Würzburg

Kolumne: Gerechte Preise für Arzneimittel

Man kann nun der Pharmaindustrie nicht einfach vorwerfen, dass sie Gewinne machen will. Das ist im Markt nun mal so.

Medikamente
Tabletten, Kapseln und Pillen in verschiedenen Farben liegen in einem Medikamenten-Behälter einer Apotheke. Foto: A3634/_Friso Gentsch (dpa)
kolumne: Gerechte Preise für Arzneimittel
Der Autor ist Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe Hochschule in Fürth.Die Kolumne erscheint i...

Wie kommen wir zu gerechten Preisen für Medikamente? Innovatives im Dienst der Menschen zu entwickeln, hat seinen Preis, gerade bei Arzneimitteln und Therapien für seltene Krankheiten. Nicht wenige Forschungsgelder fließen aber in die Entwicklung von Medikamenten, die zwar Pharmaunternehmen viel Geld, Patienten aber gegenüber vorhandenen Vergleichstherapien kaum medizinischen Nutzen erbringen. Das solidarische Gesundheitswesen finanziert das mit.

An anderer Stelle fehlen dann die Gelder. Um Kosten zu sparen, werden klinische Studien in armen Ländern durchgeführt. Man kann nun der Pharmaindustrie nicht einfach vorwerfen, dass sie Gewinne machen will. Das ist im Markt nun mal so. Ihnen staatlich vorzuschreiben, woran und wo sie forschen sollen, widerspricht unserem freiheitlichen System, ebenso die Verordnung von Höchstpreisen.

Unterschiedliche Interessen: Patienten, Kassen, Unternehmen

Patienten, Kassen und Unternehmen verfolgen unterschiedliche Interessen. Das seit 2011 geltende Arzneimittelneuordnungsgesetz will hier für Gerechtigkeit sorgen, indem die Interessen zum Ausgleich kommen sollen: Im ersten Jahr nach Zulassung eines Medikaments kann das Pharmaunternehmen den Preis frei festlegen. Danach erfolgt durch den Gemeinsamen Bundesausschuss die Prüfung des Zusatznutzens der vermeintlichen Innovation. Die neue Arznei wird in ihren Wirkungen etwa auf Lebensdauer und Lebensqualität verglichen mit bewährten Therapien. Auf dieser Grundlage handelt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit dem pharmazeutischen Unternehmen den Erstattungsbetrag aus.

Von medizinethischer Seite wird in dem Verfahren mehr Evidenz in den klinischen Studien gefordert. Die Finanzierung der Studien durch die Industrie verhindere objektive Resultate. Das Ergebnis: Zulassung und Nutzenbewertung fallen zu Lasten der Kassen und Patienten aus. Und: Statt in die Entwicklung wirksamer Innovationen würden Forschungsgelder in lukrative Märkte (etwa im Bereich von Krankheiten der alternden, vermögenden Industrienationen) fließen. Felder der Innovationsforschung blieben dagegen unbestellt. Auch werden vor Prüfung des Zusatznutzen bisweilen Fantasiepreise verlangt.

Zusatznutzen schon bei Zulassung von Medikamenten berücksichtigen

Stattdessen könnte der Zusatznutzen schon bei der Zulassung von Medikamenten berücksichtigt werden. Das Innovationsrisiko könnte nach angelsächsischem Vorbild zwischen Unternehmen und Kassen aufgeteilt werden. Das stärkt Anreize für innovative Forschung. Auch ließe sich der zwischen GKV und Unternehmen ausgehandelte Preis ex post für den Vertrieb im ersten Jahr nach Zulassung ansetzen. Überzogene Preise zögen entsprechende Rückzahlungen nach sich. Diese Aussicht würde die Preisbildung im Jahr nach Zulassung deutlich dämpfen.

Kostenersparnis durch Studien in armen Ländern sind hingegen nicht hinzunehmen, wenn dabei Not ausgenutzt wird, um möglicherweise gesundheitlich riskante Tests durchzuführen oder bei gefährlichen Krankheiten Placebo-Therapien durchzuführen. Wo ein Gesundheitssystem begünstigt, in dieser Weise Not auszunützen, liegt ein grundlegender Systemfehler vor.