Kolumne: Menschenwürdige Arbeit

Markus Demele

Dr. Markus Demele. Foto: KNA
Dr. Markus Demele. Foto: KNA

Zuletzt war die Beerdigung des früheren Erzbischofs von Köln Kardinal Joachim Meisner Grund, die Unterschiede und theologischen Differenzen zwischen den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus herauszustellen. Ersterer hatte in seiner Grußbotschaft geschrieben, Meisner habe in seiner letzten Lebensphase immer mehr aus der tiefen Gewissheit gelebt, „dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“. Auch nach dem Dementi von Erzbischof Gänswein wurde dies als Seitenhieb gegen Franziskus gedeutet, der ja – um im Bild zu bleiben – das drohende Kentern des kirchlichen Bootes eher auf falschen Ballast an Bord zurückführt, als auf die globale Großwetterlage.

Gleich welcher Deutung man sich anschließen mag, so ist es doch wohltuend, auch zwischen diesen beiden mindestens charakterlich sehr verschiedenen Päpsten inhaltliche Kontinuitäten erkennen zu können. Eine der bedeutsamsten ist mit Sicherheit die Unzweideutigkeit, mit der beide auf den Schutz menschlicher Arbeit hinweisen. Denn beiden ist klar: bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Menschen dieser Erde auf ihrer Hände und Köpfe Arbeit angewiesen. Unbedingte Menschenrechte daher gerade für den Bereich der Arbeit einzufordern, ist seit Jahrzehnten Teil der Sozialverkündigung der Päpste. Benedikt zitierte in seiner Enzyklika Caritas in Veritate (Nr. 63) sogar ausführlich die Forderungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die seit bald 100 Jahren Menschenrechtsstandards bei der Arbeit definiert. Auch Franziskus weiß aus unmittelbarer Anschauung, was es bedeutet, wenn Arbeitsrechte missachtet werden und Arbeiterinnen und Arbeiter Unternehmern und Managern schutzlos ausgeliefert sind. Nicht nur in seiner lateinamerikanischen Heimat, sondern nahezu überall auf der Welt werden Frauen, Männern und auch arbeitenden Kindern fundamentale Sicherheiten vorenthalten – vor allem wenn sie gezwungen sind, in der informellen Wirtschaft zu arbeiten. Eine medizinische Grundversorgung, die Zahlung von Krankengeld, Arbeitslosengeld, Altersrenten, Arbeitsunfallversicherung, Mutterschaftsgeld sowie Berufsunfähigkeitsrenten sind für deutsche Arbeitnehmer selbstverständlich, in Afrika, Asien und Lateinamerika jedoch meist ferne Wünsche.

Die Dringlichkeit und Klarheit, mit der Franziskus die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft anklagt, hat es wohl seit Pius XI. und seiner Enzyklika Quadragesimo anno 1931 nicht mehr gegeben. Gebraucht wird diese Vehemenz: Wenn die G20 über die Rettung des Klimas und den Kampf gegen den Terror die Armutsbekämpfung fast vergessen, muss ein Papst aufschreien. Statt die vermeintlichen Fehler der „klassischen Entwicklungshilfe“ zu rügen, sollte sich die deutsche Bundeskanzlerin dafür stark machen, dass in den Wertschöpfungsketten, die zu Produkten führen, die dann in Europa in den Geschäften landen, auch tatsächlich basale Arbeitsrechte durchgesetzt werden. Solange auch deutsche Unternehmen und Konsumenten von der Missachtung der Standards menschenwürdiger Arbeit in ärmeren Ländern profitieren, ist jede Schelte derer, die sich um Armutsbekämpfung bemühen, zynisch. Wenn Deutschland und die G20 meinen, allein privates Kapital würde etwa in Afrika Wachstum und Wohlstand bringen, ohne dabei auch sicherzustellen, dass die normativen Grundlagen menschenwürdiger Arbeit garantiert werden, wiederholen sie die Fehler der 1980er Jahre. Dass Deregulierung und Privatisierung für viele Volkswirtschaften tödlich waren, haben mittlerweile selbst der Weltwährungsfond und die Weltbank eingesehen. Solange Menschen in aller Welt nicht nur irgendwelche, sondern menschenwürdige Arbeit garantiert ist, wird auch Franziskus' Nachfolger die Kontinuität wahren müssen: Anwalt zu sein für jene, die trotz Arbeit in permanenter Unsicherheit und Todesgefahr leben müssen.

Der Autor ist Generalsekretär des Internationalen Kolpingwerks.