Mönchengladbach

Kolumne: Neue Arbeitswelt

Arbeit ist weit mehr als bloßer Broterwerb oder nur ein Job, Arbeit ist Entfaltung der von Gott geschenkten Talente und damit Entfaltung der Persönlichkeit.

Peter Schallenberg, Autor der Kolumne
Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ. Foto: KNA

Die katholische Soziallehre betont schon immer den Vorrang der menschlichen Arbeit vor dem Kapital. Das heißt: Arbeit ist weit mehr als bloßer Broterwerb oder nur ein Job, Arbeit ist Entfaltung der von Gott geschenkten Talente und damit Entfaltung der Persönlichkeit, also Beitrag zur Heiligung im Alltag und zur Verwandlung der Welt.

Die Arbeitswelt verändert sich rasant

Ganz fromm und richtig ausgedrückt: Vorbereitung der guten Ewigkeit Gottes! Aber die Welt der Arbeit verändert sich rasant seit der ersten Sozialenzyklika eines Papstes, nämlich Leo XIII., im Jahre 1891, als es nur Landwirtschaft, industrielle Produktion, Handwerk und Verwaltung als Felder der Arbeit gab. Und natürlich: Familienarbeit, aber davon sprach bezeichnenderweise niemand.

Obwohl jede Menge Arbeit, weit mehr vermutlich als heute, in der großen Familie anfiel. Drei neue Herausforderungen stehen vor der Tür oder sind schon eingetreten. Zunächst die Sorgearbeit in Familien. Laut Statistischem Bundesamt arbeiten Erwachsene durchschnittlich 45 Stunden pro Woche, davon 21 Stunden im eigentlichen Beruf und 24 Stunden in unbezahlten Tätigkeiten, auch Ehrenamt genannt. Diese machen bei Frauen sogar zwei Drittel des Arbeitsumfangs aus. Familienarbeit, zum Großteil von Frauen übernommen, ist aber grundsätzlich unbezahlt, und erst seit kurzem in der Mütterrente erfasst, immerhin eine späte Korrektur der Gerechtigkeitslücke.

Frauen verdienen weniger als die Hälfte

Nach wie vor aber verdienen Frauen im gesamten Verlauf des Erwerbslebens durchschnittlich unter 50 Prozent des Einkommens von Männern; die Teilzeitquote der Väter liegt bei 6 Prozent und die der Mütter bei 70 Prozent. Angehörige von nicht-verheirateten Familien und Alleinerziehende profitieren nach wie vor kaum von der aktuellen Familien- und Sozialpolitik. Hinzu kommt die zweite Herausforderung, nämlich die Pflege. Mehr und mehr verschiebt sich nämlich die klassische Familienarbeit mit Kindern hin zur Pflegearbeit.

Die Zahl der Pflegebedürftigen übersteigt schon längst die Anzahl der Kinder unter drei Jahren und wird im Jahre 2030 auf fast 5 Prozent der Gesamtbevölkerung steigen. Dabei ist die private Pflege ungeheuer wichtig: Etwa 90 Prozent werden von einer sogenannten Hauptpflegeperson betreut, die nicht hauptberuflich tätig ist, also wiederum quasi ehrenamtlich arbeitet. Diese Sorgearbeit erfolgt auch in der Pflege sehr häufig parallel zur Berufstätigkeit, auch wenn immer weniger die Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit gelingt.

Mehr professionelle Pflege

Daher weitet sich der professionelle Pflegedienst aus, bei weiterhin zum Teil skandalöser personeller Unterversorgung und Unterbezahlung. Daraus ergibt sich als dritte Herausforderung ein sogenannter „atmender Lebenslauf“, wie ihn zum Beispiel schon länger das „Kolpingwerk Deutschland“ (Michael Hermes/ Victor Feiler) vertritt: Wer pflegt, darf keine Nachteile haben. Und: In Zukunft kann man bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 85 Jahren von 60 Jahren Tätigkeit ausgehen, die idealerweise je ein Drittel umfassen und gerecht gleich bezahlt würden: Familienarbeit, Berufsarbeit, ehrenamtliches Engagement.

Das Ziel wird sein, eine neue Gestaltung von Arbeitsleben zu ermöglichen und gerecht zu bezahlen, das aus wechselnden Phasen der Erwerbsarbeit, der Sorgearbeit, der Bildung und des Ehrenamts besteht.

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