Mönchengladbach

Kolumne: Kultur des Lebens

Vor 25 Jahren, am Fest Mariä Verkündigung, erschien die Sozialenzyklika "Evangelium vitae" von Papst Johannes Paul II.

Johannes Paul II. beim Unterzeichen einer Enzyklika
Papst Johannes Paul II. beim Unterzeichen einer Enzyklika. Foto: Arturo_Mari (POOL)

Vor genau 25 Jahren, am 25. März 1995, erschien eine für die katholische Sozialethik äußerst wichtige Enzyklika von Papst Johannes Paul II.: „Evangelium vitae“. Das Datum war nicht zufällig gewählt. Denn Johannes Paul II. wollte mit dem 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung, an die feierliche Gründung der Europäischen Gemeinschaft mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 erinnern und an die christlich geprägten Ideen der drei Gründerväter Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer von einer Neugründung Europas. Denn das war ja der alte Sinn des 25. März, der nach jüdischer Zeitrechnung als Tag der Erschaffung der Welt (und damit dann des Menschen) galt, und auf den deswegen in der frühen Kirche der Tag der Neuschaffung der Welt mit dem Ja-Wort der neuen Eva, Marias nämlich, gelegt wurde.

12 Sterne

Endgültig festgelegt wurde damit auch das Datum von Weihnachten, dem Geburtsfest des neuen und endgültigen Menschen. Die Gründungsväter waren sich dieser marianischen Tradition bewusst und wählten deshalb auch die zwölf Sterne (und nicht etwa sechs für die damalige Zahl der Mitglieder der EWG) als Symbole Europas in Anlehnung an die zwölf Sterne um das Haupt Mariens in der Geheimen Offenbarung des Johannes. Diese zwölf Sterne wiederum erinnern an die zwölf Stämme des auserwählten Volkes Israel und deren Fortführung im neuen Volk Gottes, der Kirche, durch die zwölf Apostel. Damit ist an die Stelle der Anarchie des Todes seit Kain und Abel jetzt die Ordnung der Liebe und des Lebens durch die Offenbarung Christi und durch das Christentum getreten.

Kultur des Lebens und des Todes

Johannes Paul II. verwendet deswegen in seiner Enzyklika durchgehend die gegensätzlichen Begriffe „Kultur des Todes“ und „Kultur des Lebens“. Da der Mensch dem Menschen zum Wolf werden kann, bis hin zur sozialversicherten Abtreibung und zum krankenkassenfinanzierten assistierten Suizid, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten einer Lösung: Entweder es gilt das Recht des Stärkeren – oder aber es gilt das Recht des Schwächeren. Darauf bauen die Überlegungen des Papstes zur Kultur des Lebens durch eine christlich geprägte Verfassung und Gesetzgebung auf, und darauf baut genauso eine von Johannes Paul II. wesentlich geprägte moderne katholische Soziallehre auf: Es geht um ein ganzheitliches Verständnis vom Menschen als Ebenbild Gottes, und damit als Ebenbild der Liebe, die weit mehr ist als Zuteilung von Rechten.

Oder besser: Von Gott her (und in Erinnerung an den 25. März 1957: von Maria her) entpuppt sich das eigentliche Recht des Menschen als Grundrecht, geliebt zu werden. Welcher Staat aber und welche Krankenversicherung könnte solch ein fast wahnwitziges Recht einlösen, welches weltliche Gericht solch eine Klage auf Anspruch auf umfassende Liebe annehmen? Solche Klage nimmt nur Gott an und er beantwortet sie mit der Antwort des Menschen in einer umfassenden Kultur des Lebens, das lebenswert nicht schon dadurch ist, dass Überleben garantiert wird, sondern dass Liebe in Aussicht gestellt wird. Liebe aber kommt niemals von noch so gut konstruierten und gut gefüllten Sozialkassen, sondern nur von Personen. Und deswegen ist die Person innerster Kern jeder christlichen Sozialethik und jedes Sozialstaates.

 

Der Autor Prof. Dr. Peter Schallenberg ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Zentra

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