Kolumne: Empathie statt Angst

Was haben Flüchtlinge mit Katastrophen zu tun? Aus einer menschenrechtlichen Perspektive nichts. Flüchtlinge sind keine Katastrophe. Zum Flüchtling wird, wer vor Katastrophen, die von Verfolgung, Krieg, Hunger und Naturgewalten ausgelöst werden, flieht. Die aktuelle Debatte legt jedoch einen anderen Schluss nahe. Oft ist von „Flüchtlingsströmen“ die Rede. Mit diesem Bild sind unterschiedliche Konnotationen verbunden: Wellen und Ströme sind schwer kontrollierbar. Die Wellen eines Tsunamis schwappen über die Deiche und überschwemmen das Festland. Auch Flüchtlingsströme sind schwer „eindämmbar“. Auffällig ist: Umso mehr von Wellen die Rede ist, umso mehr scheinen Flüchtlinge selbst eine Katastrophe zu sein. Gefährlich wird es, wenn dieses Bild Angstgefühle erzeugt. Weil „Ströme“ einfach über uns hereinbrechen, weil wir sie nicht mehr kontrollieren können, haben wir Angst, davon erfasst zu werden. Angst zu haben ist nicht von vornherein schlecht. Angst ist wichtig für die Einschätzung von Gefahren und Bedrohungen. Und doch sollte man achtsam sein, wenn in einer Gesellschaft dieses Gefühl das öffentliche Klima bestimmt. Der Soziologe Heinz Bude kommt genau zu dieser Diagnose und spricht von einer „Gesellschaft der Angst“. Und dies, obwohl es den Menschen in Deutschland im Durchschnitt relativ gut geht.

Und nun die „Flüchtlingsströme“. Als vor zwei Jahren das Thema an Bedeutung zunahm, war eine gewisse Erleichterung darüber spürbar, wie hilfsbereit und offen viele Deutsche auf die Schutzbedürftigkeit von Flüchtlingen reagieren. Heribert Prantl sprach in der Süddeutschen Zeitung gar von einem „Aufstand der Empathie“. Dies alles gilt noch und verdient großen Respekt. Und doch darf nicht ausgeblendet werden, dass sich die Stimmungslage zum Teil geändert hat. Ein Gefühl der Überforderung ist vorherrschend. Auch wenn dieses Klima nicht überall in Überfremdungsängste und Ausländerfeindlichkeit mündet, die Angst, die Kontrolle über die Flüchtlingsströme zu verlieren, hat zugenommen. Auch dies ist nicht von vornherein negativ zu sehen. Bewältigungskapazitäten zu prüfen – dazu ist jedes Gemeinwesen berechtigt. In sozialethischer Hinsicht bewegt man sich hier in einem nicht ganz einfachen Spannungsfeld. Zum einen haben um das nackte Überleben kämpfende Menschen ein Anspruchsrecht auf Schutz. Zum anderen haben Staaten ein Eigeninteresse, den Zutritt zu regeln und zu gestalten. Die Bürger eines Landes wollen nicht einfach nur Veränderungsprozessen ausgeliefert sein, sie wollen sie gestalten. Kontrollverlust schwächt die Souveränität – und macht nicht zuletzt auch deswegen Angst. Politisch gefährlich wird dieser Zusammenhang, wenn Bedrohungsszenarien geschürt werden. Dies ist in der Flüchtlingspolitik meist dann der Fall, wenn die Zahlen rapide steigen. Die Abwehr von Flüchtlingsströmen rückt dann ins Zentrum der Diskussionen. Dabei wird übersehen, dass eine Politik, die sich vorrangig gegen Flüchtlinge und Migranten abschirmen will, sehr kurzsichtig ist. Hier könnte ein Blick in den Katastrophenschutz lehrreich sein. Nicht die Abwehr ist langfristig gesehen erfolgversprechend, sondern die Anpassung an die veränderte Situation. Gesellschaften, die ihr Heil in der Abschottung vor Veränderungen und Gefahren sehen, stehen diesen völlig unvorbereitet gegenüber. Dies ist der Punkt, an dem das Bild von den Flüchtlingsströmen nicht mehr nur gefährlich ist, sondern dabei helfen kann, die Einstellung zu ändern. Nicht zufällig charakterisiert Manuel Castells die globale Weltgesellschaft als „Raum der Ströme“. Jürgen Habermas benutzt das „Bild von anschwellenden Flüssen, die die Grenzkontrollen unterspülen“. Flüssigkeiten sind im Gegensatz zu Festkörpern nicht leicht aufzuhalten – manche Widerstände umfließen sie, andere lösen sie auf oder werden von ihnen aufgesogen oder sickern durch sie hindurch. Und so werden sich auch die Flüchtlingsströme nicht aufhalten lassen. Wir sollten uns darauf einstellen und vorbereitet sein – und einen „Übergang von einer Haltung der Verteidigung und der Angst, des Desinteresses oder der Ausgrenzung … zu einer Einstellung, deren Basis die ,Kultur der Begegnung‘ ist“, fördern (Papst Franziskus).

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für christliche Sozialethik, Ludwig-Maximilians-Universität München; theologischer Grundsatzreferent des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising sowie Lehrbeauftragter an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abt. Benediktbeuern.