime Deines Handelns stets allgemeines Gesetz werden kann!“) oder auch der zweiten Formel des Kategorischen Imperativs („Handle so, dass Du die Menschheit in der Person eines anderen Menschen niemals bloß als Mittel zum Zweck, sondern stets als Zweck an sich betrachtest!“). Insbesondere letztere Überzeugung von Kant ist eine säkulare Übersetzung des christlichen Begriffs von Gottesebenbildlichkeit: Da der Mensch Gottes Abbild ist, darf er von keinem Menschen gegen seinen Willen instrumentalisiert werden, besonders nicht am Lebensanfang und Lebensende. Ohne Gott und im wertpluralen Staat gesetzlich verankert: Die Würde des Menschen kommt ihm von Natur aus (und nicht durch Abstimmung oder durch Zuerkennung von außen) zu und ist unantastbar, egal, ob ich dies mit oder ohne Gott begründe. Ein solches Naturrecht kann auch als Personenrecht bezeichnet werden und bildet beispielsweise die Grundlage für den ethischen Personalismus bei Karol Wojtyla (Papst Johannes Paul II.): Jeder Mensch ist vom frühest möglichen Zeitpunkt seines Lebens (individualgenetischer Code) bis zum spätest möglichen Zeitpunkt (irreversibler Hirn- beziehungsweise Herztod) unantastbar und unbedingt zu schützen. Das ist der ethische Kern unserer Rechtsordnung und unseres Staates. Man kann darüber hinaus durchaus noch mehr wünschen oder für wünschenswert halten, katholisch etwa die Identifizierung der eigenen Person mit dem biologischen Geschlecht oder die Unauflöslichkeit der Ehe oder das Verbot künstlicher Befruchtung, aber zwingend vorschreiben in der Gesetzesordnung wird man in einem prinzipiell säkularen Staat in unserer Zeit nur das „minimum morale“, also ein bioethisch relevantes Naturrecht als Personenrecht und Lebensrecht und Entfaltungsrecht für Mann und Frau in gleicher Weise, unabhängig von möglicher Einschränkung oder auch schwerster Behinderung. Dem entspricht Artikel 1 unseres Grundgesetzes, und dem entspricht unser hoch entwickelter Sozialstaat.

Für den Christen und den Katholiken fängt dann freilich erst die Arbeit an, denn dann geht es ja auf der Grundlage des Lebensrechtes und der Entfaltung der Person um Mission und Evangelisierung. Dann geht es um die Überzeugung (mit Argumenten und guten Beispielen) von der Liebe und Güte Gottes. Und das geht weit über das Recht und über Gesetze hinaus: Hier ist das eigentliche Feld der Bewährung des Christen und der Kirche! Überleben gelingt auch ohne Gott, wahrhaft gutes Leben gelingt nach christlicher Überzeugung nur mit Gott. Das freilich kann nicht per Gesetz verordnet, sondern nur glaubhaft und liebend vermittelt werden.

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach und Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn.