Kolumne: Gegen den Hunger kämpfen

Von Professor Johannes Wallacher

Johannes Wallacher. Foto: priv.
Johannes Wallacher. Foto: priv.

Die weltweite Hungerkrise verläuft schleichend und erregt bestenfalls bei akuten Hungersnöten für einige Tage „mediale Aufmerksamkeit“. Ihr Ausmaß ist aber umso dramatischer. Derzeit leiden knapp eine Milliarde Menschen an chronischem Hunger und doppelt so viele können sich nicht ausgewogen ernähren, obwohl die globale Nahrungsmittelproduktion in den letzten Jahren stärker gewachsen ist als die Weltbevölkerung.

Hunger ist die Folge verschiedener, sich wechselseitig verstärkender politischer und ökonomischer Fehlentwicklungen in den einzelnen Ländern selbst wie auf internationaler Ebene. Despotische Regime, Bürgerkriege und politische Unruhen steigern das Risiko von Hungersnöten beträchtlich. Zudem haben die meisten Entwicklungsländer in den letzten Jahrzehnten kaum in die ländlichen Räume investiert – eine mehr als tragische Fehleinschätzung, die auch von der internationalen Entwicklungszusammenarbeit mit befördert wurde. Die meisten dieser Länder sind heute auf Nahrungsmittelimporte angewiesen, da ihre Landwirtschaft zu wenig produktiv ist. Die Mehrzahl der Landwirte können sich weder Saatgut noch Dünger leisten, sie haben wenig Ausbildung und verfügen oft auch über keine sicheren Landrechte.

Die jeweiligen Länder müssen daher erst einmal selbst die Voraussetzungen schaffen, um allen Menschen Zugang zu ausreichender Ernährung zu ermöglichen. Die landwirtschaftliche Produktion ist in unserer globalen Welt allerdings immer auch höchst abhängig von externen Einflüssen. Derzeit gibt es vor allem fünf Problembereiche, welche die Handlungsspielräume der von Hunger bedrohten Menschen und Länder erheblich beschneiden:

Erstens: Der gezielte Anbau nachwachsender Energierohstoffe, der durch eine höchst fragwürdige staatliche Förderungspolitik auch in der EU deutlich ausgebaut wurde. Dies erhöht den Flächenverbrauch in den Entwicklungsländern und verschärft damit die Konkurrenz um ohnehin schon knappes Land und Wasser. Zweitens: Die wachsende Nachfrage nach Nahrung, Futtermitteln und Agrartreibstoffen verschärft weltweit den Wettlauf um knappe landwirtschaftliche Anbauflächen. Regierungen und Privatinvestoren aus Industrie- und Schwellenstaaten erwerben zusätzliche landwirtschaftliche Produktionsflächen in ärmeren Ländern, was große Probleme und Risiken für die lokale Bevölkerung mit sich bringt.

Drittens: Der Handel mit Agrargütern auf den internationalen Finanzmärkten nimmt zu, da dort lukrative Spekulationsgewinne winken. Dies verstärkt die Trends zu steigenden und schwankenden Nahrungsmittelpreisen, was vor allem zu Lasten der ländlichen und städtischen Armen in den Entwicklungsländern geht.

Viertens: Die massiven Agrarsubventionen der EU und anderer Industrieländer verzerren nach wie vor den internationalen Wettbewerb und beeinträchtigen die Wettbewerbschancen ärmerer Länder und der dortigen kleinbäuerlichen Haushalte massiv.

Fünftens: Der Klimawandel wird aller Voraussicht nach die landwirtschaftlichen Anbaubedingungen ausgerechnet in den Regionen verschlechtern, in denen die Menschen bereits jetzt am stärksten von Hunger und Mangelernährung bedroht sind.

Diese Fehlentwicklungen werden wesentlich von uns mit verursacht. Insofern tragen wir eine Mitverantwortung dafür, diese durch geeignete politische Reformen zu beseitigen. Grundlegend dafür ist eine höhere Wertschätzung von Lebensmitteln. Wenn wir uns als Gesellschaft bewusst machen, dass Agrargüter nicht nur eine Ware, sondern „Mittel zum Leben“ sind, würden wir persönlich nicht nur verantwortlicher damit umgehen. Wir würden es als Gesellschaft auch nicht zulassen, dass man Lebensmittel als Treibstoff verheizt, damit auf Finanzmärkten spekuliert oder die Entwicklung ländlicher Räume vernachlässigt.

Professor Dr. Dr. Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie München