Mönchengladbach

Kolumne: Menschenwürde in (Liefer-)ketten

Business & Human Rights Ressource Centre veröffentlicht Studie Wahrung der Menschenrechte in der Unternehmensführung.

Markus Demele, Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle
Der Autor ist Generalsekretär von Kolping International.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle. Foto: privat
Markus Demele, Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle
Der Autor ist Generalsekretär von Kolping International.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozial... Foto: privat

„Gute Unternehmensführung“ ist für die meisten Großunternehmen in den letzten Jahren zu einer Standardvokabel in Hochglanzbroschüren und Jahresberichten geworden. Kunden, Stakeholder und bisweilen sogar Shareholder erwarten von den großen Firmen, dass Sie neben einer guten Eigenkapitalrendite auch die Wahrung der Menschenrechte im Blick haben. Jedoch gehört zur Wahrheit, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Großunternehmen diesen plakativ demonstrierten Selbstansprüchen nicht nachkommt und Menschenrechtsverletzungen in ihren Wertschöpfungsprozessen nicht hinreichend bekämpft.

Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in 2 von 20 Unternehmen

Das Business & Human Rights Ressource Centre hat nun im November anhand der öffentlich zugänglichen Informationen für 20 deutsche Unternehmen auf der Grundlage von sektorübergreifend anwendbaren Kernindikatoren eine Bewertung veröffentlicht. Diese Kernindikatoren umfassen drei Bereiche: Governance-Strukturen und Selbstverpflichtungen; Einbettung der Achtung der Menschenrechte und der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht; sowie Beschwerdemechanismen und Abhilfe bei Verstößen. Laut der Studie belegen 18 von 20 der Unternehmen nicht ausreichend, wie sie mit ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht im Prozess der Leistungserbringung umgehen. Nur zwei Unternehmen, Daimler und Siemens, erhielten Punkte für alle vier Indikatoren, die sich mit Verfahren menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht befassen.

Diese Ergebnisse stützen die Erkenntnis eines breiten Bündnisses von über 70 kirchlichen, gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, das einen „gesetzlichen Rahmen“, ein „Lieferkettengesetz“ auch in Deutschland fordert. Bis tief in die Lieferkette hinein, auf die Baumwollplantagen oder in die Cobalt-Minen, bis in die Fabriken und Transportwege sollen Unternehmen verantwortlich gemacht werden für die Produkte, mit denen sie letztlich ihr Geld verdienen. Dass dies geht, zeigen einige Unternehmen, die dies bereits seit vielen Jahren erfolgreich tun wie Tchibo, Vaude und andere.

Aufruf der Bundesregierung folgten nur wenige Unternehmen

Binnen weniger Wochen zeichneten über 75 000 Menschen eine Online-Petition, in der die Bundesregierung zum Handeln aufgerufen wird. Weniger gut war die Resonanz der von der Bundesregierung angefragten Unternehmen mit der Bitte, sich an einer Umfrage zu beteiligen, inwieweit sie sich bereits um Sorgfaltspflichten in der Lieferkette kümmerten: Wegen ausbleibender Rückmeldungen wurde die Frist abermals verlängert und Antwortkategorien wie „Bald-Erfüller“ eingeführt. Denn wenn mehr als die Hälfte der großen Unternehmen mit über 500 Mitarbeitenden bereits solche Prozesse umsetzt, wird es im nächsten Jahr doch kein Lieferkettengesetz geben. So sieht es der Koalitionsvertrag vor.

Die christliche Orientierung in dieser Frage ist recht einfach: Als Ebenbild Gottes genießt jeder Mensch den Schutz seiner Würde, die Achtung seiner Rechte als Mensch – auch und gerade bei der Arbeit. Denn für die meisten Menschen der Welt ist Arbeit alternativlos. In Broschüren und Absichtserklärungen gibt es sie bereits, die Welt der Arbeit ohne Ausbeutung, Kinder- und Sklavenarbeit, ohne Missbrauch. Jetzt muss sie endlich bei Strafandrohung einklagbar werden.

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