Kolumne: Herausforderung für ganz Europa

Von Marco Bonacker

Obwohl schon in wenigen Wochen das neue Ausbildungsjahr für die meisten neuen Azubis beginnen wird, sind noch über 147 000 Lehrstellen unbesetzt. Ein Fakt, der zunächst positiv stimmt, macht er doch deutlich, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt besonders für junge Menschen in Deutschland keineswegs hoffnungslos ist. Demgegenüber darf aber nicht verschwiegen werden, dass es trotzdem eine Versorgungslücke an Lehrstellen gibt: So sind nämlich aktuell etwa 200 000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz. Die Gründe für diesen Befund liegen in den branchenspezifischen Unterschieden des Handwerks, regionalen Angebotsunterschieden, aber auch – und das ist das Problematischste – der mangelnden Qualifikation vieler Bewerber. Gerade der letzte Punkt lässt den Blick ins europäische Ausland richten. Besonders im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise ist Jugendarbeitslosigkeit zu einem drängenden Problem geworden und entwickelt sich mehr und mehr zu einer gesamteuropäischen Herausforderung. Allen bisherigen Bemühungen zum Trotz sind die aktuellen Zahlen für die unter 25-Jährigen ernüchternd: Griechenland mit 59 und Spanien mit 56 Prozent, aber auch Portugal mit 42 und Italien mit 38 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, illustrieren die Problematik. Auch EU-Neumitglied Kroatien mit über 52 Prozent Jugendarbeitslosigkeit findet sich ganz oben in der Statistik. Es ergibt sich so in der EU eine durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit von 23 Prozent. Fast ein Viertel der europäischen Jugendlichen steht nicht nur vor einer ungewissen Zukunft, sondern befindet sich schon mitten in der Krise. Dieser Umstand birgt nicht nur erhebliches soziales Konfliktpotenzial, sondern erhöht auch die Bereitschaft der mitunter gut ausgebildeten Jugendlichen aus Krisenländern, ihre Heimat zu verlassen und Arbeit dort zu suchen, wo sie ist. Deutschland mit „nur“ acht Prozent Jugendarbeitslosigkeit ist zu einem attraktiven Ziel geworden. 2012 kamen allein aus Griechenland, Spanien und Portugal schon 64 Prozent mehr Menschen aufgrund besserer Jobaussichten nach Deutschland als noch ein Jahr zuvor. Nicht wenige deutsche Politiker sehen in dieser krisengenerierten Arbeitsmigration nicht nur die Lösung für den Fachkräftemangel, sondern für den deutschen Arbeitsmarkt überhaupt. So wollte Ursula von der Leyen schon 2012 „talentierte junge Menschen aus Nachbarländern mit hoher Arbeitslosigkeit nach Deutschland lotsen“. Was man in Deutschland kurzsichtig als Lösung betrachtet, könnte sich für die Herkunftsländer jener Arbeitskräfte jedoch verheerend auswirken – und das nachhaltig. Ihnen entgeht die Arbeitskraft und Kreativität einer ganzen Generation und nicht zuletzt auch ihre Rentenbeitragszahlung. Der Schaden wäre auf lange Sicht immens. Gesamteuropäisch gesehen ist ein solcher Arbeitstransfer langfristig also keine Lösung, schwächt er doch angeschlagene Regionen noch mehr, anstatt die dortigen Bemühungen zur ökonomischen und gesamtgesellschaftlichen Konsolidierung und Entwicklung zu stärken. Zugleich sind jene Länder aber auch in der Pflicht, gerade auf dem Sektor der Bildung und Ausbildung neue Wege zu gehen. Man darf an dieser Stelle fragen: Was hat Deutschland in dieser Hinsicht besser gemacht, weist es doch die geringste Quote in der Statistik zur Jugendarbeitslosigkeit auf? Eine Antwort lautet: Es gibt ein duales Ausbildungssystem, das junge Menschen theoretisch wie praktisch auf spezifische Arbeitsbereiche vorbereitet. Neben der universitären und fachhochschulischen Bildung ist es gerade das duale Ausbildungssystem, durch das sich Deutschland von anderen Ländern unterscheidet. Spanien hat dies bereits erkannt und wendet in vielen Pilotprojekten das deutsche System an, um praxisnah und daher zielorientiert ausbilden zu können. Vor allem technische Berufe können davon nur profitieren. Erste Anfänge sind also gemacht, um einem der drängendsten Probleme zu begegnen, das Europa gemeinsam lösen muss und zwar dort, wo es entsteht. Kurzfristiges und auf rein nationale Interessen ausgerichtetes Denken führt hier in die Sackgasse. Vielmehr ist die Jugendarbeitslosigkeit eine wirkliche Bewährungsprobe für das gemeinsame europäische Projekt.

Marco Bonacker ist Mitarbeiter der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle und Dozent für Wirtschaftsethik an der FH Hamm-Lippstadt.