Kolumne: Finanzethik ist Zukunftsthema

Professor Frank E. W. Zschaler lehrt an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Foto: priv.
Professor Frank E. W. Zschaler lehrt an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Foto: priv.

Bei einem Oxymoron handelt es sich um eine rhetorische Figur, die aus scheinbar einander ausschließenden Begriffen gebildet wird. Bereits die Römer prägten die Redewendung, dass Geld nicht stinke (Pecunia non olet), bis heute auch als Generalausrede dafür genutzt, bei der Bewertung der moralischen Qualität von Einkommensquellen nicht so genau hinzuschauen. Hat also Geld keine Moral? Ist die Finanzethik als „Widerspruch in sich“ in die Abteilung lebensferner wissenschaftlicher Erörterungen zu verweisen?

Freilich stimmt: Geld an sich hat keine Moral. Da aber Geld und alle anderen Institutionen des Finanzsystems nur durch menschliches Handeln existieren, stellt sich die Moralfrage auch hier. Sie wird von Akteuren und der Öffentlichkeit nicht erst seit dem Beginn der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise 2007 diskutiert. Alle Wirtschaftskrisen der Moderne waren Finanzkrisen und in allen wurde moralisches Fehlverhalten thematisiert.

Dabei müsste man annehmen, dass gerade im Finanzsystem hohe moralische Standards, insbesondere Vertrauenswürdigkeit und Verantwortung, Grundlagen für erfolgreiches unternehmerisches Handeln sind. Neben der notwendigen Sachkompetenz zählen sie traditionell zu den habituellen Eigenschaften von Bankiers, als Tugenden generell zu denen „ehrbarer Kaufleute“.

Auf die Frage, warum im privaten und – nicht erst seit der europäischen Währungs- und Staatsschuldenkrise – im staatlichen Finanzsystem, Vertrauensverluste eingetreten sind und mangelnde Verantwortlichkeit beklagt wird, können keine eindimensionalen Antworten gegeben werden. Die weitgehende Entkopplung von Verantwortung und Haftung im Spitzenmanagement von Kapitalgesellschaften, die Bewertung des Erfolgs von Unternehmensvorständen nach der kurzfristigen Entwicklung zentraler Daten, wie zum Beispiel Börsenwert, Umsatz und Gewinn, und die relativ kurze Verweildauer von Führungskräften in einem Unternehmen sind nur einige Gründe dafür. Da aber viele Unternehmenslenker individuell hohe moralische Standards haben und in der Geschäftspolitik umsetzen, ist eine Generalschelte unangebracht. Dennoch hat sich auch im Finanzsystem eine Nutzenethik breitgemacht, die stark mit Individual- und Gruppeninteressen argumentiert. Das ist aber nicht nur dort der Fall. Außerdem bestehen vielfältige moralische Dilemmata. Unter anderem muss die als Folge wachsender Komplexität einsetzende Diffusion von Verantwortung eingegrenzt werden, um individuelle Konfliktsituationen von Akteuren zu erkennen und nach Lösungen zu suchen.

Eine Schlussfolgerung besteht also darin, grundlegende moralische Prinzipien, unabhängig von dem sofort sichtbaren Nutzen, in unserer Gesellschaft wieder stärker zu machen. Nichts anderes meint der Nachhaltigkeitsbegriff, der in letzter Zeit inflationär und nicht selten inhaltsleer verwendet wird. Sonst beginnt der Schwanz mit dem Hund zu wedeln. Oder anders ausgedrückt: Ein Subsystem zwingt dem System, der Gesellschaft, seine Regeln auf. Genauso wichtig ist es aber, das ist die zweite Schlussfolgerung, einen interdisziplinären Diskurs über die Voraussetzungen zu führen, die im Finanzsystem gegeben sein müssen, um moralisches Handeln der Akteure in einer Welt globalen Wettbewerbs zu ermöglichen. Daran sollen sich nicht nur Wissenschaftler und Politiker beteiligen. Wie die Zukunft der Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft aussieht ist ein Thema der Bürgergesellschaft. Die christlichen Kirchen, ganz besonders die katholische, die mit ihrer Soziallehre seit mehr als 120 Jahren einen Beitrag für eine gerechtere Ordnung leistet, haben hier ein gewichtiges Wort mitzureden. Finanzethik gehört eben zu den wichtigen Zukunftsthemen.

Der Autor ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.