Würzburg

Kolumne: Moral-Bankrott der fossilen Gesellschaft

Allzu lange hat die Gesellschaft die Realität des Klimawandels vor sich her geschobene. Ein kollektives moralisches Versagen. Nun steht eine neue Generation auf und macht ihre Wut bemerkbar.

Klima-Demonstration "Fridays for Future"
Greta Thunberg in Berlin: Man nimmt ihr tatsächlich ab, einzig und allein für die Sache kämpfen zu wollen. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Seit gut einem Jahr wird der fossilen Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. In der „Fridays for Future“-Bewegung artikuliert sich die Wut einer Generation, die sich um ihre Zukunft betrogen sieht. An den Reaktionen der Adressaten der mittlerweile global stattfindenden freitäglichen „Schulstreiks für das Klima“ lässt sich ablesen, dass sie erahnen, welche desaströse Aussicht sich böte, wenn sie denn den Blick auf sich selbst wagten. Es zeigt sich ein kollektives moralisches Versagen, das sich dadurch verdrängen und verschleiern ließ, dass seine Folgen in räumlicher wie zeitlicher Distanz verortet und damit hochgradig abstrakt wurden.

Das machte es allzu leicht, sich nicht verantwortlich zu fühlen für die Konsequenzen des eigenen Handelns. Die langen und komplexen Wirkungsketten ökologischen Fehlverhaltens verleiten dazu, weder die Vermüllung der Weltmeere, noch das massiv beschleunigte Artensterben oder den Klimawandel als moralisches Problem zu begreifen, das uns etwas angeht.

kolumne: Moral-Bankrott der fossilen Gesellschaft
Die Autorin ist Wissenschaftliche Assistentin des Direktors des Forschungsinstitut für Philosophie Hannover.Die Kolumne ...

Die Jugend profitiert nicht von der Kultur des Konsums

Diese Umgehung des Gewissens durch Abstraktion wird nun durch die vor allem jungen Menschen, die auf die Straße gehen, um für eine andere Umweltpolitik zu protestieren, empfindlich gestört. Die, die von der Kultur des Konsums und des Wachstums, in der man sich bequem eingerichtet hat, nicht mehr profitieren, sondern vielmehr deren Kosten zu tragen haben werden, melden sich lautstark zu Wort. Die Betroffenen haben plötzlich ein Gesicht. Sie befinden sich nicht mehr jenseits des solidarischen und empathischen Horizonts, auf den man sich stillschweigend eingespielt und an dem man seine Handlungsrationalitäten ausgerichtet hatte: Die kulturell und sozial Marginalisierten der Gegenwart waren dabei genauso wenig Teil des Gerechtigkeitsempfindens wie der Solidargemeinschaft. „Fridays for Future“ macht ernst mit der Forderung nach intergenerationeller Gerechtigkeit.

Dazu gehört zum einen, endlich die Erkenntnisse der Wissenschaft bei der gesellschaftlichen Willensbildung und politischen Entscheidungsfindung einzubeziehen. Der jüngste Sonderbericht des Weltklimarats ist unmissverständlich: Es muss alles darangesetzt werden, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Dies kann nur gelingen, wenn das fossile Kapitel der Menschheitsgeschichte schnellstmöglich, nämlich bis spätestens 2050, beendet wird.

Es geht aber nicht nur darum, das für eine lebenswerte Zukunft Notwendige und schlicht durch die Umstände Gebotene zu tun. Klammert man die Frage nach dem Überleben ein, so zeigt sich, dass es mindestens ebenso dringlich darum geht, die eigene Menschlichkeit zu wahren. Unabhängig davon, inwiefern individuelle Verhaltensänderungen – und die institutionellen und systemischen Änderungen, die anzustreben sind – dazu beitragen, den Verlauf der Klimakatastrophe wenn schon nicht abzuwenden, dann wenigstens zu mildern, ist deutlich, dass ein Nicht-Handeln bedeutet, sich schuldig zu machen. Jetzt nicht alle gesellschaftliche Anstrengung „for Future“ zusammenzunehmen, wäre eine kollektive menschlich-moralische Bankrotterklärung.