Kolumne: Die abgehängte Generation stark machen

Prälat Peter Klasvogt. Foto: KNA
Prälat Peter Klasvogt. Foto: KNA

„I‘ll be there“ – „Ich bin dabei.“ Es ist dunkel im vollbesetzten Saal, als eine einzelne Stimme den Schlusschor anstimmt. Gänsehautatmosphäre. Der Lehrer neben mir flüstert: „Gestern hat sie sich noch nicht getraut. Der Vater hat ihre Mutter umgebracht und sitzt im Gefängnis; das Mädchen lebt jetzt bei den Großeltern.“ Mareike ist eine von 250 Schülerinnen und Schülern einer Hauptschule im Westen der Republik, die mit der Internationalen Musikband GenRosso das Anti-Gewalt-Musical „Streetlight“ auf die Bühne bringen. Eine Woche lang haben die Jugendlichen aus meist schwierigen sozialen Verhältnissen mit den Künstlern von GenRosso in workshops geprobt, gearbeitet, gelacht, dabei aber vor allem eine positive Lebenseinstellung kennengelernt: Einer für den anderen! Liebe ist stärker als Gewalt. – Eine kleine Revolution in einem sozialen Umfeld, in dem Arbeits- und Perspektivlosigkeit oft eine Spur seelischer Verwüstung hinterlassen und Kinder nicht selten körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt sind.

Was tun wir in unserer Gesellschaft eigentlich unseren Kindern an? Und wie bereiten wir die nächste Generation darauf vor, demnächst Verantwortung zu übernehmen? In den größeren Städten und Ballungszentren kommen Familien mit Kindern heute vorwiegend in bildungsfernen, einkommensschwachen Schichten vor, viele mit Migrationshintergrund, sozialräumlich segregiert in verwahrlosten Stadtteilen, im Milieu eines „resignativ-apathischen Gestaltungspessimismus“ (Klaus Peter Strohmeier). In der mittleren und oberen Bildungs- und Einkommensschicht hat sich der Trend zunehmender dauerhafter Kinderlosigkeit dagegen bereits seit vier Jahrzehnten verfestigt. Mit anderen Worten: Die Generation, die unsere Volkswirtschaft in 20 bis 30 Jahren tragen muss, die sich um die Pflege der Alten und die Betreuung des Jungen kümmern und einmal für die Vermittlung unserer Werte stehen soll, wächst heute mehrheitlich unter sozial schwierigen Verhältnissen auf, mit schlechten Bildungs-, Entwicklungs- und Lebenschancen. Wenn man dazu bedenkt, dass rund 17,2 Prozent (1,44 Millionen) der 20- bis 29-Jährigen keine abgeschlossene Berufsausbildung haben (BIBB, 2012), dass rund 50 000 Jugendliche jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen und rund 20 Prozent der 15-jährigen Schüler nur unzureichend lesen, schreiben und rechnen können (Dercks / DIHK, 2012), lässt sich erahnen, dass da eine demografische Zeitbombe tickt.

Was also tun? Finanzielle Hilfen allein reichen nicht hin. Vielmehr müsste unsere Gesellschaft alles tun, um dieser „abgehängten Generation“ eine Sinn- und Lebensperspektive zu geben und ihr ein Wertefundament zu vermitteln. Wenn Papst Franziskus dazu auffordert, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen und in der Solidarität mit jedem Menschen Gottes Liebe erfahrbar zu machen, dann beschreibt das präzise unsere gesellschaftliche Verantwortung. Sind wir dabei?

Mit unserer Stiftung beneVolens fördert die Kommende Dortmund sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche mit Ausbildungspatenschaften, Sozialen Seminaren und Projekten zur Gewalt- und Suchtprävention, zum Beispiel mit GenRosso. Als einige Wochen nach der Aufführung auf dem Schulhof wieder einmal Zoff war und eine Lehrerin ihren Ärger im Unterricht an den Kindern einer 5. Klasse ausließ, stimmte ein Mädchen leise jene Schlussmelodie an. „I’ll be there!“ Ihre Banknachbarin summte mit, und nach kurzer Zeit sang die ganze Klasse, bald auch die Nachbarklassen: „One for you, one for me. It’s the power of love.“ – Einer für den anderen! Das ist die Macht der Liebe!

Der Autor ist Direktor der Kommende Dortmund. www.benevolens.de