Kolumne: „Goldene Regel“ und Spieltheorie

Von Johannes Zabel OP

Pater Johannes Zabel. Foto: priv.
Pater Johannes Zabel. Foto: priv.

Können Bibel und ökonomische Theorie zusammenfinden? Sie können. Denn es gibt eine Schnittmenge im Bereich der Handlungstheorie: die „Goldene Regel“. Sie ist in der Bibel zweimal erwähnt – im Matthäus-Evangelium (7,12 – Bergpredigt) und im Lukas-Evangelium (6, 31 – Feldpredigt). Sie lautet: „Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“. Die „Goldene Regel“ ist mehr als nur eine Klugheitsregel, sie ist eine Handlungsempfehlung.

Die „Goldene Regel“ ist handlungstheoretisch zweischichtig aufgebaut. Sie besitzt zunächst einen reziproken Inhalt – eine gegenseitige Handlung von Leistung und Gegenleistung, das do-ut-des-Prinzip: „wie du mir, so ich dir“. Das ist auch die Grundlegung der Ökonomie. Doch dieses Denken in Nützlichkeiten ist genau das nicht, was Jesus fordert. In Lk 6,32 spricht Jesus: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.“ Auch die Sünder beachten also das Prinzip der Reziprozität: weil es ihnen nützlich ist, weil es allgemein nützlich ist.

Diese Logik des gegenseitigen Handelns ist nur die eine Seite der „Goldenen Regel“. Mit der Reziprozität allein wäre diese Regel aber ein Fremdkörper in der Berg- und Feldpredigt. Aber die „Goldene Regel“ enthält noch eine weitere Handlungsebene, die diese Regel erst zur „Goldenen“ macht. Das ist der erste Schritt, um eine Handlungskette zu beginnen. Dieser erste Schritt ist eine zunächst einseitige Handlung – weil noch unbekannt ist, ob diesem ersten Schritt ein weiterer folgen wird.

„Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“: Hier steht am Anfang eine Erwartung, die man von anderen hat, die man aber selber zuerst in die Tat umsetzen soll. Die Erwartung soll zur Tat werden. Es ist ein erster, aktiver Schritt zu tun. Wenn jeder auf den anderen wartet, geschieht nichts. Aber der Anfang einer Handlungskette muss gemacht werden. Dieser Anfang ist in einer unsicheren Situation durchaus ein einseitiger Akt, bevor mit einer positiven Antwort eine zweiseitige Handlungskette mit Aktion und Reaktion folgen kann.

Das aktive Element, der erste Schritt, ist das Entscheidende. Die reaktive Antwort erfolgt leichter. Die Goldene Regel umfasst beide Handlungs-Ebenen: die einseitige Handlung am Beginn, der erste Schritt, und die Antwort, die zur Zweiseitigkeit führt. Der erste Schritt ist aber der wichtigere Schritt: Ein Katalysator, der eine Entwicklung erst in Gang setzt. Damit ist diese Regel auch ein sinnvoller Bestandteil von Berg- und Feldpredigt, die die Feindesliebe predigen. Auch dort ist der erste Schritt der wichtigere.

In der Ökonomie gibt es die „Spieltheorie“, die Handlungen als „Spiele“ versteht. Und hier hat sich das Prinzip der Reziprozität bei einem freundlichen „Spielzug“ als Auftakt als bestes Prinzip herausgestellt. Am Beginn steht auch hier ein zunächst einseitiger Schritt – mit der Hoffnung auf weitere Schritte.

In der wirtschaftsethischen Debatte wird die Goldene Regel herausgestellt und mit einem Sprichwort verglichen: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch niemand anderem zu.“ Aber in dieser Aussage des „Wie du mir, so ich dir“ fehlt der entscheidende erste Schritt. Dieses Sprichwort ist die Negativformulierung der Goldenen Regel und wird deshalb auch als Silberne Regel betrachtet und steht im Alten Testament im Buch Tobith 4,15: „Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu!“. Die Goldene Regel ist ein friedensstiftendes Prinzip in Bibel und Ökonomie. Beide bilden hier keinen Gegensatz, sondern eine Schnittmenge und damit eine Goldene Brücke.

Pater Johannes Zabel OP, Dominikaner und Volkswirt, ist Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde und des Mentorates an der Universität Vechta